06:15 25 September 2020
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    Euro-2016 in Frankreich (135)
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    Neben einheimischen sind auch deutsche Verbindungsbeamte bei der Fußball-EM im Einsatz. Sputnik-Korrespondentin Ilona Pfeffer hat mit Polizeioberrat Uwe Ganz über die Arbeit seiner Delegation gesprochen – wie sie mit gewaltsamen Ausschreitungen von Hooligans und massiven Störungen im Stadion fertig werden, zu denen es dort ständig kommt.

    Herr Ganz, nun sind ja schon etliche Vorrundenspiele gelaufen, darunter auch zwei Deutschland-Spiele. Was für Aufgaben erfüllen Sie vor Ort, was fällt in Ihren Verantwortungsbereich?

    Wir sind mit zwölf deutschen Polizeibeamten in Frankreich im Einsatz. Von diesen zwölf arbeiten zwei in Lognes in einem CCPI. Das ist ein Zentrum zur Koordination von Information, ein Lagezentrum. Dort sind sie mit anderen Kollegen aus ganz Europa zusammen. Die anderen zehn Beamten sind jeweils an den Spielorten vor Ort. Sie haben dort die Aufgabe, die französischen Kollegen zu beraten und zu unterstützen. Wir führen ihnen z.B. aus Deutschland bekannte Störer zu, wir sprechen Störer an und führen sie aus ihrer Anonymität. Wir erklären aber auch Fanverhalten, damit es zu keinen Missverständnissen kommt. Also was ist ein freundlich-fröhliches Feiern und wo schlägt die Stimmung in Aggressivität um.

    Sind denn auch Beamte in den Stadien selbst eingesetzt?

    Richtig. Wir handeln grundsätzlich so, wie die französischen Behörden es sich wünschen. Einsätze sprechen wir miteinander ab und in aller Regel ist es so, dass der Einsatz bereits einen Tag vor dem Spieltag beginnt. Das bedeutet für uns konkret: Jetzt am Montag werden wir schon im Stadtgebiet von Paris auf Streife sein und am eigentlichen Spieltag dann natürlich auch.

    Können Sie einen typischen Arbeitstag beschreiben, wenn Sie so einen Spieltag haben?

    Am Spieltag werden wir morgens gegen neun Uhr aus Cerise von den französischen Kollegen abgeholt. Wir verlagern dann nach Paris selbst und beginnen dann die Einsatzkonzeption umzusetzen, die wir in den Tagen davor besprochen haben.  Unsere SKBs – also Szenekundige Beamte – laufen dann gemeinsam mit den französischen Beamten Streife an den sogenannten Hotspots: an Bahnhöfen, Fantreffs, Kneipenvierteln und ähnlichen Orten. Das geht dann den ganzen Tag so. Immer da, wo wir Personen angetroffen haben, die wir für gewaltbereit halten, bleiben wir dran und es werden Einsatzkräfte hinzugezogen, damit man bei einem Fehlverhalten schnell reagieren kann. Je näher wir Richtung Anstoß rücken, umso mehr konzentrieren wir uns auf das Stadion. Wir sind also im Stadion selbst vertreten, bleiben aber auch im Stadtgebiet.

    Was ist das Besondere an Deutschland-Spielen? Unterscheiden sie sich für Sie, was den Einsatz betrifft, von anderen Spielen?

    Die Delegationen haben ja jeweils „ihre Spiele“ zu betreuen. Seit 1992 gibt es das Konzept, dass neben den qualifizierten Fußballverbänden auch Polizeidelegationen eingeladen werden. Und so ist jede Delegation für ihre entsprechenden Spiele zuständig. Für Deutschland war es so: In der Eröffnungspartie gegen die Ukraine in Lille, im zweiten Spiel in St. Denis gegen Polen und jetzt bereiten wir uns auf das Spiel am Dienstag gegen Nordirland vor.

    Welchen Austausch gab es im Vorhinein mit den französischen Kollegen, welche Informationen wollten sie von Ihnen haben?

    Es gibt ein internationales europäisches Netzwerk, das ist der NFIP (National Football Information Point). Die Vertreter dieser Arbeitsgruppe treffen sich drei Mal im Jahr, tauschen Erfahrungen aus und beraten sich über die Entwicklungen. Im letzten Jahr stand natürlich die Fußball Europameisterschaft dort im Mittelpunkt. Es gab auch einen großen Sicherheitsworkshop im April in Paris. Wir benötigen natürlich Informationen über die französische Sicherheitsstruktur. Ganz einfach ausgedrückt: Wie stellen sich die Franzosen vor, diese EM sicher zu machen und welchen Part sollen die Polizeidelegationen dazu beitragen?

    Haben Sie denn auch Unterschiede in der Herangehensweise der französischen und der deutschen Beamten bemerkt, z.B. im Umgang mit Hooligans?

    Ja, das ergibt sich schon aus den unterschiedlichen Rechtsgrundlagen. Jedes Land muss ja innerhalb seiner Grenzen entscheiden, was einsatztaktisch und einsatzrechtlich möglich ist. In Frankreich gibt es kein Gefahrenabwehrrecht, so wie wir das in Deutschland kennen. In Frankreich als Polizei präventiv einzuschreiten ist an wesentlich höhere gesetzliche Hürden gebunden bzw. zum Teil gar nicht möglich.

    Angesichts der Ausschreitungen, die es in Marseille und dann auch in St. Etienne gab, würden Sie da sagen, die Polizei und die Sicherheitsdienste haben effizient gearbeitet?

    Das kann ich aus der Ferne schlecht beurteilen, ich war ja nur bei den Spielen in Lille und St. Denis. Was zu den Ausschreitungen geführt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Dafür sind wir als Delegation auch zu klein. Wir müssen uns auf unsere Aufgaben konzentrieren. Solche Zwischenfälle haben oftmals ganz unterschiedliche Ursachen.

    Haben Sie dennoch die Möglichkeit, darauf schnell zu reagieren und Ihre Strategie gegebenenfalls anzupassen?

    Wir stehen ja im ständigen Austausch mit den Sicherheitsbehörden. Hier vor Ort sprechen wir uns mit den Pariser Kollegen ab: Was ist hier erforderlich, was sind Situationen, die es besonders zu beachten gilt? Wie wollen wir hier miteinander arbeiten, wie funktioniert der Informationsfluss von den Szenekundigen Beamten an die Franzosen, von den Zivilkräften zu den uniformierten Kräften? Ich kann nur sagen, in Lille und Paris ist die Zusammenarbeit mit den französischen und auch mit den ukrainischen und polnischen Kollegen recht gut gelaufen.

    Wie erklären Sie sich, dass die kroatischen Fans Bengalische Feuer ins Stadion bringen konnten?

    Ich war zwar nicht bei dem Spiel der Kroaten, aber ich weiß, dass es auch in deutschen Stadien in der zweiten-dritten Liga und den unterklassigen Mannschaften es Störern immer wieder gelingt, Pyrotechnik mit herein zu bringen. Sie sind da oftmals sehr kreativ und scheuen sich auch nicht, diese Gegenstände z.B. auch in natürlichen Körperöffnungen ins Stadion zu schmuggeln.

    Meinen Sie denn, man hätte die Ausschreitungen in Frankreich trotzdem verhindern können?

    Das wäre im Bereich der Spekulation, denn für Ausschreitungen gibt es unterschiedliche Ursachen. Es ist berichtet worden, dass die Auseinandersetzungen im kroatischen Block aufgrund von unterschiedlichen Auffassungen über den Spielverband in Kroatien entstanden. Auf der anderen Seite gibt es Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen, Störergruppen, die sich aus unterschiedlichen Nationalitäten zusammensetzen. Die Reaktion auf unterschiedliche Faktoren ist auch oft schwierig, wenn sich solche Situationen im Stadion entwickeln.

    Es war ja bis kurz vor der EM nicht klar, ob die deutschen Beamten Waffen tragen dürfen. Wie sieht es jetzt aus? Dürfen Sie Waffen tragen oder welche Mittel stehen Ihnen zur Verfügung, um nötigenfalls für Ordnung zu sorgen?

    Eingriffsbefugnisse sind ja immer auf das Land beschränkt, in dem man arbeitet, dafür gibt es auch internationale Regelungen. Hier in Frankreich sind die Franzosen für sogenannte Exekutivmaßnahmen zuständig. Dazu gehören auch Festnahmen und die Anwendung unmittelbaren Zwangs. Dass Waffen mitgeführt werden, ist eine europäische Einigung. In Deutschland haben wir nicht so strenge Regelungen, dass zur Uniform zwangsläufig die Waffe gehört. Andere Länder handhaben es anders und haben in dem Fall gesagt: Wenn ihr einen Einsatz in Uniform wünscht, müssen wir auch die Waffe dabei haben. Das war eine verpflichtende Kombination. Nachdem die Entscheidung gefallen ist, haben wir uns der europäischen Regelung gefügt und sind auch mit Waffen gekommen. Die Schusswaffe wird aber in aller Regel nur dazu gebraucht, um Notwehr oder Nothilfe zu leisten.

    Das heißt, wenn Sie als deutscher Polizist eine gewaltsame Ausschreitung bemerken, dürfen Sie nicht eingreifen und müssen einen französischen Kollegen verständigen?

    So ist es. Unsere Delegation ist klein, wir sind weniger zum Kämpfen, sondern eher zum Informieren da. Wenn wir eine brenzlige Situation bemerken, informieren wir die Franzosen und dann ist es Sache der französischen Behörden zu prüfen, ob die Rechtsgrundlage gegeben ist, dort einzuschreiten.

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