12:29 05 Juli 2020
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    Mit „Polizei ist…“ hat der Polizist und Rapper Mattern einen Hit gelandet. Er selbst sieht im Track in erster Linie eine Verarbeitung von Erfahrungen. Für den Philosophen und Polizeikritiker Dr. Loick hingegen sieht das nach unrealistischer Imagepflege aus. Sputnik hat sich mit beiden unterhalten.

    Der Polizeihauptkommissar Michael Mattern macht einen recht lockeren und authentischen Eindruck im Interview, er wirkt nicht so, als wäre sein Track eine Auftragsarbeit der Polizei. Auf die Frage, ob ihn Böhmermann zu dem Track inspiriert hätte, sagt er, er hätte dessen Track „Ich hab Polizei“ zwar als witzig empfunden, doch angeregt habe ihn vielmehr Max Herre mit seinem „Rap ist“. Beim Schreiben des Textes habe Mattern keinen bestimmten Zweck verfolgt, er habe lediglich aufgeschrieben, was ihn bewegte.


    Dabei wollte er aber auch ein für ihn falsches Bild der Polizei richtig stellen: „Also, es wurde so viel erzählt in den vergangenen Jahren über Polizei und Polizeiarbeit und wie Polizisten sich verhalten sollen, was man von denen erwartet. Aber ich hatte halt immer das Gefühl, dass die Leute, die dann da drüber gesprochen haben, eigentlich überhaupt keine Ahnung hatten, wie das überhaupt für einen Polizeibeamten so ist, was man da eigentlich alles machen muss, wie breit diese ganze Spanne eigentlich ist und dann – hab ich's mal aufgeschrieben.“

    Für das falsche Bild sorgen nach Ansicht Matterns nicht zuletzt die Medien: „Was ich nicht so gut finde, ist, dass in den Medien immer nur oberflächlich berichtet wird oder ganz schnell etwas kommt, bevor überhaupt klar ist, was im Detail dahinter steckt und dann bilden sich ganz schnell die Meinungen, obwohl hinterher vielleicht raus kommt: Das stimmt gar nicht so, wie die erste Meldung war. Aber grundsätzlich glaube ich, dass die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes Vertrauen in die Polizeiarbeit haben – und das ist auch gut so.“

    Obwohl es für Mattern also eine rein persönliche Angelegenheit war, freut es ihn dennoch, dass der Rap so weite Wellen geschlagen hat: „Dass man den dafür gut benutzen kann als Polizeibeamter, um auch mal für die Polizei was nach außen zu bringen, was vielleicht ein gutes Bild verursacht – das freut mich und das finde ich auch gut, meine Vorgesetzten und der Behördenleiter da auch Gefallen dran finden und  sagen: Mensch, das ist eine gute Sache, das können wir auch benutzen, um mal zu zeigen, wie es bei der Polizei ist und um vielleicht ein bisschen das Image zu verbessern.“

    Das komplette Interview zum Nachhören:

    Ganz anders sieht die ganze Geschichte dagegen Dr. Loick, Philosoph und Kritiker der Polizei: Er hält das Video für „extrem peinlich“, „anbiedernd“ und sieht darin „einen Versuch der Imagepflege und Image-Aufpolierung.“ Dabei offenbart das Video für ihn auch etwas Anderes: „Es zeigt etwas tiefer Liegendes, nämlich, dass die Polizei sich immer mehr genötigt sieht, dass sie öffentlich das schlechte Image, das sie im Moment, glaube ich, hat – dass sie da so ein bisschen gegensteuern müssen und es ein bisschen korrigieren müssen. Deshalb kann man es auch als ein Zeichen von dem Stand der öffentlichen Diskussion über die Polizei sehen.“

    Besonders augenscheinliche Gründe für das schlechte Image seien für Dr. Loick die derzeitige Debatte um Rassismus bei der Polizei in den USA, die Diskussion um die Gefahrengebiete in Hamburg sowie die Räumung des besetzten Hauses Rigaer Straße 94 in Berlin. Aber auch im Alltag gebe es bestimmte Gruppen, die die Polizei durchwegs als Bedrohung empfänden: „Es gibt auch sehr viele Menschen, die ein ganz anderes Verhältnis zur Polizei haben. Das sind vor allem People of Color, Refugees, Obdachlose, Drogennutzer, Prostituierte – die sind täglich mit der Polizei konfrontiert und die erleben das polizeiliche Handeln nie als ein Handeln, das deren Sicherheit herstellt, sondern sie erleben es vor allem als repressiven Eingriff oder als Schikane. Und das sind eben so Sachen, wo sich solche Alltagswahrnehmungen von Polizeihandeln sehr unterscheiden, je nachdem zu welcher Gruppe man gehört.“

    Vor diesem Hintergrund sei auch die gewählte Kunstform für die Imagepflege zu verstehen: „Es ist interessant, dass es ein Rap ist. Man versucht sich da einer bestimmten Community ein bisschen anzubiedern und bestimmte kulturelle Ausdrucksweisen auch zu übernehmen – das ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil genau diese Community sehr oft Opfer von rassistischem Polizeihandeln wird und das wird ja auch in anderen Raps oder Hiphop-Songs immer wieder thematisiert. Das wird, glaube ich, nicht funktionieren, da auf so einer platten Ebene dagegen zu steuern.“

    Statt einer weiteren Pflege des Images der Polizei fordert Dr. Loick eine Verlagerung der Probleme, die momentan die Polizei lösen soll, in eine öffentliche Diskussion, denn viele der Fragen in Matterns Track seien politische Fragen, wie Castoreinsätze, oder Fragen der sozialen und politischen Teilhabe. „Wenn man da mehr über Alternativen – Einbeziehung, Partizipation, Demokratisierung, soziale Gerechtigkeit –, wenn man darüber mehr sprechen würde, dann könnte man generell die Polizei als Konfliktschlichtungsinstanz auch zurückdrängen“, sagt Loick dazu. Zudem sollten mehr Maßnahmen bezüglich der Polizei innerhalb der Polizei diskutiert werden. Da ginge es dann vor allem um die Frage, wie man die Polizei selbst für Fehlverhalten zur Verantwortung ziehen könne und hierfür bedürfe es unabhängiger Kontrollinstanzen.

    Jeder hat also seine eigene Sicht auf den Track und seine eigene Sicht auf die Polizei. Dabei gibt es keinen Grund, Mattern zu misstrauen, dass er diesen aus eigenem Bedürfnis geschrieben habe. Es ist ebenso plausibel, dass die Polizei darin ein gutes Mittel zur Imagepflege sieht. Aber es bleibt auch nachvollziehbar, was Dr. Loick darlegt, wenn er von den Ursprüngen des schlechten Images spricht, das der Song nicht behandelt.

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Image, Rap, Polizei, Rap ist... (Lied), Max Herre, Michael Mattern, Deutschland