17:47 18 Dezember 2018
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    Massenmord in Hessen

    Massenmord in Hessen: Eines der Opfer bei lebendigem Leib zerstückelt

    © AFP 2018 / Stephanie Pilick / dpa
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    Manfred Seel soll über vier Jahrzehnte hinweg im Kreis Taunus Frauen getötet und zerstückelt haben. Auch der bisher ungeklärte Mord an dem 13jährigen Tristan Brübach kann möglicherweise mit dem Täter in Verbindung gebracht werden. Zur Klärung der Mordserie wurde nun die spezielle Arbeitsgruppe „Alaska“ gebildet.

    Sputniknews-Korrespondentin Ilona Pfeffer sprach mit Holger Thomsen von der AG „Alaska“ über den Stand der Ermittlungen.

    Herr Thomsen, was ist denn bisher zu dem Serienmord in Hessen bekannt?

    Wir haben eine Tat, wo wir in zwei blauen Tonnen eine zerstückelte Leiche gefunden haben. Da haben wir keinen kriminalistischen Zweifel daran, dass wir sie der Person, dem Herrn Manfred Seel zuordnen können. Aufgrund der speziellen Tatbegehungsweise bei dieser Leiche haben wir weitere Leichen aus den letzten Jahren und Jahrzehnten überprüft und haben auf ähnliche Verletzungsmuster geachtet. Mittlerweile haben wir zumindest vier Taten gefunden, wo wir sagen: Aufgrund der Ähnlichkeit der Taten vermuten wir einen engen Zusammenhang.

    Wie weit sind Sie denn dabei in der Zeit zurückgegangen und wie haben Sie das überhaupt eingegrenzt?

    Eingegrenzt haben wir eigentlich gar nicht. Wir haben grundsätzlich alle ungeklärten Fälle seit Ende des Zweiten Weltkrieges genommen und haben geschaut. Die ältesten Fälle, wo das Verletzungsbild sehr markant ist und an das erinnert, was wir in diesen blauen Tonnen gefunden haben, sind zwei Fälle aus dem Jahre 1971.

    Gehen Sie denn davon aus, dass noch mehr Opfer gefunden werden?

    Wir können auf jeden Fall nicht ausschließen, dass es noch weitere Opfer gibt. Das Problem ist, dass die Opfer zu einem großen Teil aus dem Prostituiertenmilieu kommen. Es sind gerade Prostituierte, die damit ihren Drogenkonsum finanziert haben. In diesem Milieu ist es nicht unüblich, dass Frauen verschwinden. Es kann sein, dass sie den Ausstieg gefunden haben, die Stadt wechseln oder möglicherweise auch, dass sie verstorben sind. Und niemand meldet sie vermisst. Das heißt, es kann weitere Opfer geben, von denen die Polizei nicht einmal weiß, dass sie vermisst sind.

    Manfred S. soll die Leichen aus sexuellen Motiven zerstückelt und Leichenteile aufbewahrt haben. Hat er sich denn an den Opfern auch sexuell vergangen?

    Nein, nicht im klassischen Sinne. Diese sexuelle Obsession ergibt sich nicht aus dem Bedürfnis heraus, sich sexuell zu befriedigen, sondern hier geht es um die Lust nicht nur am Töten selbst, sondern danach auch die Personen zu zerstückeln und zu zerstören.

    Manfred S. ist 2014 67-jährig verstorben. Wie erklären Sie sich, dass er nie entdeckt worden ist?

    Er hat ein vollkommen unauffälliges Leben geführt: Er war voll integriert in die Gesellschaft, er hatte eine Familie und einen Freundeskreis. Er war Mitglied in einer Band. Er war musikalisch, er war philosophisch interessiert. Er war durch und durch ein angenehmer, normaler Zeitgenosse. Kein Mensch wäre jemals auf die Idee gekommen, dass er noch eine zweite, eine dunkle Seite hat mit diesen speziellen Vorlieben.

    Aber die Zerstückelung und Beseitigung der Leichen muss doch mit einem gewissen Aufwand verbunden gewesen sein und auch nicht ganz unauffällig. Wie konnte er das denn machen?

    Wo es tatsächlich zur Tötung kam, können wir gar nicht so genau sagen. Wir müssen uns immer daran orientieren, wo die Leichen aufgefunden wurden. Das sind häufig Bereiche, wo selten Menschen langkommen. Da kann mal der Zufall mitwirken, dass z.B. ein Spaziergänger eine Wahrnehmung macht, aber darauf verlassen kann man sich leider nicht. In allen uns vorliegenden Fällen gab es keine Zeugen, die auffällige Wahrnehmungen gemacht haben. Es gibt also von damals auch keine Zeugenbeschreibung eines Täters, der da rumlief. Wir können bei unserem Tatverdächtigen deswegen auch nicht sagen: Jawohl, das sieht ihm ähnlich.  

    Die Ermittler verbinden mittlerweile auch den Mord an dem 13-jährigen Tristan Brübach mit Manfred S. Wie passt das zusammen, wo der Täter doch anscheinend nur Prostituierte tötete?

    Wir denken, dass es bei den Prostituierten in erster Linie darum ging, dass sie leicht verfügbar sind. Aufgrund ihres Berufes steigen sie natürlich schnell in ein Auto ein und sind von da an relativ wehrlos. Diese leichte Verfügbarkeit gab es grundsätzlich auch bei dem 13-jährigen Tristan Brübach. Es gibt auch Ähnlichkeiten in der Tatausführung. Der eine Tatstrang ist die Tötungshandlung selbst, wo wir sehen, dass die Gewalteinwirkung gegen den Hals zu derjenigen passt, die wir auch bei den Prostituierten sehen. Der zweite Tatstrang ist die Gewalt gegen den Körper über die Tötungshandlung hinaus, wo mit einem scharfen Gegenstand der Körper aufgeschnitten wurde und Dinge entnommen wurden. Das sehen wir ebenfalls bei den zugrundeliegenden Fällen. Als drittes und besonderes Merkmal haben wir einen weiteren Strang, nämlich war es in einem Fall einer Prostituierten so, dass ihre Schuhe markant neben ihrem Kopf aufgestellt wurden. Das ist eine Leistung des Täters gewesen, die ausdrücklich nichts mit der Tötung oder der Zerstörung des Körpers zu tun hatte. Das ist also eine ganz eigene Entscheidung gewesen, die sehr speziell ist. Tatsächlich wurden bei Tristan Brübach auch die Schuhe speziell auf dem Leichnam abgestellt. Wir sagen: Das ist möglicherweise kein Zufall.

    Wenn der Täter so speziell gewesen ist – wie kommt es dann zu der Theorie, dass der Täter möglicherweise einen oder mehrere Mittäter hatte? Wie passt das zusammen und was spricht dafür?

    Wir arbeiten mit der operativen Fallanalyse in München und hier in Hessen zusammen, wo Psychologen mit eingebunden sind. Die sagen tatsächlich aus der Vergangenheit heraus: Die meisten Sexualtäter arbeiten allein. Wenn es aber um sexuellen Sadismus geht, dann gibt es diverse Fallbeispiele, wo zu zweit gearbeitet wurde. Einmal haben wir die Tötungshandlung, die auf eine andere Art entstanden ist, als die spätere Zerstörung des Körpers. Das ist noch kein Beweis, aber das sind zumindest Möglichkeiten, dass hier zwei Täter gearbeitet haben.

    Wenn Sie von Sadismus sprechen: Hat denn der Täter seine Opfer gequält bevor er sie umgebracht hat oder ging es mehr um die Zerstückelung hinterher?

    Wir haben bei dem letzten Opfer, von dem wir wissen, tatsächlich Hinweise darauf, dass das Opfer noch gelebt hat, als die ersten Zerstückelungen stattfanden.

    Unter der Leitung des Hessischen Landeskriminalamts im Polizeipräsidium Frankfurt am Main wurde die Arbeitsgruppe AG Alaska eingerichtet. Was erhoffen Sie sich von der AG?

    Zum einen versuchen wir, ganz klar die Täterschaft zu untermauern. Was wir haben, sind ja erstmal Annahmen. Durchaus qualifizierte Annahmen, die wir schon begründen können. Aber der klare, eindeutige Beweis – der fehlt uns. Wir hoffen also, noch klare Beweise zu finden. Auf der anderen Seite wissen wir nicht, ob es vielleicht noch weitere Taten gibt, die wir noch gar nicht im Fokus haben. Da erhoffen wir uns also möglicherweise noch weitere Taten und Tatorte.

    Jetzt gab es ja am Donnerstag eine Pressekonferenz dazu. Was erhoffen Sie sich denn von den Medien und der Zivilgesellschaft?

    Hinweise von Personen, die sich bei uns melden, die vielleicht den Herrn Seel oder eines der Opfer kannten. Wir haben Lichtbilder von ihnen im Internet eingestellt, jeder kann sich das anschauen. Wenn jemand Kontakt zu diesen Personen hatte, dann interessiert uns das grundsätzlich sehr, weil wir weiterhin versuchen müssen, das Leben aufzuhellen, damit wir mehr und mehr erkennen können, wie die Leute getickt haben und wie es zu diesen Situationen gekommen ist.

    Laut Pressemitteilungen sollen Sie bereits erste Hinweise erhalten haben. Können Sie mir dazu etwas sagen?

    Wir haben tatsächlich erste Hinweise erhalten, da ist aber keine Spur dabei, wo wir einen glasklaren Erfolg sehen.

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    Tags:
    Holger Thomsen, Hessen