00:08 18 November 2019
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    Direktor des Museums Karlshorst: Aufklärung im Dienste der Gedenkkultur

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    Das deutsch-russische Museum Karlshorst ist das einzige Museum, das sowohl von der Russland, als auch von Deutschland getragen wird. Es befindet sich an dem historischen Ort der Unterzeichnung der Kapitulationserklärung der Wehrmacht am 8.Mai 1945. Der Direktor des Museums, Dr. Jörg Morré, im Gespräch mit Daniela Hannemann.

    Herr Dr. Morre, in diesem Jahr wurde traditionell in Ihrem Museum der 08. Mai gefeiert, der Tag an dem dort die Kapitulationserklärung von Deutschland unterzeichnet wurde – warum eigentlich gerade in Karlshorst?

    Die Unterzeichnung in Karlshorst war eigentlich ein historischer Zufall, die Rote Armee kam ja aus Richtung Osten nach Berlin, über die B1 grob gesagt, und fand in Karlshorst, also in einem Vorort, eine völlig unversehrte Kasernenanlage vor. Das war ein gefundenes Fressen für eine Armee und dort war auch kurzzeitig das Hauptquartier von Marschall Schukow, und weil die Kapitulation selber auch im Grunde dann relativ schnell und vergleichsweise unerwartet kam — nämlich zuerst in Reims am 07. Mai, brauchte man dann in Berlin relativ schnell einen Ort, um diese Kapitulation noch einmal zu wiederholen. So kam es dann, dass man sich in Karlshorst traf.


    Das Museum setzt jedes Jahr einen Schwerpunkt auf die Gedenktradition in einem anderen europäischen Land. In diesem Jahr war es Dänemark– warum?

    Unser Hauptthema ist ja der Krieg gegen die Sowjetunion, das zeigen wir in der Dauerausstellung. Wir haben Lesungen dazu, wir haben Gedenkveranstaltungen. Zusätzlich haben wir eine Podiumsdiskussion und einen Vortrag, bei dem wir in diesem Jahr vorstellen, wie sich Dänemark an das Kriegsende erinnert. Irgendwann wollen wir mal die ganze europäische Erinnerungskultur hinsichtlich des Kriegsendes abbilden, natürlich vor dem Hintergrund, das wir an das Kriegsende aus deutscher, russischer, weißrussischer und ukrainischer Sicht ja immer erinnern.

    In Deutschland gibt es ja, traditionell in Ost und West eine recht unterschiedliche Gedenkkultur, während in der DDR der 09. Mai als Tag der Befreiung gefeiert wurde, war das im Westen anders.  Bezeichnenderweise ergibt das auch eine Umfrage, die wir aktuell durchgeführt haben. Demnach glaubt etwa die Hälfte der Deutschen, dass es die USA waren, die den größten Beitrag zum Sieg gegen Hitler geleistet haben – wie sehen Sie diese Unterschiede in der Gedenkkultur? Überrascht Sie das Ergebnis der Umfrage?

    Das Ergebnis finde ich tatsächlich überraschend. Also erstmal zu den unterschiedlichen Erinnerungstraditionen, nennen wir es mal so. Ja, in Westdeutschland, im alten Westen war der 8. Mai immer so eine Leerstelle und ist es ein Stückweit bis heute geblieben. Im Osten ist es staatlich verordnet worden, von daher kam keiner drum herum. Wie weit es daher mit Inhalt gefüllt wurde, das stand auch immer etwas auf wackligen Füßen, und wenn Sie jetzt so ein Umfrageergebnis erwähnen, dann wäre es schon interessant zu schauen, gibt es einen signifikanten Unterschied zwischen den alten und den neuen Bundesländern.

    Zum zweiten Teil der Frage, warum das so ist: Ich denke, da hat der Kalte Krieg viel Schaden angerichtet. Denn im Westen unter Adenauer, in der jungen Bundesrepublik, war die Westbindung an der Tagesordnung — es gibt diese zwei Kapitulationsakte, ich hatte es ja schon einmal erwähnt, am 07. Mai war die Kapitulation in Reims, die ja auch ein Stückweit Zufall war. Dahinter steckte aber ein Kalkül der Wehrmacht, die versucht hat, im Westen zu kapitulieren und im Osten weiter zu machen. Und da muss man zur Ehrenrettung von Eisenhower, also den Amerikanern sagen, dass sie damals die Bedingung stellten, entweder ganz oder gar nicht.

    Der erste Schritt war eben im Westen, so dass die westliche Erinnerungskultur auf Reims fokussiert ist, die sagt, na der Osten, das war dann nur noch so im Nachklapp, um Stalin einen Gefallen zu tun. Das sehen wir in Karlshorst anders. Berlin war wichtig. Auf der einen Seite die Kapitulation in der Reichshauptstadt, sie war die Ratifizierung dieses Schrittes in Reims, und man hat in Berlin die tatsächlich Kommandierenden unterschreiben lassen. Also die, die über die Soldaten was zu sagen haben, nämlich für die Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe, Marine. In Reims war es Jodl, frei übersetzt der Generalstabschef, letztlich der oberste Bürosoldat. Und das ist militärisch schon ein Unterschied.

    Wie sehen Sie da Ihre Rolle, als deutsch-russisches Museum? Ist es Ihnen wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten? Und wie sieht das dann konkret aus?

    Natürlich ist die Aufklärung wichtig, und wenn sie jetzt auch diese Umfrage erwähnen, dass die Mehrheit der Befragten meinen, der größte Beitrag zur Besiegung des Nationalsozialismus sei letztendlich von den USA gekommen, da möchte ich schon sagen, dann sollen sie mal unser Museum besuchen. Denn natürlich müssen wir darüber aufklären, was dieser Krieg im Osten, wie er ja von vielen wahrgenommen wird, wirklich war, nämlich ein ganz schlimmer Vernichtungskrieg.

    Und wenn wir Bilanz ziehen, ganz schlimme Opferzahlen, nämlich 27 Millionen Tote, der europäische Teil der Sowjetunion zerstört. Und natürlich für die Sowjetunion ein Kampf ums Überleben, den sie gewonnen haben, weshalb man verstehen kann, warum sie sich bis heute so freuen. Und die Aufklärung ist natürlich unsere Dauerausstellung, dass möchte ich doch bei aller Bescheidenheit noch einmal unterstreichen, die sehr sehenswert ist. Und natürlich, dass wir am 8. Mai dieses Museumsfest machen. Wir nennen es extra Museumsfest und nicht Siegesfest, weil wir wissen, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt, das soll auch so sein, aber wir fänden es schön, wenn man sich am 8. Mai bei uns einfindet und das dann auch diskutiert.
    Deshalb ist auch unser Konzept, in jedem Jahr ein anders europäisches Gastland mit hinzu zu nehmen. Und dann haben wir natürlich das laufende Jahr über Sonderausstellungen, Veranstaltungen sehr viel zum Thema des deutsch-sowjetischen Krieges und der Erinnerungskultur. Es wird ein bisschen mehr zum Thema der Nachkriegszeit, weil ja nun eben auf deutschem Boden, also auf der DDR-Seite faktisch bis 1994 sowjetische und später russische Soldaten gestanden haben und es da einfach noch eine sehr lange Beziehungsgeschichte gibt.

    Im letzten Jahr startete eine Internetplattform – dort kann man die Grabstätten von gefallenen sowjetischen Soldaten markieren, sodass eine virtuelle Landkarte mit Grabstätten und Denkmälern entsteht – wie ist dieses Projekt angenommen worden?

    Das ist sehr gut angenommen worden. Sehr viele Aktivitäten laufen übers Internet. In dem Moment, wo wir online gegangen sind, haben wir sehr viele Zuschriften bekommen, letztlich von Leuten, die sich vor Ort um diese Gräber kümmern, die daran ein Interesse haben — manche sind dann auch losgelaufen und haben das überprüft. Man muss dazu sagen, wir haben das gemeinsam mit der Russischen Botschaft gemacht, da gibt es ein Büro für Kriegsgräberfragen und wir sind da auch sehr stark unterstützt worden von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“, also von der Zwangsarbeiterstiftung, salopp gesagt, weil eben ein Großteil dieser Gräber Zwangsarbeitergräber sind. Und die sind überall in Deutschland an rund 3500 Orten, und das hat eine große Welle geschlagen und schlägt es auch noch, so dass wir aus den Regionen nach wie vor noch viele Zuschriften bekommen. Auch übrigens von russischer Seite, wo sich Leute gemeldet haben und gefragt haben „Wir haben gesehen, unser Vater liegt da und da, wie kommen wir denn da hin. Was wisst ihr sonst noch?“ Das müssen wir dann abgeben an die Suchdienste, das können wir nicht leisten als Museum. Aber die Datenbank ist eben komplett zweisprachig, und so haben wir da auch eine große Wahrnehmung im russischsprachigen Raum.

    Das heißt, da gab es dann auch Fälle, dass Leute ihre Angehörigen dann doch noch so gefunden haben, also herausgefunden haben, wo sie liegen?

    Ja, dazu muss man sagen, es gibt schon vom russischen Verteidigungsministerium eine sehr gut bestückte Datenbank, mit ganz vielen Dokumenten, wo auch Ortsnamen vorkommen. Aber diese Ortsnamen sind natürlich für irgendeinen russischen Bürger, der da in Wladiwostok sitzt, nicht zuzuordnen. Über unsere Datenbank bekommt er dann auch nun Punkt auf der Landkarte, Geokoordinaten, die er dann in sein Navigationssystem eingeben kann. Er hat Adressen, von den zuständigen Behörden vor Ort kann er schreiben, aber er kriegt ganz handfeste Daten, und da ist dann auch ein Foto, da kann er dann sehen, wie dieser Friedhof aussieht.

    Wie steht es generell um die Gedenkkultur, gerade im Anbetracht der derzeit schwierigen Zeiten? In den letzten Jahren gab es ja immer wieder, besonders im Baltikum oder in Polen, Versuche, Grabstellen mit Kriegsgräbern zu entfernen oder Denkmäler umzugestalten. Wie sieht die Situation in Deutschland aus?

    In Deutschland ist der Erhalt der Kriegsgräber gesetzlich geregelt, dem kommen alle Kommunen nach. Die Öffentlichkeit nimmt es vielleicht nicht immer so wahr. Hier in Berlin haben wir ja die großen sowjetischen Ehrenmäler in Treptow, im Tiergarten und auch in Schönholz. Manche reiben sich daran, weil es eine gewisse architektonische Gestaltung gibt (also im Tiergarten beispielsweise stehen Panzer vor dem Denkmal), die jetzt hier eben nicht so gängig ist. Aber die Diskussion, wenn man das vergleichen will, mit Polen oder dem Baltikum, über die Besatzer, die gibt es in dieser Schärfe hier nicht. Und das führe ich auch ein Stück darauf zurück, dass es hier eben auch eine breite Diskussion gab über den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, also ein Großteil der Bevölkerung auch über die Problematik weiß. Nicht alle sind damit einverstanden, dass da in Treptow ein riesiges Ehrenmal steht mit Stalinzitaten, schön in Goldlettern, und der Denkmalschutz da alle zehn Jahre die Schrift nachzieht und das alles in Stand hält, aber es geht nicht so weit, dass sie sagen, dass muss man jetzt hier alles einebnen und abreißen lassen.

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    Tags:
    Sowjetunion, DDR, Zweiter Weltkrieg, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst, Konrad Adenauer, Jörg Morré, Deutschland, Russland