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    Deutscher Medienexperte: „Russland wird nicht als Bedrohung dargestellt“

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    Gesellschaft
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    "Lügenpresse" - diesen Vorwurf müssen sich deutsche Leitmedien gefallen lassen. Offensichtlich wächst die Unzufriedenheit der Bürger mit der Berichterstattung, gerade bei strittigen Themen wie der Ukrainekrise. Dass sie immer mehr das Vertrauen ihrer Leser und Zuschauer verlieren, haben jetzt anscheinend auch die Medien selbst gemerkt.

    In der ARD erschien jüngst eine Reportage, die sich mit dem Vertrauensverlust der Medien beschäftigte und versuchte, eine selbstkritische Fehleranalyse zu betreiben. Sputnik-Korrespondentin Ilona Pfeffer hat mit dem Medienwissenschaftler Prof. Dr. Martin Emmer von der FU Berlin darüber gesprochen.

    Herr Professor Emmer, am 11. Juli wurde in der ARD eine Reportage zum Thema Lügenpresse in Deutschland ausgestrahlt. Darin wurde der Vertrauensverlust der Deutschen in die großen Medien thematisiert und nach Ursachen dafür geforscht. Würden Sie auch sagen, dass die deutschen Medien an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben und wenn ja, warum?

    Langfristige Umfragedaten zeigen, dass es keinen Vertrauensverlust der Deutschen in die Medien gibt. Man erhebt solche Zahlen schon über Jahrzehnte hinweg und es gibt dann immer ein gewisses Auf und Ab. Aber wenn man sich diese Langfristdaten anschaut, so kann man nicht erkennen, dass es innerhalb des letzten Jahres einen dramatischen Einbruch gegeben hat. Diese Probleme hängen vermutlich stärker damit zusammen, dass Kritik an den Medien heute viel häufiger geäußert wird. Das Thema steht in der öffentlichen Debatte, ohne dass die Ursache ein allgemeiner Vertrauensverlust wäre.

    Kann man bei Berichterstattungen wie zum Beispiel zu der Ukrainekrise von Einseitigkeit, wenn nicht sogar bewusster Irreführung reden?

    Wenn wir uns jetzt mal auf die klassischen journalistischen Medien beziehen, also zum Beispiel das Fernsehen oder auch die Qualitätspresse und die Tageszeitungen, dann gibt es keinerlei Belege dafür, dass es in Deutschland eine bewusste Irreführung gegeben hätte. Es gibt Kritik an der Medienberichterstattung, die sich darauf bezieht, dass bestimmte Perspektiven etwas unter- oder überbetont werden. Die russische Perspektive auf das Problem in der Ukraine wurde lange Zeit nicht wirklich thematisiert. Die Ursachen dafür sind mit Sicherheit keine gezielte politische Propaganda. Allein deswegen, weil die Medien in Deutschland extrem unabhängig von der Politik sind und es seitens von politischen  Akteuren überhaupt keine Möglichkeit gibt, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen.

    Nun wurde selbst in der ARD-Reportage, wo auch andere Medien zu Wort kamen wie der Spiegel, eingeräumt, dass Russlands Sicht auf die Ukrainekrise nicht ausgewogen genug dargestellt wurde und dass deutsche Medien darin sehr vergleichbar sind. Woher kommt die kollektive Stoßrichtung?

    Die Ursachen dafür sind in dem Bericht, auf den Sie sich beziehen, auch genannt worden: Die klassische journalistische Co-Orientierung, also dass sich Journalisten sehr an der Arbeit anderer Journalisten orientieren. Man guckt immer erst, was in den Leitmedien thematisiert wird. Es fällt vielen Journalisten nicht so leicht, sich von dem abzuwenden, was in den Leitmedien gehandelt wird.

    Was in der ARD-Reportage auch vorkam, ist, dass Journalisten nun nicht das Abbild der gesamten Bevölkerung sind, was zum Beispiel die Demographie angeht. Im Durchschnitt kommen Journalisten eher aus bildungsnahen Schichten, sind laut Studien eher liberal eingestellt und das spiegelt sich natürlich in der Berichterstattung wieder, ohne dass es Belege dafür gibt, dass gezielt manipuliert worden wäre.

    Es gab schon Titelseiten wie „Stoppt Putin jetzt!“, die relativ provokativ sind. Halten Sie es denn für verantwortlich in Zeiten der Anspannungen mit solchen Schlagzeilen zu titeln?

    Das ist solange kein Problem, solange es eine Medienvielfalt gibt und anderswo auch andere Positionen thematisiert werden. Die Schlagzeile des Spiegels war damals der Ausgangspunkt einer Kontroverse. Man hat ja damals auch diskutiert, ob das so in Ordnung ist. Genau das ist Ziel einer solchen Debatte und es zeigt sich ja auch, dass der Journalismus darauf reagiert hat und dass plötzlich das Nachdenken einsetzte. Man sollte den Blick vielleicht etwas weiten und in der Berichterstattung auch mehr abwägen. Aber verantwortbar ist es zu jeder Zeit, politische Position zu beziehen. Das Spiegel- Cover war ja nun auch kein Aufruf zur Gewalt oder zum Krieg.

    Laut einer aktuellen Umfrage, wovor die Menschen  am meisten Angst haben, ist die Angst vor Krieg von Platz zehn auf Platz 12 gerutscht. Zugleich wird dieses Bedrohungsszenario in den deutschen Mainstream-Medien weiter aufgebaut und Russland als Aggressor dargestellt. Wie passt das zusammen?

    Da müssen Sie mir einen Beleg geben. In meiner persönlichen Wahrnehmung sehe ich das nicht so, dass Russland als Aggressor oder Bedrohung dargestellt wird. Da liegen mir, ehrlich gesagt, auch keine Daten vor.

    Die Medien selbst haben offenbar die Unzufriedenheit der Bevölkerung über die Berichterstattung gemerkt. Der Spiegel, die Frankfurter Allgemeine Zeitung sowie die Süddeutsche Zeitung sperren bei bis zu 90 Prozent der Artikel zu Russland-NATO-Themen die Kommentarfunktion. Will man die Lesermeinung nicht mehr hören?

    Doch, ich bin mir ziemlich sicher, dass man die Lesermeinung noch hören will. Soweit ich das beurteilen kann, haben die Sperrungen nichts mit dem Thema zu tun, also es geht nicht darum, Diskussionen über Russland und NATO zu sperren, denn es werden auch andere Diskussion gesperrt. Es werden die gesperrt, wo rechtswidrige Aufrufe zu Gewalt und Beleidigungen vorkommen.

    Hinsichtlich der russischen Berichterstattung wird gerne von Propaganda und hybrider Kriegsführung geredet. Welchen Namen würden Sie der deutschen Berichtserstattung geben?

    Es gibt natürlich ein Problem mit Sendern wie RT, da sie eben keine unabhängigen Medien sind, so wie in Deutschland, wo es keinen Einfluss des Staates gibt. Die Politik darf keinerlei Einfluss auf die Programmgestaltung der Medien oder die Personalauswahl haben. Insofern würde ich die deutschen Medien als pluralistisch und unabhängig bezeichnen.

    In der ARD-Reportage kam ja eine gewisse Einsicht durch, dass man auch Fehler gemacht habe und jetzt um seine Leser und Zuschauer kämpfen müsse. Was, glauben Sie, steckt hinter dieser plötzlichen Erkenntnis?

    Solche Einsichten sind in Deutschland eben das Ergebnis einer öffentlichen Debatte. Die Journalisten haben anhand dieser Kritik zugeben müssen, dass sie sich anderen Perspektiven ebenfalls öffnen müssen. Es gibt beispielsweise auch verhältnismäßig wenige russischstämmige Journalisten in Deutschland. Man geht heute aber auch mit Kritik um und reagiert schneller.

    Was müssten denn die Medien anders machen?

    Diese Auseinandersetzung gehört zu einer Demokratie dazu. Man kann es nie allen recht machen. Ich glaube aber, dass die deutschen Medien viel erreicht haben, indem sie die Kritik zugelassen haben und Fehler auch korrigieren.

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    Tags:
    Berichterstattung, Lügenpresse, Bedrohung, Propaganda, ARD, NATO, Martin Emmer, Wladimir Putin, Russland