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06:36 19 Juli 2019
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    Befreiungskinder

    „Befreiungskinder“ aus Österreich auf den Spuren ihrer russischen Väter

    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
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    71. Tag des Sieges (45)
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    15.000 „Befreiungskinder“ gibt es zurzeit schätzungsweise in Österreich. Diese Zahl wurde bei der Präsentation der russischen Ausgabe des Erinnerungsbuches von Eleonore Dupuis genannt.

    Sie wurden nach 1945 in Österreich oft als „Russenkinder“ bezeichnet – jene Kinder, deren Mütter Österreicherinnen waren und deren Väter zu den 400.000 Rotarmisten gehörten, die Österreich vom Nationalsozialismus befreiten. Deshalb haben sie sich nie als Besatzungskinder, sondern als Befreiungskinder gesehen. Mit Stolz erzählen sie von der großen Liebe ihrer Eltern, die doch nicht zusammenleben konnten.

    So lernte auch Eleonore Dupuis ihren Vater nie kennen. Sie hat kein Foto von ihm und kennt nur die Erzählungen ihrer Mutter. Er musste Österreich noch vor ihrer Geburt im Jahr 1946 verlassen. Vermutlich wusste er gar nicht, dass er Vater geworden war. Viele Jahre suchte Eleonore Dupuis ihn in Moskauer Archiven, trat in Fernsehsendungen auf, schrieb an das Internationale Rote Kreuz, an die Kommunistische Partei Russlands, ja sogar an den Sicherheitsdienst FSB.

    Eleonore Dupuis
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Eleonore Dupuis

    Während ihrer Reisen durch Russland wurden ihr die Kultur, die Menschen und die Sprache des Landes ihres Vaters immer vertrauter. Und die Suche nach den Wurzeln ihrer Familie wurde zur Suche nach ihrer eigenen Identität. Darüber erzählt sie einfühlsam in ihrem Buch „Befreiungskind“ und motiviert gleichzeitig Menschen mit ähnlichem Schicksal, den gleichen Weg zu gehen und sich miteinander zu vernetzen.

    Nach 1945 galten die sogenannten „Besatzungskinder“ lange Zeit oft als „Kinder des Feindes“. Obwohl ihre Väter de jure doch keine Feinde waren, erlebten diese Kinder immer wieder unterschiedliche Formen von Diskriminierung. Ihre „Schande“ bestand nicht nur darin, meist un- oder außerehelich geboren worden zu sein, sondern auch noch darin darin, den „falschen“ Vater zu haben. Jahrzehntelang mussten sie versteckte und weniger versteckte Anspielungen hören.

    Befreiungskinder
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Befreiungskinder

    Auch in der ehemaligen Sowjetunion wurde dieses Thema lange tabuisiert. Schließlich war es den Soldaten der Roten Armee verboten, persönliche Kontakte mit westlichen Frauen zu unterhalten. Eheschließungen mit Österreicherinnen waren nicht gestattet. Zu groß war die Angst vor einer ideologischen Beeinflussung durch den kapitalistischen Westen.   

    Der westliche Militärsonderbezirk (Westfront)
    © Foto : Ministry of Defence of the Russian Federation
    Eleonore Dupuis hat auch einen DNA-Test gemacht, aber die Suche nach ihrem Vater blieb ergebnislos. Tatjana Herbst folgte ihrem Beispiel und hat im Alter von 42 Jahren ihren Vater noch zu dessen Lebzeiten in Smolensk gefunden. Ihre Mutter hat ihr einst erzählt, dass sie sich in einen russischen Soldaten verliebt hatte. Als sie ihr Kind entbunden hatte, konnte sie Nikolaj Taranenko nicht mehr finden. Er war angeblich weitergezogen. „Meine Mutter war ihr Leben lang traurig“, sagte Tatjana Herbst im Sputnik-Interview. „Es war die große Liebe. Es ist traurig, wenn man ein Kind austrägt, und der Mann weg muss. So bin ich ohne Vater groß geworden, weil meine Mutter niemanden mehr geheiratet hat. Sie hat nur Nikolaj geliebt.“

    Tatjana Herbst besuchte ihren Vater zuerst mit ihrem Mann, dann auch mit ihrer Mutter. Er war schon längst verheiratet, hat aber seine Tochter mit Freude empfangen. Das Treffen ihrer beider Eltern sei nach Tatjanas Worten ein Wahnsinn gewesen. „Es war sehr aufregend! Eine große Liebe, wie im Film! Seine Gattin war aber eifersüchtig, wie alle Russinnen. Meine Eltern haben einander dann viele Briefe geschrieben:,Du bist meine große Liebe. Mein Herz wird wieder jung.‘ Meine Mutter konnte etwas Russisch.“

    Tatjana Herbst (links) und ihre Halbschwester Swetlana
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Tatjana Herbst (links) und ihre Halbschwester Swetlana

    Tatjana Herbst wird in diesem Sommer wieder nach Smolensk reisen, um das Grab ihres Vaters zu besuchen. Auch ihre Mutter lebt nicht mehr. In der historischen Stadt in Westrussland wohnt nun noch ihre Halbschwester Swetlana (die Tochter ihres Vaters), mit der sie durchaus eine verwandtschaftliche Beziehung pflegt.

    Nikolaj Jolkin

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    Themen:
    71. Tag des Sieges (45)
    Tags:
    Zweiter Weltkrieg, Rote Armee, Eleonore Dupuis, Österreich, Russland