04:22 14 November 2019
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    Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen (Archivbild)

    MdB Dagdelen: Putschversuch in der Türkei wenig überraschend

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    Putschversuch in der Türkei (231)
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    Eine Gruppe türkischer Militärs hat am Freitagabend versucht, Präsident Recep Tayyip Erdogan zu stürzen. Ergebnis: 265 Tote, Tausende Verletzte und misslungener Staatsstreich. Wer steckt tatsächlich dahinter, und wie wird es weitergehen?

    Sputnik-Korrespondentin Ilona Pfeffer hat mit der Bundestagsabgeordneten Sevim Dagdelen von den Linken gesprochen.

    Frau Dagdelen, war der Putschversuch absehbar und wenn ja, warum?

    Die verzweifelten Versuche Erdogans, auf Biegen und Brechen die problematischen Beziehungen zu seinen Nachbarn wie auch zu Israel und Russland wieder zu normalisieren, lassen sich auch als Versuch deuten, für mögliche innenpolitische Bedrohungen freie Hand zu haben. Der Putschversuch überrascht insofern wenig als Erdogan den Weg der Türkei Richtung islamistische Diktatur in letzter Zeit immer weiter beschleunigte.

    Wer steckt hinter dem Putschversuch?

    Das ist im Moment schwer zu sagen. Wir dürfen selbst eine groß angelegte False Flag Operation nicht ausschließen. Die Konsequenz ist in jedem Falle, dass Erdogan zur Diktatur einfach durchmarschieren wird.

    Was sagen Sie zu den Gerüchten, dass Erdogan diesen Putschversuch selbst inszeniert hat?

    Das ist nicht auszuschließen. Wer sich an die veröffentlichten Abhörprotokolle eines Gesprächs vom ehemaligen Außenminister der Türkei, Ahmet Davutoglu, mit dem Geheimdienstchef und  Generalstabschef mitten im syrischen Bürgerkrieg erinnert, wo eine Vorwand für die Legitimation einer türkischen Invasion in Syrien durchgespielt wurde, der kann das nicht mit Sicherheit jetzt ausschließen.

    Putschversuch in Türkei
    © AP Photo / Emrah Gurel

    Was wird die Konsequenz des Putschversuches sein? Wird Erdogan die „Daumenschrauben anziehen“?

    Erdogan wird jetzt den Putschversuch für einen eigenen Putsch nutzen. Der Putsch Erdogans ist bereits im Gange. Wer nicht zu den islamistischen Hardlinern (zählt) und die Verbrechen des Erdogan-Regimes (nicht) unterstützt, wird aus den politischen Institutionen ausgeschlossen. Das nennt Erdogan "Säuberung". Dieser Prozess der Gleichschaltung, der seit längerem läuft, wird vollendet.

    Die Türkei ist Mitgliedsstaat der NATO. Wie wird/sollte in einem solchen Fall die NATO reagieren?

    Die NATO hätte die Türkei schon längst ausschließen müssen. Das gesamte politische Handeln widerspricht der Charta der NATO. Erdogan ist aber ein williges Werkzeug für die US-Außenpolitik im Nahen und Mittleren Osten, bei allen Widersprüchen die es hier gibt, wie beispielsweise der Umgang mit den Kurden in Syrien. Die Praxis der NATO war in der Vergangenheit immer eine, die Putsche auch bei NATO-Staaten immer unterstützt hat, wenn die geopolitischen Interessen übereinstimmten. Die USA und damit die NATO haben sich in diesem Fall hinter Erdogan und die AKP (Partei der Gerechtigkeit – Anm. der Redaktion) gestellt. Von einer Kritik an den laufenden Säuberungen durch Erdogan ist nichts bekannt. Ich befürchte, dass mit der NATO im Rücken Erdogan noch brutaler seine Gewaltpolitik durchsetzen wird, wie die Forderungen nach der Todesstrafe oder die Absetzung von knapp 3.000 Richtern unmittelbar nach dem Putschversuch zeigen. 

     

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