20:24 18 November 2019
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    Twitternde Bäume erzählen vom Wetter: Zukunftreiches Experiment in Gent und Britz

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    Bäume sollen jetzt mit Menschen kommunizieren und twittern, wie es ihnen gerade geht. Wissenschaftler vom Pflanzenforschungsinstitut an der Uni Gent haben zu dem Zweck Bäume verkabelt. Kathy Steppe, Professorin für Pflanzenökologie an der Uni, erklärt im Sputnik-Interview, wie das funktionieren soll und warum die Bäume eigentlich twittern sollen.

    Kathy, wie twittern denn Bäume?

    Die Bäume twittern durch Pflanzen-Sensoren. Also, wir installieren Pflanzen-Sensoren am Stamm und diese geben dann Signale ab. Diese Signale werden dann in Botschaften übersetzt, welche wiederum als Tweet gesendet werden.

    Kann man also sagen, dass die Bäume wirklich sprechen?

    Sie machen tatsächlich so etwas Ähnliches wie Sprechen, aber es ist eine Interpretation der Sensor-Signale. Wir messen zum Beispiel den Fluss des Pflanzensaftes, wir errechnen wieviel Wasser die Pflanze konsumiert hat und dann ist es der Baum, der am Ende des Tages twittert, wieviel Wasser er an dem Tag getrunken hat und wieviel er an dem Tag gewachsen ist.

    Wenn also die Kiefer in der Nähe von Britz twittert: "Mein Pflanzensaft hat angefangen zu fließen" — was sagt uns das also?

    Im Grunde sagt einem das, dass der Baum in dem Moment aktiv ist. Dass der Saft gerade angefangen hat zu fließen. Es findet also Transpiration statt. Und das gibt einem eine Idee davon, wie viel Wasser die Pflanze gerade verbraucht. Wenn der Baum also jetzt nicht am Leben wäre und nicht aktiv wäre, dann gäbe es keinen Bericht, dass der Fluss angefangen hat.

    Ihr habt also verschiedene Bäume in Belgien und einen in Brandenburg verkabelt — welche Idee steckt dahinter?

    Die Idee ist, ein noch größeres Netzwerk zu schaffen. Wir haben tatsächlich in Belgien angefangen, dann kam der Baum in Britz dazu, aber die Idee ist es, in erster Linie ein europaweites Netzwerk zu haben. Man kann sich dann vorstellen, dass man quer über Europa — vom Norden bis zum Süden — twitternde Bäume hat. Wenn dann zum Beispiel eine Hitzewelle in den Wetterberichten gemeldet wird, die aus dem Süden kommt und nach Norden zieht, dann kann man nicht nur auf die Wetterkarten gucken, sondern auch die Bäume werden melden, die Hitzewelle ist so und so weit gekommen und nun ist auch der Norden von der Hitze beeinträchtigt. Es ist also eine Art Netzwerk von sprechenden Bäumen und diese Bäume informieren uns. Die Öffentlichkeit und auch Leute, die biodynamische Maßnahmen ergreifen müssen oder organisieren müssen, die können also diese Information vom Baum selbst erhalten. Das ist ein großer Vorteil im Vergleich zu den herkömmlichen Wetterkarten, die wir im Moment in der Wissenschaft benutzen.

    Ihr wollt also noch viel mehr Bäume verkabeln?

    Genau, dafür brauch man viele Bäume, und wir haben mittlerweile ein ganzes Netzwerk von Leuten, die interessiert sind. Wir bauen also jetzt die Systeme und dann müssen wir sie noch an den relevanten Bäumen anbringen, so werden wir unser Netzwerk erschaffen.

    Wie viele Bäume plant ihr also so zu vernetzen?

    Daran denke ich eigentlich nicht in Zahlen, aber die Idee ist tatsächlich, dass wir uns vom Norden in den Süden bewegen, und dass wir vielleicht mit 20 pro Standort beginnen, und ich bin mir sicher, dass dann viele mehr folgen werden. Hier in Belgien haben sich zum Beispiel schon Leute aus Naturschutzgebieten gemeldet — oder auch Leute, die Führungen durch Wälder machen — es wird also in großem Ausmaß wachsen, da bin ich mir sicher.

    Was für Ausrüstung braucht ihr dafür? Ist die sehr teuer?

    Es gibt gerade eine große Nachfrage nach diesen Sensoren. Und diese verwenden wir auch in unseren Labors und überlegen uns, wie man ein Plug-and-Play-System zu einem vernünftigen Preis zusammenstellen kann. Die Sensoren kosten natürlich ihren Preis, das dazugehörige System hat seinen Preis, die Homepage und der Cloud-Service haben ihren Preis, aber wir versuchen gerade alle herauszufinden, wie man die Preise optimieren kann, so dass so viele Leute wie möglich in die twitternden Bäume investieren können. Ich habe aber noch keine feste Zahl. Die Idee ist aber natürlich, dass wir es so billig wie möglich halten wollen.

    Man kann also auch als Privatperson seinen Baum ausstatten?

    Ganz genau. Das ist genau der Gedanke. Hier in Belgien gibt es zum Beispiel jemanden aus einem großen Waldgebiet, der daran interessiert ist, einige seiner Bäume beobachten zu lassen. Für ihn selbst als Information und auch für seine Touristenführungen und um ihnen zu erklären was diese Bäume eigentlich machen, wie sie das Klima beeinflussen und wie das Klima sie beeinflusst. Es ist halt ein nettes Instrument für Leute, die darin interessiert sind, wie Natur funktioniert und was für eine Auswirkung der Klimawandel auf unsere Wälder haben wird. Leiden diese Bäume? Ja oder nein? Oder wachsen sie sogar besser? Ja oder nein? Das ist also der Gedanke und ja tatsächlich, einzelne Leute können auch dran teilnehmen.

    Wenn also jemand daran interessiert wäre, könnte er sich bei Euch melden?

    Genau, so sieht es aus. Man kann mir eine E-Mail schicken. Und auch wenn jemand daran interessiert ist, sich anzugucken, wie es den Bäumen geht, kann man zu treewatch.net gehen und dort sieht man dann alle Bäume, die gerade transpirieren. Bei dem guten Wetter sowieso, in Belgien zumindest.

    Hier in Berlin ist das Wetter auch gerade super.

    Okay, dann könnten sich die Bäume darüber unterhalten, wie schön das Wetter ist.

    Hier geht es zum Projekt: treewatch.net/

    Interview: Bolle Selke

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    Tags:
    Bäume, Tweet, Kathy Steppe