03:36 08 Dezember 2019
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    Das Haus in Höxter

    Höxter: Aufschlussreiche Zeugenaussagen – „Wurzeln der Untaten liegen in Kindheit“

    © AFP 2019 / Friso Gentsch/dpa
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    Seit ein Todesfall brutale Misshandlungen in einem Haus in Höxter ans Tageslicht gebracht hat, tun sich immer tiefere Abgründe auf: Nun hat die Polizei über die Aussage einer Frau aus dem Großraum Berlin berichtet.

    Achim Ridder, der Sprecher der Sonderermittlung der Polizei Bielefeld, beschreibt die Aussage der Zeugen im Gespräch mit Sputnik folgendermaßen: 

    „Im August 2011 hatte die 51-jährige Frau auf eine Kontaktanzeige des Wilfried W. in einer Zeitung geantwortet. Nach einigen Telefonaten wurde die Frau von den beiden Tatverdächtigen mit einem Auto abgeholt und zum Haus nach Bosseborn gebracht. Während ihres dreiwöchigen Besuches kam es zu keinen Übergriffen. Nach ihrem Aufenthalt hielt sich die 51-Jährige wieder an ihrer Wohnanschrift im Großraum Berlin auf. Es gab weiterhin telefonischen Kontakt zu dem Wilfried W.“ 

    „Ab Ende 2011 bis März 2012 hielt sich das spätere Opfer wieder in dem Haus in Bosseborn auf“, hieß es weiter. „In dieser Zeit wurde sie von beiden Beschuldigten körperlich misshandelt. Sie war nach eigenen Angaben in dem Haus eingesperrt und hatte keine Möglichkeit zu fliehen. Im März 2012 wurde die 51-Jährige nach einer erheblichen körperlichen Auseinandersetzung zu einem Bahnhof transportiert und in einen Zug nach Hause gesetzt. Aus Angst vor angedrohten Gewaltanwendungen durch die Beschuldigten schaltete das Opfer nicht die Polizei ein.“

    Was aber treibt Menschen dazu, andere zu Tode zu quälen? Dazu erklärt Professor Doktor Christian Pfeiffer, von Kriminologischen Forschungsinstitut in Niedersachsen, im Interview mit Sputnik:

    "Solche Taten sind Gott sei Dank selten. Trotzdem gibt es verbindende Grundmuster. Menschen, die ein starkes Bedürfnis haben, jemanden derart zu beherrschen, dass sie wie mit einem Sklaven mit ihm alles machen können, was sie wollen, die ihn drangsalieren, schlagen und sich daran berauschen, welche Macht sie hier ausüben — das sind Menschen, die in ihrer Kindheit und in ihrem Leben massiv unter Ohnmacht gelitten haben und das mit einem Besitzanspruch zu kaschieren versuchen, mit dem totalen Machtanspruch über einen anderen Menschen. Wenn vor Gericht die Gutachter Zugang zu ihnen finden und sie ehrlich über ihre Kindheit reden, dann kommt meistens raus, dass sie extrem gelitten haben unter Ohnmachtsgefühlen, unter Demütigungen, Schlägen, Lieblosigkeit und immer dem Grundbedürfnis, wenn ich mal groß bin, dann zeige ich es allen.“

    „So entsteht ein diktatorisches Grundkonzept, wie man mit anderen Menschen umgeht“, erläuterte der Experte. „Das hat sich bei ihm ja auch darin dokumentiert, dass er ja schon früher massive Vorstrafen wegen Misshandlung einer Partnerin hatte. Wenn dann noch ergänzend hinzu kommt, dass auch das Leben ziemlich verpfuscht läuft, dass man nichts auf die Reihe kriegt, dann steigert sich dieser Wunsch nach Machtausübung noch einmal weiter, weil ja da auch nichts Kompensierendes passiert ist, auf das man stolz sein kann. Wenn das alles zusammenbricht und nur noch das Scheitern bleibt, drückt man sich vor dieser ehrlichen Antwort, indem man so ausrastet und Menschen aufs Fürchterlichste drangsaliert."

    Zu der Komplizin erklärte Professor Pfeiffer: "Da er so ein Diktator und Unterdrücker in seinem sozialen Umfeld ist, hat er es offenkundig geschafft, jemanden ganz hörig zu machen. Sie so zu unterdrücken, dass sie mitspielt. Man muss abwarten, was der Prozess im einzelnen bringt — er schweigt ja und leugnet alles — aber sie scheint ja zu reden und das,  was sie vorträgt, klingt wohl doch so glaubhaft, dass wahrscheinlich die Justiz ihrer Darstellung folgen wird.“

    Die nur wenig mehr als 500 Einwohner zählende nordrhein-westfälische Ortschaft an der Grenze zu Niedersachsen zeigt sich fassungslos. Ein für das Wochenende geplantes Dorffest sagte der Heimatschützenverein ab. Man ist zutiefst betroffen über die Geschehnisse in dem beschaulichen Ort. 

    Interviews: Matthias Witte

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    Tags:
    Polizei, Achim Ridder, Höxter