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    Jürgen Todenhöfer: „Wir haben viel Zeit gehabt, uns auf den Terror vorzubereiten!“

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    „IS-Terrorismus ist eine gefährliche Mode“, sagt Jürgen Todenhöfer. Ende 2014 war der Publizist auf dem Gebiet des IS unterwegs und hat sich ein Bild gemacht über die Struktur und Arbeitsweise der Terrororganisation. Mit Sputnik sprach er über die Strategie des IS und mögliche Zusammenhänge mit dem Anschlag in Nizza.

    Im Interview zeigt sich Todenhöfer, der die Innensicht des IS kennt, wenig überrascht. Er sagt: „Der Sprecher des IS Adnani hat schon im September 2014 alle Anhänger des IS in der ganzen Welt in Amerika, Russland und Europa aufgefordert, jede Möglichkeit der Gewalt gegen den Westen zu nutzen.“ Der IS habe die Strategie, im Mittleren Osten zu kämpfen und sich auszubreiten und gleichzeitig im Westen zuzuschlagen, nun schon seit fast zwei Jahren. Man hätte einfach nur besser zuhören müssen, so Todenhöfer.

    Enthauptung durch Daesh
    © REUTERS / Social media via Reuters TV

    „Wir haben viel Zeit gehabt, uns vorzubereiten, obwohl man natürlich nicht auf alles vorbereitet sein kann, aber die Überraschung einiger Politiker über die Anschläge ist erstaunlich“, äußerte der Publizist und Ex-CDU-Politiker.

    Auf die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass sich auch in Europa Menschen radikalisierten, sagte Todenhöfer, dass es sich um eine relativ kleine Gruppe von Menschen handele, die potentiell in Betracht kämen. Es handele sich um etwa 400 —500 IS Sympathisanten in Deutschland, in Frankreich seien es etwa 1000. Es sei eine Gruppe von Menschen, die seit langem den „War of Terror“ beobachteten in Afghanistan, im Irak in Libyen. Diese Gruppe würde durch die Nachrichten, tagtäglich darüber aufgeklärt, wie bei Bomben- oder Drohnenangriffen unschuldige Zivilisten sterben.

    „Die Gehirnwäsche des IS hat ihnen gesagt, dass sie sich wehren sollen“, so Todenhöfer. „Das kann man sogar verstehen, dass jemand glaubt, dass er sich gegen den Irak-Krieg der Amerikaner, der 2003 begonnen hat, wehren kann. Aber was nicht verständlich ist, dass diese Leute glauben, sie dürften Unschuldige töten. Deshalb ist dieser Terrorismus kriminell.“

    Angesprochen auf die Zeit, die er auf dem Territorium des IS verbracht hat, sagte Todenhöfer, er habe dort auch mit Deutschen gesprochen, die ihre Landsleute dazu aufforderten, die Ungläubigen niederzumachen, und zwar mit allen Mitteln. „Das ist eine ganz gefährliche Organisation, und sie ist auch deshalb gefährlich, weil sie eine Mode geworden ist und viel Aufmerksamkeit bekommt. Staatspräsidenten eilen zu den Mikrofonen. Jeder, der so einen Anschlag macht, weiß, jetzt wird er berühmt!“

    Damit würde die IS-Propaganda arbeiten, und die IS-Kämpfer würden sich selber als die Helden des Internetzeitalters verkaufen, die sich fühlten, als kämpften sie gegen eine riesige Übermacht.

    „Wenn diese Menschen bei Anschlägen ums Leben kommen, dann haben sie gar nichts verloren, sie haben ja gegen diese riesige Übermacht gekämpft“, so Todenhöfer. Nach seiner Auffassung ist der IS eine gefährliche Mode, die eben immer noch viele Leute in ihren Bann zieht, die, obwohl der IS militärisch auf dem Rückmarsch zu sein scheint, im Irak und in Syrien immer noch dorthin gingen, um sich den Kämpfern vor Ort anzuschließen.

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    Struktur, Islamischer Staat, Jürgen Todenhöfer, Deutschland