Widgets Magazine
11:31 20 September 2019
SNA Radio
    Siegmund Jähn

    Raumflieger Sigmund Jähn: „Gagarin war unser Vorbild“

    © AFP 2019 / Jörg Carstensen / DPA
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    55 Jahre erster bemannter Weltraumflug (10)
    8632
    Abonnieren

    Der DDR-Jagdflieger Sigmund Jähn hat 1978 als erster Deutscher einen Weltraumflug absolviert. Aus Anlass des 55. Jahrestags des ersten bemannten Raumflugs in der Weltgeschichte gab er Sputnik ein Interview.

    Herr Jähn, vor genau 55 Jahren ist der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin als erster Mensch ins All geflogen. Wie haben Sie das damals erlebt, haben Sie die Berichterstattung verfolgt? 

    Natürlich, wir waren sogar ein kleines bisschen stolz. Ich war damals, genau wie Juri Gagarin, junger Flugzeugführer. Er war Kursant und hat sich dann, als klar war, dass es in der Sowjetunion Kosmonauten geben würde, im Oktober 1959 als Kosmonautenkandidat angemeldet und wurde auch angenommen.

    Natürlich gab es solche Träume bei uns nicht. Ich bin etwa zum gleichen Zeitpunkt Flugzeugführer geworden und habe natürlich die sowjetische Raumfahrt verfolgt. Man kann sagen, auch die amerikanische. Die Amerikaner waren ja ein paar Jahre hinterher. Juri Gagarin war für uns als junge Flugzeugführer ein Vorbild, das kann ich sicher sagen.

    Inwiefern hat denn Gagarin denn Ihre eigene Kosmonautenkarriere inspiriert? 

    Ich kann nicht ohne weiteres bejahen, dass er die inspiriert hat, weil keiner von uns daran dachte, in den Weltraum zu fliegen. Es gab dann aber einen Vorschlag von der sowjetischen Seite an die Akademie der Wissenschaften der DDR, dass Flugzeugführer als Kosmonautenkandidaten ausgewählt werden können. Ich hatte vier Jahre eine sowjetische Militärakademie besucht, mein Russisch war nicht schlecht und so wurde ich ausgewählt.

    Wenn Sie an Ihren eigenen Weltraumflug zurück denken: Wie fühlten Sie sich beim Start? Hatten Sie Angst?

    Nein, Angst ist da erstens ein schlechter Ratgeber. Und zweitens, wenn man mal ja sagt zu so einer Geschichte, dann kann man da nicht mit Angst antreten. Natürlich ist man aufgeregt, mein Puls wird sicherlich bei 100 gewesen sein. Aber das habe ich nicht als Angst empfunden, das war es auch nicht.

    Waren Sie denn sicher, dass Sie auch wieder zur Erde zurückkommen?

    Ich habe mir die Frage nicht gestellt.

     

    Man sagt den Kosmonauten nach, dass sie sehr abergläubisch sind. Welchen Glücksbringer hatten Sie? 

    Es war schon so, dass die alten, erfahrenen Kosmonauten im Sternenstädtchen uns sagten: Eine Kleinigkeit kannst du schon mitnehmen, so als Talisman. Das habe ich dann auch gemacht. Ich hatte von meiner kleinen Tochter ein Foto dabei und auch so ein kleines Pionierhalstuch hatte sie mir gegeben. Und das habe ich danach zurückgebracht.

    Was war für Sie bei Ihrem Weltraumeinsatz das Einprägsamste? Welche Erinnerungen, welche Gefühle haben Sie behalten?

    Natürlich ist das, was man immer wieder vor Augen hat —  die Erde von außen. Und dass sie im Vergleich zu den anderen Himmelskörpern relativ klein ist. Wenn ich das heute mit dem Abstand vieler Jahre betrachte, dann ist die Welt nicht besser geworden. Waffen werden nach wie vor gebaut — immer mehr, immer bessere. Und das, was die Kosmonauten erzählen, oder die Leute, die mit dieser Technik in Berührung kamen – man könnte denken, sie reden gegen den Wind. Das ist schade.

    Macht so ein Weltraumeinsatz also ein Stück weit zum Pazifisten? 

    Pazifist… Ich würde mich nicht als Pazifisten bezeichnen. Wir hatten ja ein gewisses Feindbild und ein Feindbild gibt es ja heute auch noch. Die Welt ist schon in einem Zustand, wo man sich fragt: Wird es immer so weitergehen? Dass Waffen immer besser werden, immer zielgenauer, immer schlimmer eigentlich… Und dass die Zukunft der Menschheit aus dieser Perspektive überhaupt nicht klar ist.

    Inwiefern verfolgen Sie heute noch die Raumfahrt? Schauen Sie sich das an, wenn wieder jemand ins Weltall fliegt?

    Natürlich! Ich habe auch gute Freundschaften bis heute. Wir gratulieren uns gegenseitig zum heutigen Tag, ich habe schon im Sternenstädtchen angerufen und auch von dort Glückwünsche bekommen. Wir sind schon eine gewisse Gemeinschaft, aber wir können keinen Einfluss nehmen auf die Veränderungen, die in der Welt nötig wären.  

    Interview: Ilona Pfeffer

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    55 Jahre erster bemannter Weltraumflug (10)
    Tags:
    Siegmund Jähn, Juri Gagarin, Weltraum, UdSSR, Deutschland