19:01 25 Februar 2018
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    30 Jahre Tschernobyl: „Der Mensch kann die Atomkraft nicht beherrschen“ – Arzt

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    Die Lehre aus demTschernobyl-GAU ist dem Strahlenexperten und Arzt Dr. Alex Rosen zufolge ganz klar: Wir müssen aus der Atomenergie aussteigen.

    Die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe von Tschernobyl seien dramatisch, jedoch schwer zu berechnen, sagt Dr. Alex Rosen, Vorstandsmitglied und Stellvertretender Vorsitzender der deutschen IPPNW-Sektion, gegenüber Sputniknews: „Die 800.000 Liquidatoren, meistens junge Männer, haben damals hohe Strahldosen abbekommen und sind sehr krank: Bereits über 100.000 von ihnen sind im jungen Alter gestorben und fast alle haben irgendeine Form von strahlbedingter Erkrankung.“ Außerdem gebe es knapp acht Millionen Menschen, die in hochverstrahlten Gebieten leben: „Diese Menschen haben hohe Raten an Schilddrüsenkrebs, Leukämie, auch an soliden Tumoren, also Brustkrebs, Darmkrebs und hohe Raten an Herzkreislauferkrankungen sowie an genetischen Erkrankungen. Die dritte Gruppe sind Menschen in ganz Europa, die niedrigen Mengen an Radioaktivität ausgesetzt waren. Es ist daher schwer zu sagen, wie viele insgesamt erkrankt sind.“

    „Es gibt keine Tablette gegen Strahlung“ 

    Komplett könne man sich vor Strahlung nicht schützen, erklärt Dr. Rosen weiter: „Es gibt keine Tablette, die man einnehmen kann, oder eine Art Maske, die man anziehen kann.“ Man könne sich jedoch vor radioaktivem Jod schützen: „Das Jod-131, das in einer Atomkatastrophe freigesetzt wird, wird eingeatmet oder durch die Nahrungsmittel bzw. Flüssigkeiten eingenommen. Dagegen kann man eine Tablette – stabiles Jod – einnehmen. Das muss man allerdings einen bis zwei Tage vor Eintreffen der radioaktiven Wolke einnehmen. Und das ist sehr schwer.“

    Außer der Abschaltung des Reaktors gebe es nur noch Notlösungen, so der Experte weiter: „Im Falle eines Super-GAUs ist es wichtig, dass man möglichst nicht unter Regen oder Schnee ist, wo Radioaktivität runterkommen kann, und dass man das Gebiet, wenn möglich, großräumig verlässt. Wenn es nicht möglich ist, soll man sich zu Hause, etwa im Keller, so abdichten, dass möglichst wenig Radioaktivität reinkommt. Aber das sind alles Notlösungen. Letztendlich ist die einzige Möglichkeit, sich zu schützen, die Atomkraftwerke abzuschalten.“

    Die Lehre sei Rosen zufolge ganz klar: „Wir können die Atomkraft nicht beherrschen. Das Menschlichste, was wir haben, ist die Fähigkeit, Fehler zu machen. Jeder Mensch macht Fehler und jede Technik, die vom Menschen gemacht ist, wird Fehler haben. Man muss daher eine fehlerfreundliche Technologie haben, und das ist die Atomkraft nicht. Jeder Unfall hat so unverhältnismäßig große Folgen, dass wir uns auch 30 Jahre später sich noch Sorgen um Hunderte von Millionen Betroffenen in ganz Europa machen. Die Lehre muss deswegen sein, dass wir aus der Atomenergie aussteigen müssen.“

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    Tags:
    Atomkraftwerk Tschernobyl, Alex Rosen, Tschernobyl
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