10:03 06 Dezember 2019
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    Axt-Attacke bei Würzburg

    Jörg Radek: „Fälle wie in Würzburg darf man nicht breittreten“

    © AFP 2019 / Karl-Josef Hildenbrand / dpa
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    Ein minderjähriger Flüchtling oder doch der IS? Nach der Bluttat in einem Regionalzug bei Würzburg bleibt die Motivlage unklar. Derweil entzünden sich Diskussionen im Netz: Zweifelhafter Tweet von Renate Künast und fremdenfeindliche Aufrufe.

    Sputnik-Korrespondentin Ilona Pfeffer hat mit Jörg Radek, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Bundespolizei und Vorstandsmitglied der Polizeigewerkschaft, über die Axtattacke in Würzburg und ihre Folgen gesprochen.

    Herr Radek, ersten Meldungen zufolge soll der 17jährige afghanische Flüchtling  aus islamistischen Beweggründen gehandelt haben. Können Sie diese Information bestätigen?

    Nein, die kann ich nicht bestätigen, da bin ich genauso wie alle anderen auf Medieninformationen angewiesen.

    Was sagen Sie dazu, dass angeblich auch der IS sich zu dieser Attacke bekannt hat?

    Das scheint ja mittlerweile eine Strategie des IS zu sein, dass ein Einzeltäter, ähnlich wie in Nizza, eine Tat verübt, die erstmal keine Verbindung zu dem IS erkennen lässt, und der IS diese Tat für sich reklamiert. Wenn man sich die Ziele des IS verdeutlicht, Angst und Schrecken zu verbreiten, dann ist das aus Sicht des IS eine strategische Haltung, die man einnimmt.

    Sie sprachen von einem Einzeltäter – gibt es denn auch Hinweise auf mögliche Hintermänner?

    Die gibt es zurzeit nicht. Nach bisherigen Informationen war es ein 17jähriger Afghane, der schwerbewaffnet mit Hieb- und Stichwaffen in einem Nahverkehrszug gefahren ist und Menschen bedroht und verletzt hat.

    Wie ist der Täter an die Tatwaffen rangekommen?

    Hier wäre es wichtiger, die Frage zu stellen: Wie ist es möglich, dass jemand Äxte mit sich führt, quer durch Bayern fährt und niemandem fällt es auf? Das ist nicht allein Aufgabe der Polizei.

    Jetzt werden zunehmend Stimmen laut, die mehr Sicherheitskontrollen, auch im Regionalverkehr, fordern. Wie sollte man auf solche Situationen reagieren?

    Wir haben in Deutschland über 5400 Bahnhöfe und Haltestellen, nach Japan hat Deutschland das dichteste Schienennetz weltweit. Ich könnte es mir als Gewerkschafter leicht machen und jetzt mehr Personal für Sicherheitskontrollen fordern – was wir auch machen. Aber ich möchte an dieser Stelle auch sagen, dass mit mehr Personal solche Sachverhalte nicht auszuschließen sind. Sie können nicht ausschließen, dass es Einzeltäter gibt, das gab es auch in der Vergangenheit.

    Ich will an die Messerattacke in Grafing erinnern, die Messerattacke in Hannover und in Herborn – das sind die Fälle des letzten halben Jahres. Solche Sachverhalte lassen sich nicht ausschließen, solange Sie keine Erkenntnisse im Vorfeld und keinen konkreten Ansatz haben.

    Ein Tweet von Renate Künast hat außerdem die Diskussion angestoßen, ob es tatsächlich nötig gewesen sei, den minderjährigen Täter zu erschießen. Was meinen Sie dazu?

    Der Tweet von Frau Künast hat ja keine Debatte ausgelöst. Frau Künast hat eine vorschnelle, polizeifeindliche Bewertung unternommen und alle anderen haben versucht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Ich finde es absonderlich, dass eine Parlamentarierin sich sehr früh zu einem polizeilichen Hergang äußert, wo wir in Deutschland durch die Gewaltenteilung ganz klar geregelt haben, dass das eine Aufgabe der Ermittlungsbehörden und Staatsanwaltschaften ist. Hätte sie geschwiegen, wäre sie klüger beraten gewesen.

    Aber können Sie etwas darüber sagen, warum der Täter getötet werden musste und man ihn nicht einfach kampfunfähig gemacht hat?

    Diese Beurteilung kann man vornehmen, wenn man alle Fakten vor Augen hat. Wir hatten hier einen Täter, der mit Äxten und Messern bereits Menschen verletzt hatte, für 30 Menschen eine Bedrohung war, sich durch das Ziehen der Notbremse aus dem Zug entfernen konnte, also auf der Flucht war. Es ist nicht auszuschließen gewesen, dass er weitere Menschen bedrohen, verletzen oder gar töten würde. Infolgedessen musste die Polizei handeln.

    Im Netz werden auch Stimmen laut, die gegen Flüchtlinge hetzen. Rechnen Sie mit Übergriffen gegen Ausländer?

    Genau diese Reaktionen aus dem Netz müssen uns, also diejenigen die näher an den Geschehnissen dran sind – Politiker, Polizeibeamte in Verantwortung, Gewerkschafter – dazu mahnen, dass wir unsere Worte ganz vorsichtig wählen.

    Wir dürfen auch nicht der Versuchung erliegen, Fälle wie in Nizza oder jetzt in Würzburg derart breitzutreten, dass sie Nachahmer finden. Das hielte ich für sehr problematisch.

    Würden Sie sagen, dass die Terrorbedrohung in Deutschland eine neue Stufe erreicht hat?

    Wir haben nach wie vor eine Terrorgefahr in Deutschland. Das ergibt sich daraus, dass wir den Islamischen Staat bekämpfen, gemeinsam mit den Bündnispartnern. Das ergibt sich aus der Globalisierung, in der Deutschland eingebunden ist, dass wir ein Wohlstandsstaat sind, dass wir auch als Ziel vom IS „auserkoren“ sind. Durch solche Einzeltäter wird das Bedrohungspotential nicht steigen, aber die Gefahr bleibt.

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    Tags:
    Attacke, Flüchtlingsproblem, Terrormiliz Daesh, Jörg Radek, Würzburg, Deutschland