06:08 19 Juli 2018
SNA Radio
    Ein Holster

    Run auf Schreckschusspistolen in Bayern – „Das irrationale Gefühl der Angst“

    © Flickr/ aliengearholsters.com
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    4164

    Rüstet Bayern auf? Im Jahr 2015 wurden doppelt so viele Anträge auf den Kleinen Waffenschein gestellt, wie im Vorjahr. Liegt das an der Angst vor Flüchtlingen? Und wie gefährlich sind die Waffen, die man mit diesem Waffenschein legal erwerben darf?

    Auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen hin legte das Innenministerium nun genaue Zahlen offen, was die Anzahl der sogenannten Kleinen Waffenscheine in Bayern betrifft. So sind 2015 insgesamt 5748 davon  ausgestellt worden. Im Vergleich dazu waren es 2014 bloß 2379. Anfang 2016 ist eine weitere deutliche Zunahme zu beobachten gewesen mit 7435 Waffenscheinen im Februar und 4677 im März.

    Trotz dieser Entwicklung sieht Ingo Meinhard, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Büchsenmacher und Waffenhändler, keinen Grund zur Sorge, wie er Sputnik-Korrespondentin Ilona Pfeffer im Interview sagte.

    Herr Meinhard, im Jahr 2015 soll sich gegenüber dem Vorjahr die Zahl der Anträge auf den sogenannten Kleinen Waffenschein in Bayern verdoppelt haben. Können Sie das bestätigen? Und wenn ja: Worauf führen Sie das zurück?

    Die Zahlen selber können wir nicht bestätigen – die Zahlen für die Anzahl der Kleinen Waffenscheine geben die zuständigen Waffenbehörden heraus. Was wir als VDB bestätigen können, ist, dass tatsächlich nach den Anschlägen von Paris im November des Jahres 2015 die Nachfrage nach freien Abwehrmitteln im Fachhandel deutlich gestiegen ist.

    Haben Sie denn genaue Zahlen? Von wieviel Waffen sprechen wir denn hier? 

    Waffen muss man zuerst mal differenzieren, denn wir sprechen hier von freien Abwehrmitteln, maximal einer Schreckschusspistole, und nicht von scharfen Schusswaffen. Leider gibt es hierüber allerdings keine absolute Datenerhebung oder Statistiken.

    Sie sagten Schreckschusspistolen – was fällt denn noch unter diesen Kleinen Waffenschein?

    Ausschließlich Schreckschusspistolen. Der Kleine Waffenschein bedeutet, dass ich mich mit der Schreckschusspistole in der Öffentlichkeit bewegen darf. Kaufen darf eine Schreckschusspistole in Deutschland jeder Bürger ab 18 Jahren.

    Und wie gefährlich sind diese Pistolen?

    Wenn ich sie richtig anwende, sind sie genau dafür da, dass nichts im Prinzip passiert, beziehungsweise maximal ich in einer Notwehrsituation mich aus dieser Situation befreien kann.

    Welchen Schaden kann denn so eine Pistole anrichten, wenn man jetzt zum Beispiel aus nächster Nähe auf eine Person schießt? 

    Gefährlich werden kann natürlich ein sogenannter "aufgesetzter Schuss", sprich: Wenn ich eine Schreckschusspistole auf ein Körperteil aufsetze, dann kann es da natürlich zu starken Verbrennungen kommen, denn aus einer Schreckschusspistole entweichen ziemlich heiße Gase, aber keine Projektile, also keine Kugeln. Und welche Voraussetzungen muss man denn erfüllen, um diesen Kleinen Waffenschein zu bekommen? Wird da z.B. geprüft, ob ein Mensch vielleicht schon vorbestraft ist?

    Genau. Grundsätzlich, bei der Beantragung eines Kleinen Waffenscheins bei der zuständigen Waffenbehörde werden Sie als Person bei verschiedensten Behörden überprüft, zum Beispiel natürlich, ob Sie vorbestraft sind.

    Welche Rückmeldungen haben Sie denn von den Händlern selber? Können Sie etwas darüber sagen, wer diese Waffen kauft und mit welcher Motivation? 

    Nicht nur Schreckschusswaffen, sondern alle freien Abwehrmittel, sprich vom Pfefferspray über CS-Gas bis hin zu Schrillalarm oder Hochleistungstaschenlampen kaufen ganz normale Bürger wie Sie und ich. Es gibt dort keine Differenzierung nach Geschlechtern, nach Altersgruppen oder Berufsgruppen.

    Können Sie etwas über die Motivation sagen, warum die Menschen jetzt plötzlich so viele Waffen kaufen und gerade in Bayern? 

    Die Menschen in Deutschland, natürlich auch in Bayern kaufen so viele freie Abwehrmittel aus dem Grund, dass sie verunsichert sind, verunsichert aufgrund von Terroranschlägen oder auch von der Silvesternacht, wo mitunter ja in Bayern, in München, der Hauptbahnhof gesperrt wurde. Angst ist ein irrationales Gefühl und ich komme auf einmal in die Situation, dass ich ein sogenanntes Sicherheitsdefizit habe, welches ich wieder auffüllen möchte, um mich wieder sicher zu fühlen. Und dazu sind dann legale, freie Abwehrmittel bestens geeignet.

    Wenn so viele Menschen, von denen die meisten wahrscheinlich keine Waffenausbildung oder Sonstiges haben, jetzt mit Waffen herumlaufen, finden Sie das nicht gefährlich? Sollte man wirklich die Waffen so ohne weiteres herausgeben?

    Die Menschen, die sich eine Schreckschusspistole kaufen, haben mit dem Kauf ihr Ziel erreicht: Sie fühlen sich wieder sicher. Und in der Regel liegt die Schreckschusspistole zu Hause. Die Menschen, die einen Kleinen Waffenschein beantragt haben und den dann auch irgendwann bekommen – selbst davon werden die wenigsten mit der Schreckschusspistole tagtäglich in der Öffentlichkeit unterwegs sein. Der VDB-Fachhandel wiederum berät nicht nur beim Verkauf von Schreckschusspistolen, sondern gibt auch weiter reichende Hilfestellung: Kontakte zum Schützenverein, um den Umgang mit dieser Schreckschusspistole zu üben. Und nur dadurch, wenn ich mit einer Schreckschusspistole den Umgang übe, habe ich auch eine sichere Handhabung, um im Ernstfall einer Notwehrsituation gewappnet zu sein.

    Können Sie denn eine Prognose abgeben hinsichtlich der Zahl der Anträge beziehungsweise der tatsächlich verkauften Waffen für das laufende Jahr? Glauben Sie, das wird sich noch weiter steigern?

    Im Moment nein. Wir stellen im Fachhandel fest, dass nach den Anschlägen von Paris und auch nach der Silvesternacht wir mittlerweile im Mai wieder auf einem ganz normalen Verkaufs- und Nachfrageniveau sind. Denn man darf nicht vergessen: Nicht jedes Mal, wenn etwas auf der Welt passiert, gehen die Bürger in den Fachhandel und kaufen sich erneut eine Schreckschusspistole oder ein Abwehrspray. Sondern, wenn die sich jetzt was gekauft haben, fühlen die sich sicher. Wenn dann wieder was passieren sollte, dann sagen diese Menschen halt: "Ich habe ja etwas!"

    Vielleicht noch eines ganz zum Schluss: Die Menschen, die sich im Moment oder in der jüngsten Vergangenheit mit Abwehrmitteln eingedeckt haben, haben mit dem Kauf ihr Ziel – gefühlte Sicherheit – erreicht. Und die Menschen, die einkaufen oder eingekauft haben, sind ganz normale, gesetzestreue, rechtschaffene Bürger dieses Landes. Und die allerwenigsten von denen werden einen Missbrauch mit diesen Abwehrmitteln herbeiführen. Sondern schlicht und ergreifend: Das Sicherheitsgefühl ist hergestellt – und fertig. Denn die Menschen, die mit Abwehrmitteln missbräuchlich umgehen, sprich Kriminelle, die kaufen sich oder haben sich diese Sachen mit Sicherheit vor diesen Anschlägen bereits beschafft.

    Es liegt ja nahe zu denken, dass es in Bayern eben daran liegt, dass da auch die Grenznähe ist, das heißt, dass die Leute auch teilweise Angst haben vor Flüchtlingen oder Fremden. Und das ist ja ein Phänomen, das leider immer öfter in Deutschland auftritt, dass sich Bürgerwehren, zum Beispiel, bilden, weil sie eben Angst haben vor den Flüchtlingen. Glauben Sie nicht, dass diese Menschen mit den entsprechenden Waffen vielleicht auch in dieser Hinsicht Schaden anrichten könnten?

    Nein, das glaube ich nicht, denn, wie Sie sagen: Wenn sie angegriffen werden und sich verteidigen müssten, wenn ich ein Abwehrmittel habe – ob Abwehrspray oder auch Schreckschusspistole –, dann benutzt das der Normalbürger tatsächlich erst dann, wenn er in eine Notwehrsituation kommt. Und hier stellt sich die Frage: Wer kommt denn überhaupt in eine Notwehrsituation, wieviel Promille der Bevölkerung sind es denn überhaupt? Und damit relativiert sich die Anzahl der Käufe und der Einsatz dieser Schreckschusspistolen. Ganz im Gegenteil – wenn ich Angst vor Flüchtlingen habe, empfehle ich persönlich: Nehmen Sie Kontakt mit den Flüchtlingen auf, lernen Sie sie kennen.

    Uns als Verband geht es nicht darum, dass sich die Bürger in Deutschland bewaffnen. Uns geht es als Verband oder auch unseren Mitgliedsunternehmen darum, dass die Leute vernünftig beraten werden. Es werden auch im Fachhandel Menschen weggeschickt, wenn der Fachhändler das Gefühl hat: Der will damit jetzt Unfug anstellen. Dem wird dann zum Beispiel auch was nicht verkauft. Auch Bürger, die in den Fachhandel kommen und sagen: "Ich möchte jetzt irgendwas haben, ich fühle mich unsicher!", die kaufen dann auch keine Schreckschusspistole, sondern die kaufen sich dann halt eine Taschenlampe und einen Schrillalarm. Also, nicht alles das, was man jetzt unter diesem Kleinen Waffenschein verpackt, bedeutet auch Schreckschusspistole, sondern es ist ein ganzes Portfolio an Produkten, die im Moment verkauft werden.

    Tags:
    Schreckschusswaffe, Migranten, Bayern, Deutschland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren