17:26 13 November 2018
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    Spielen auf KZ-Gedenkstätten? Wenn Pokémon den Anstand verlieren

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    Pokémon Go kann prinzipiell überall gespielt werden. Sollte es aber nicht. Gerade um ehemalige KZs ist eine Debatte in Deutschland entfacht. Auf unsere Anfrage haben uns die Gedenkstätte Auschwitz und Sachsenhausen ihre Positionen mitgeteilt.

    Der Jubel ist groß um das Spiel Pokémon Go vom Spielehersteller Niantic, mit dem die kleinen beliebten Monster nun auch Einzug in unsere Realität erhalten. Seit dem 13. Juli ist das Spiel auch für die Deutschen im Playstore erhältlich. Dass die Beutezüge in der realen Welt dabei nicht immer so harmlos verlaufen müssen, wie im Spiel, hat sich auch rumgesprochen: Erst neulich stieß ein Pokémonspieler auf der Suche nach einem der heißbegehrten Monster auf eine Leiche. Andere Nutzer der App wurden mit Monster gar von Kriminellen in eine Falle gelockt und ausgeraubt.

    Seit neuestem wird aber auch über Regeln des Anstands diskutiert, und zwar im Fall von religiösen Stätten, Denk- und Mahnmälern. Es ist bereits sonderbar, dass viele Nutzer auch zu Kirchen dirigiert werden, um dort die Wesen einzufangen. Aber vor allem rollt derzeit eine Welle der Entrüstung in den USA, weil Spieler dort das 9/11-Denkmal zu einem Pokéstop umfunktioniert haben. Die Trainer, wie sie sich nennen, haben das Holocaustmuseum schon so weit getrieben, dass es öffentlich zur respektvollen Verwendung von Technik geäußert hat.

    ​Anscheinend gibt es vom Hersteller noch keine vernünftige Lösung zur lokalen Einschränkung der Spielstätten, vielleicht aus Mangel aus Weitsicht, vielleicht auch als zusätzliche Werbung.

    Auch in Deutschland ist seit dem 13. Juli das Spiel im Playstore erhältlich und auch hier stellt man sich die Frage, wie weit man beim Spiele spielen in der Realität gehen darf. Und da tun sich die Grenzen eben bei religiösen Stätten und Gedenkstätten auf. Vor allem die KZ-Gedenkstätten wie Buchenwald und Auschwitz sind dabei ein großes Thema, verstößt es doch gegen jeden guten Geschmack sich auf solchen Geländen zu unterhalten.

    Die schriftliche Antwort des Pressesprechers der Gedenkstätte Auschwitz Paweł Sawicki zu diesem Thema lautet:

    „Wir können dazu nur schreiben, dass die Zulassung solcher Spiele auf der Gedenkstätte Auschwitz auf vielen Ebenen respektlos gegenüber allen Opfern des nazideutschen Konzentrationslagers und ganz offensichtlich unangemessen ist. Die ursprünglich belassene Stätte des ehemaligen Lagers ist ein Ort des Andenkens an all jene Menschen, die leiden mussten, die entmenschlicht und hier ermordet worden sind – Juden, Polen, Roma, sowjetische Kriegsgefangene und andere. Wir bitten die Entwickler solcher Spiele, die Gedenkstätte Auschwitz von diesem Spiel sofort und in der Zukunft auszunehmen.“

    Ähnlich sieht das auch Prof. Morsch, Leiter der KZ-Gedenkstätte Auschwitz Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen in einem Interview mit Sputnik-Korrespondent Valentin Raskatov: "Es ist ein Ort, an dem Trauer und Pietät gefragt sind und keine elektronischen Spiele" und auch von einem ähnlichen Vorfall im Vorjahr zu berichten weiß.

    Damals ging es um das Augmented-Reality-Game Ingress desselben Spieleherstellers und damals habe man diesen bereits um die Löschung der Gedenkstätte Sachsenhausen aus dem Spiel gebeten. Nach wenigen Tagen habe Nianctic nicht nur Sachsenhausen, sondern auch alle anderen KZ-Gedenkstätten gelöscht.

    Aber auch weitere Maßnahmen seien getroffen worden: "Unabhängig davon aber haben wir auch schon seit einem Jahr ein Verbot der Benutzung solcher Spiele auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte plakatiert." Kontrollieren könne man aber natürlich nicht, was jeder einzelne Besucher mit seinem Handy mache. "Wir erklären dieses Verbot und appellieren an die Firma auf der einen Seite und auf der anderen Seite an die Besucher, sich daran zu halten“, so Morsch dazu. Seiner Ansicht nach verhalten sich aber die Besucher, von denen die meisten auch eine Beziehung zu den Opfern verbindet, sehr würdig auf dem Gelände.

    Bleibt nur die Frage offen, warum Niantic aus der Erfahrung mit Ingress keine Schlüsse gezogen hat und sich diese Geschichte gerade wiederholt. Doch Prof. Morsch reagiert beschwichtigend und sieht das Problem hier eher in der internen Kommunikation: "Ich denke mal, innerhalb eines Jahres wechseln in solchen Medienfirmen sehr schnell die Entwickler. Von daher ist es, glaube ich, eine Frage, dass die Menschen, die das entwickelt haben, wechseln. Deswegen werden wir mit der Firma direkt Kontakt aufnehmen."

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    Tags:
    Buchenwald, Holocaustmuseum, Sachsenhausen, Auschwitz, Pokemon, USA, Deutschland