22:11 10 Dezember 2019
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    Die Herausgeberin des „Kinderbuchs des Krieges“, Tatjana Kusnezowa

    „Kinderbuch des Krieges“: Herausgeberin hofft auf weltweites Echo

    © Sputnik / Maksim Blinov
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    Die Kriegstagebücher sowjetischer Kinder sind in ins Englische übersetzt worden. Die Herausgeberin des „Kinderbuchs des Krieges“, Tatjana Kusnezowa, spricht über die grausame Wahrheit der Kinder in den Kriegsjahren und erzählt, wie diese einmaligen Erzählungen von Zeitzeugen gesammelt wurden und warum es sich lohnt, das Buch zu lesen.

    Das „Kinderbuch des Krieges“ wurde von der Redaktion der Wochenzeitung „Argumenty i Fakty“ erstellt und herausgegeben. Die englischsprachige Version wurde mit Unterstützung von Sputniknews veröffentlicht.

    Warum war es so wichtig, das „Kinderbuch des Krieges“ ins Englische zu übersetzen?

    Wie wollten so sehr, dass man von diesem Buch hört, dass Menschen in der ganzen Welt von diesen Tagebüchern erfahren und davon, dass Kinder hier so etwas durchlebten. Wir schicken die englischsprachige Version an 100 führende Universitäten der Welt, übergeben sie an einflussreiche Massenmedien in fast 200 Ländern. Zum 9. Mai werden russische Botschafter das Buch den Staatsoberhäuptern der Länder, in denen sie Russland vertreten, überreichen.

    Wir haben im vergangenen Jahr die russische Ausgabe des „Kinderbuches des Krieges“ an verschiedene internationale Organisationen geschickt, das Buch wurde mit Dankbarkeit angenommen, aber uns war auch klar, dass es in russischer Sprache nicht gelesen wird.

    Wen haben Sie mit der Übersetzung ins Englische betraut?

    Das ist der bekannte Übersetzer Andrew Bromfield, er übersetzte schon Werke von Leo Tolstoi und Michail Bulgakow, der Gebrüder Strugazki, Boris Akunin, Viktor Pelewin und anderen russischen Autoren. Weil der Umfang groß und die Fristen knapp waren, bekam er Hilfe von Rose France und Anthony Hippisley.

    Während der Arbeit entstanden viele Fragen. Man musste die Realitäten unseres Lebens erklären. Zum Beispiel, was NKWD und ShAKT (Wohngemeinschaften in Leningrad) bedeuten. In ihren Blockade-Tagebüchern schrieben die Kinder, wie aus tierischem Knochenmehl bestehender Holzleim häufig als Lebensmittel genutzt wurde – man brühte daraus Gelee. Die Übersetzer präzisierten mehrmals, ob sie das alles auch wirklich richtig verstanden haben.

    Kinderbuch des Krieges
    © Sputnik / Maksim Blinov
    Kinderbuch des Krieges

    Wie wurden die Tagebücher für die russische Ausgabe gesammelt?

    In der Zeitung „Argumenty i Fakty“ hatte es zuvor einige Artikel gegeben, deren Hauptprotagonisten den Krieg als Kind überlebten und damals Tagebücher führten. Journalisten behielten diese Geschichten im Gedächtnis. Für uns war es erstaunlich, dass sich 70 Jahre fast niemand an diese Tagebücher erinnerte. Nicht einmal, als die ganze Welt das Tagebuch von Anna Frank gelesen hat.

    Es gibt das Tagebuch von Tanja Sawitschewa, die sowohl bei uns, als auch in der ganzen Welt bekannt ist. Es gibt das Tagebuch von Jura Rjabinkin, das ins „Blockadebuch“ von Daniil Granin und Ales Adamowitsch aufgenommen wurde. Das war’s. Wir haben begonnen, zu suchen, schickten Anfragen an Archive und Museen in Moskau und Sankt Petersburg, auch in die Regionen. Wir wandten uns in der Zeitung an die Leser – einige brachten Tagebücher aus den Familienarchiven.

    Wie viele Tagebücher haben sie gesammelt?

    35. Für  uns war es interessant, das Schicksal dieser Kinder zu verfolgen. Jedes Tagebuch hat ein Vorwort. Es gibt Autoren, die noch leben. Wir sprachen auch mit den Familienangehörigen derjenigen, die verstorben sind.

    Diese Arbeit hat uns alle erschüttert. Wir hielten in den Händen diese Blätter, diese Notizblöcke. So ist beispielsweise der Notizblock von Jura Utechin so groß wie eine Hand. Er wohnt heute in Moskau, ist ein bekannter Augenarzt geworden. Sein Bruder, der zusammen mit ihm die Blockade überlebte, ist bis heute als praktischer Arzt in St. Petersburg tätig.

    Ihre Eltern – ebenfalls Ärzte – arbeiteten tagsüber, weshalb die Kinder ins Kinderheim geschickt wurden. Das Tagebuch von Jura Utechin – ein kleines Notizbuch – ist die Chronik des Lebens im Kinderheim. Dort sind herzzerreißende Bilder zu finden – Schweinskeule, Hühnchen, belegte Brötchen mit Kaviar – alles, wovon ein hungriges elfjähriges Kind träumte.

    Es gibt das Tagebuch von Anja Arazkaja aus Stalingrad. In ihrer Familie gab es neun Kinder, sie flohen aus der brennenden Stadt und versteckten sich in einem Erdbunker. Der Vater wurde von einem Scharfschützen erschossen. Wo konnte man da noch Papier finden? Anja schrieb, dass sie selbst nicht gedacht hatte, dass sie in solchen Tagen ein Tagebuch führen würde. Das sind furchtbare Notizen – auf irgendwelchen Blättern, die heute im Museum der „Schlacht von Stalingrad“ aufbewahrt werden.

    War es für Kinder ein inneres Bedürfnis, alles niederzuschreiben?

    Ja, einige schrieben direkt: „Ich habe beschlossen, alles niederzuschreiben, was passiert.“ Rund ein Drittel der Kindertagebücher wurden am 22. Juni 1941 begonnen. Die Kinder haben also verstanden, dass etwas sehr Wichtiges passierte und man das festhalten muss. Kleine Kinder schrieben einfach eine Chronik – über das Wetter, was und wieviel sie gegessen haben, wer von ihren Verwandten starb. Jugendliche schrieben reifere Texte –Versuche, das Geschehene, sich selbst und die Angehörigen zu verstehen.

    Einige führten das Tagebuch ein Jahr lang, andere zwei Jahre. Einige kamen ums Leben, während sie das Tagebuch führten – wie Jura Rjabinkin. Oder Mischa Tichomirow, der einen Tag nach seinem letzten Eintrag bei einem Bombenangriff ums Leben kam. Seine Schwester, die jetzt in Budapest wohnt, übergab uns sein Tagebuch. Sie erzählte, dass die Familie von Mischas Tagebuch wusste, es wurde jedoch lange Zeit nicht geöffnet. Es war zu schwer, es zu lesen.

    Was erschüttert besonders in diesen Texten?

    Viele reagieren so: „Das ist ein schockierendes Buch, es ist schwer zu lesen.“ Ja, es ist schwer zu lesen, es ist grausame Wahrheit, geschildert in ungeschickter Kindersprache. Doch zugleich steckt hier so viel Leben! Hier sind Liebe, kindlicher Humor, Respekt gegenüber den Eltern und zugleich eine negative Beurteilung der Erwachsenen zu finden. In diesen Tagebüchern steckt viel Leben, das ist absolut faszinierend!

    Blockade von Leningrad: 872 Tage in der Hölle
    © Sputnik / Izrail Ozerskiy

    Galja Simnizkaja schreibt, wie sie zu Beginn der Blockade, als die Menschen bereits hungerten, zusammen mit der Mutter in ein Einkaufszentrum geht und Badeanzüge suchen. Sie erzählt das mit so viel Humor, schreibt, dass die Verkäuferin sie wie Verrückte ansah und dachte, vielleicht wissen sie etwas, was andere nicht wissen…

    Roma Krawtschenko-Bereschnoj beschreibt, wie vor seinen Augen die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt erschossen wurde. Er hielt alles sehr genau fest. Die bittersten Seiten dieses Tagebuchs – als neben ihm ein Lastwagen zum Ort der Exekution vorbeifährt, in dem das Mädchen Frida sitzt – seine erste Schulliebe.

    Roma zog zusammen mit der Roten Armee in den Krieg nach Europa, sein Vater holte sein Tagebuch und übergab es den Offizieren der Roten Armee, die Kremenez befreiten, wo die im Tagebuch beschriebenen Ereignisse stattfanden. Diese Notizen wurden später als Zeugenangaben für die Verbrechen der Faschisten beim Nürnberger Prozess genutzt. Der Jugendliche hat also alles so genau festgehalten, die ganzen Gräueltaten, sogar Familiennamen, das dies zu einem echten historischen Dokument wurde.

    Ab welchem Alter kann man mit Kindern über Tod sprechen? Können Kinder das Buch schon lesen?

    Der westliche Militärsonderbezirk (Westfront)
    © Foto : Ministry of Defence of the Russian Federation

    Das Bildungsministerium hat empfohlen, das Buch in der Schuloberstufe zu lesen. Aber es gibt auch Tagebücher von Kindern im Alter von neun bis zehn Jahren, die einfach alles festhalten, was um sie herum passiert. In einer Zeile können zugleich zwei Phrasen auftauchen  – „heute gab es eine halbe Frikadelle zum Mittagessen“ und „heute starb Papa“ – das war ihr Leben.

    Die Schüler der unteren Jahrgänge können dieses Buch also selektiv lesen. Ältere Kinder müssen dieses Buch unbedingt lesen. Die Tagebücher wurden von Gleichaltrigen geschrieben. Krieg und Leben – das liegt alles nahe beieinander. Das sind keine Erinnerungen von älteren Menschen, sondern Texte darüber, was hier und jetzt passiert. 

    Gab es bereits Feedback zur russischsprachigen Fassung des Buches?

    Ja, wir bekommen immer weiter neue Tagebücher. Einige Tagebücher wurden uns von Museen und Archiven, einige von Lesern der „Argumenty i Fakty“ übergeben. Alle, die das Buch ein einziges Mal in die Hände nahmen, waren erschüttert von dem, was sie da gelesen haben.

    Das englische Buch ist hier erhältlich.

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    Kinderbuch des Krieges, Großer Vaterländischer Krieg, Tatjana Kusnezowa