13:47 03 April 2020
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    "Fair Play mit Mördern" - so heißt das Anfang 2016 erschienene Buch von Gerhard Mewes. Darin beschreibt Mewes seine Erfahrungen als Trainer des Fußballvereins Eintracht Fuhlsbüttel, auch Santa Fu genannt. Das Besondere: Die Spieler sind Häftlinge der JVA Hamburg-Fuhlsbüttel.

    Sputniknews-Korrespondentin Ilona Pfeffer hat den Ausnahmetrainer interviewt.

    Herr Mewes, seit 36 Jahren trainieren Sie die Eintracht Fuhlsbüttel. Können Sie sich noch an den ersten Tag als Fußballtrainer in der JVA erinnern? Wie fühlten Sie sich, hatten Sie Angst?

    An den ersten Tag kann ich mich nicht mehr so genau erinnern, aber ich weiß, dass ich seinerzeit mit sehr gemischten Gefühlen in die Anstalt gegangen bin. Aber ich muss auch sagen, dass die Begleitung – der damalige Sportbeamte in der JVA – das auch verstanden hat und mich sehr gut begleiten konnte.

    Wie ist die Idee, eine Fußballmannschaft zu gründen, von den Häftlingen am Anfang angenommen worden?

    Die Initiative ist ja von den Häftlingen selbst ausgegangen, die ein geordnetes Fußballspielen in der JVA haben wollten. Untereinander gab es damals aber noch keine Einigkeit und dann hat man sich an den Hamburger Fußballverband gewandt. Ich habe damals als junger Trainer beim Verband mitgearbeitet und wurde dann gefragt, ob ich diese Aufgabe übernehmen würde. Da habe ich natürlich nicht lange gezögert.

    Nun sind ja in der JVA keine Kleinkriminellen untergebracht. Ihre Klientel besteht aus richtig schweren Jungs, darunter auch Mörder, Vergewaltiger und Terroristen. Ich stelle mir vor, dass es da ganz schön schwierig ist, seine Autorität als Trainer zu behaupten…

    Darüber habe ich mir in den Anfangsjahren eigentlich gar nicht so viele Gedanken gemacht. Ich war als junger Trainer mit Mitte-Ende dreißig fachlich kompetent, ich hatte Mut, war schwungvoll und habe auch den Ton dieser Leute, die mir völlig fremd waren, gleich gefunden. Es hat sich relativ schnell ein Vertrauensverhältnis entwickelt, das heißt, jeder Teilnehmer wusste, dass ich nicht zum Vollzug gehöre und auch kein Sozialarbeiter bin, der sie therapieren soll. Es ging da ausschließlich um Fußball.

    Aber wie war denn der Ton untereinander? Selbst beim „normalen“ Fußball ist er ja öfter mal rau und im Vollzug stelle ich mir einen noch raueren Ton vor. Wie setzt man sich da durch?

    Eigentlich ist er gar nicht so rau. Ich war ja damals jung und ehrgeizig und habe auch Vereinsarbeit gemacht, daher konnte ich diesen Ehrgeiz auch vertreten gegenüber den Häftlingen, die eigentlich nur Fußball spielen, aber auch richtiges Training erleben wollten. Sie wollten sich am liebsten für die Zeit der sportlichen Betätigung vom Vollzug lösen – physisch ging das zwar nicht, aber zumindest ähnlich, wie sie es vor ihrer Haftzeit im Verein erlebt haben.  

    Wie ist es mit der persönlichen Ebene? Sie haben sicher mit der Zeit die Einzelschicksale näher kennen gelernt und von den teilweise erschreckenden Taten erfahren. Wie geht man damit um?

    Anfangs wollte ich gar nicht so viel von den Taten der Häftlinge wissen, ich habe mich eher innerlich davon distanzieren wollen. Das ging aber gar nicht. Je stärker das Vertrauen wurde, das sie mir entgegen brachten, desto mehr war ich an dem interessiert, was sie mir von sich aus erzählten. Erst im Laufe der Zeit machte ich mir Gedanken, wieso der Einzelne, den ich als netten Menschen kennenlernte, einen Mord begehen konnte. Ich traute mich dann mehr und mehr nachzufragen. In den ersten zwei bis drei Jahren war das so gut wie unmöglich.

    Kicken im Knast: Eintracht Fuhlsbüttel
    © Foto : Gerhard Mewes
    Kicken im Knast: Eintracht Fuhlsbüttel

    Haben einzelne Geschichten Sie berührt oder schockiert? Was haben Sie für sich daraus gemacht?

    Dieses Gefühl von damals kann ich eigentlich gar nicht richtig beschreiben, das ist mir erst vor zwei bis drei Jahren bewusst geworden, als ich begann, meine Erfahrungen niederzuschreiben. Ich bin in diesem Fahrwasser drin gewesen, habe mich entsprechend verhalten, aber heute erst weiß ich, was es für diese Menschen bedeutet hat, dass jemand dagewesen ist, der ihnen zugehört hat, der sie nicht in Bausch und Bogen noch einmal verurteilte, sondern sie so angenommen hat, wie sie waren.

    Was waren die besonders krassen Fälle?

    Es waren Fälle, die in der Öffentlichkeit auch bekannt waren. Da war z.B. Mounir Al Motassadeq, einer der Attentäter vom 11. September 2001. Das war natürlich auch eine besondere Größenordnung für einige Muslime, die so einen Menschen um sich hatten. Das war schon sowas wie Starkult. Das konnte ich beobachten und für mich war das natürlich auch etwas Besonderes. Es gab auch andere Täter, wie einen jungen Afghanen, der seine Schwester mit 23 Messerstichen getötet hatte.

    Man hört ja, dass in Gefängnissen eine besondere Hierarchie herrscht, auch abhängig von den Taten, die jemand begangen hat. Konnten Sie eine ähnliche Hierarchie auch innerhalb Ihres Teams feststellen?

    In den über drei Jahrzehnten hat sich auch innerhalb des Vollzugs viel geändert. Als ich 1980 anfing, gab es den sogenannten humanen Vollzug. Da gab es eine Urlaubsregelung, selbst in diesem Hochsicherheitsgefängnis. Die Leute führten sich gut und dann hatten sie Urlaubsanspruch. Auch innerhalb der Anstalt konnten die rund 500 Gefangenen quasi in jede andere Zelle gehen, die Türen waren geöffnet. Man konnte untereinander alles bereden, ohne dass ein Beamter immer in der Nähe war. So trafen sich natürlich auch viele wieder, die gemeinsame Taten begangen hatten. Es bildete sich dabei aber auch die Ausgrenzung bestimmter Personen, wie z.B. von Sexualstraftätern, die etwas mit Kindern gemacht hatten, heraus. Erst viel später, als sich auch die politische Landschaft in Hamburg veränderte, hieß es vom damaligen Justizsenator: Die Haft muss wieder härter werden. Durch Umbaumaßnahmen wurden die einzelnen Abteilungen voneinander abgegrenzt, die Hofgänge wurden limitiert, es wurden viele Dinge eingeführt, die dazu geführt haben, dass auch untereinander Isolation stattfindet. Das wiederum habe ich auch im Sportbereich mitbekommen. Dass diese Dinge nicht mehr so offen ausgetragen werden konnten im normalen Vollzug und sich oftmals dann während der Trainingszeiten zeigten. Also dass bestimmte Leute zusammenhielten und andere ausgrenzten. Es war eine große Herausforderung für mich, diese Menschen, die sich gegenseitig ablehnten, zu einem Team zu formen und eine leistungsstarke Mannschaft stellen zu können, die gegen auswärtige Mannschaften auch eine echte Chance haben konnte. 

    Zu Auswärtsspielen dürfen Sie ja nicht fahren, aber dafür Heimspiele ausrichten. Wie muss ich mir so ein Spiel vorstellen? Gibt es besondere Sicherheitsvorkehrungen? Werden Fans zugelassen? Gibt es Sponsoren?

    Sponsoren, wie man sie aus Profivereinen kennt, gibt es nicht. Aber der Hamburger Fußballverband hat über viele Jahre Material zur Verfügung gestellt, wie Bälle und Trikots. Der ein oder andere, den ich persönlich aus der Fußballszene kenne, hat auch Sachen gespendet. Daher ist im Prinzip alles so gelaufen, wie bei jedem anderen Verein auch, außer, dass wir keine Zuschauer haben und niemand die Spiele von außen sehen kann. Die Schiedsrichter müssen ihre Entscheidungen natürlich auch unter besonderen Umständen treffen.

    Unter Ihren Schützlingen gibt es auch solche, die nach ihrer Haftstrafe versuchen, auch in Freiheit mit dem Fußball weiter zu machen. Gibt es Erfolgsgeschichten, die Sie erzählen können?

    Ich habe in all den Jahren versucht, nicht nur die Vergangenheit des Schwerverbrechers zu analysieren, die persönliche Begegnung zielte vielmehr auf die Prognose für die Zukunft ab. Nämlich über Fußball wieder in die Gesellschaft hineinzufinden, über die soziale Kompetenz auch einen Neuanfang nach der Haft zu machen, ohne dass man im alten Milieu verschwinden oder mit neuen Taten wieder auffällig werden muss. Das ist mir in einigen Fällen gelungen, darauf bin ich auch sehr stolz.

    Wenn Sie ein Plädoyer für Fußball in Haftanstalten halten müssten, wie würde sich das anhören?

    Unabhängig davon, was ein Mensch getan und welchen Schaden er angerichtet hat: Die Grundbedürfnisse eines Menschen bleiben so oder so erhalten. Die Freude an der Bewegung, am Sport. Freude, sich innerhalb einer Gemeinschaft so zu bewegen, dass man Anerkennung bekommt, dass man das Gefühl hat, dass man auch gebraucht wird. Das alles gibt es im Fußball, das kann man alles entwickeln. Man kann neue Erkenntnisse gewinnen und neue Perspektiven für sich entwickeln. Und dabei muss Einem geholfen werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Bundesrepublik auch nur eine JVA gibt, die diese Grundelemente nicht auch einbringen könnte, um diesen jungen Menschen behilflich zu sein, um eine Perspektive für ein neues Leben zu finden.

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    Tags:
    Santa Fu, Fußball, Gerhard Mewes, Ilona Pfeffer, Hamburg