10:43 18 August 2017
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    Hamstern Sie noch oder denken Sie schon? – die dunkle Macht des Sommerlochs

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    Gesellschaft
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    Marcel Joppa
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    Das Sommerloch scheint in diesem Jahr so tief und dunkel zu sein, dass selbst der sonst eher humorlose Bundesinnenminister darüber schmunzeln musste. Oder haben Sie in den vergangenen Tagen etwa dutzende Dosen Bohnen und Ravioli im heimischen Vorratsschrank gehortet? Nicht? Gut, denn das Ganze ist an Absurdität kaum zu übertreffen.

    Ob Tagesschau oder Galileo, ob n-tv oder phoenix —  kaum ein Fernsehprogramm hat in diesen Tagen nicht von den so genannten „Hamsterkäufen“ berichtet. Hintergrund war eine angebliche Empfehlung der Bundesregierung zur Vorratslagerung in Krisenzeiten. Und natürlich sei an dieser Stelle etwas Selbstkritik zugelassen: Auch wir bei Sputnik hatten die Thematik in einem Interview mit der Deutschen Polizeigewerkschaft aufgegriffen. Doch ganz im Ernst, jetzt muss auch mal wieder Schluss sein.

    Am Mittwoch hatte der Innenminister sein Zivilschutzkonzept der Öffentlichkeit vorgestellt. Eigentlich viel zu spät, denn seit einer Woche schwelte in Medien und sozialen Netzwerken bereits die Diskussion über einen möglichen Kriegsfall, oder geplante Anschläge in Deutschland. „Was weiß die Bundesregierung, was wir nicht wissen?“ „Warum sollen wir plötzlich Nudeln, Wasser und Batterien horten?“ Redakteure von RTL und der Bildzeitung müssen Freudentränen in den Augen gehabt haben, denn leichter lässt sich ein Sommerloch nun wirklich nicht stopfen.

    Thomas De Maizière ist nun wahrlich nicht für seinen besonderen Humor bekannt – intern wird er im Ministerium auch gerne „Die Büroklammer“ genannt – doch selbst er konnte sich am Mittwoch bei seiner Pressekonferenz ein Schmunzeln nicht verkneifen. Zum Thema Hamsterkäufe stellte er klar:

    "Wir wollen starke Bürger, die in Freiheit sicher leben. Stärke erlangt man auch durch kluge Vorbereitung. Das wollen wir mit behördlichen Hinweisen anregen und das ist nicht neu, das gibt es längst. Wenn Sie eine Reise in ferne Länder unternehmen, dann wird Ihnen auch angeraten, eine kleine Reiseapotheke mitzunehmen."

    Und da hat er tatsächlich Recht, der Minister. Das bestehende Zivilschutzkonzept stammt aus dem Jahr 1995. Auch hier wurde der Bevölkerung bereits angeraten, für den Notfall genügend Wasser und Lebensmittel vorrätig zu haben. Doch die Menschen haben sich nach dem Kalten Krieg an Friedenszeiten und 24-Stunden-Supermärkte gewöhnt: Kaum jemand kann sich an den letzten Stromausfall erinnern, geschweige denn an eine Störung der Wasserversorgung.

    Zumindest die sozialen Netzwerke freuen sich — der gemeine Hamster erlebt eine Renaissance. Wirklich ernste Kommentare zum Thema Hamsterkauf sucht man häufig vergebens, warum auch? Es ist eben nicht neu. Wer Geld hat, zahlt dies in Zeiten der Niedrigzinspolitik schon lange nicht mehr auf das altbewehrte Sparbuch ein. Stattdessen konsumiert der Deutsche, wo er nur kann. Und es sei ihm auch gegönnt, die letzte Wirtschaftskrise ist noch gar nicht so lange her.

    Deutsche Medien stellen es nun gerne so dar, als ob die Menschen aktuell wie von Sinnen Supermärkte stürmen, womöglich diverse Lebensmittel bereits vergriffen sind. ZEIT und FOCUS schreiben in ihren Onlineausgaben, die Menschen würden regelrecht „am Rad drehen“, die Deutschen seien im Kaufrausch. Schaut man aber genauer hin, dann fällt auf: Lediglich Anbieter von Trockennahrung, Einmaltoiletten oder Kurbelradios können sich über eine gestiegene Nachfrage freuen. Doch ist es nicht die Hausfrau von nebenan, die anstatt zum ALDI plötzlich in den nächsten Military-Shop abwandert. Es ist der „besorgte Bürger“, den es auch schon vorher gegeben hat. Er ist jetzt eben ein Stück weit besorgter.

    Hamsterkäufe und Wehrpflicht – man hat das Gefühl, das Sommerloch ist in diesem Jahr so tief, man kann fast das Jahr 1956 sehen. Denn zu dieser Zeit wurde beides bereits heftig diskutiert. Lassen Sie uns den Hamster also begraben. Verstehen Sie mich nicht falsch: An einem kleinen Vorrat Wasser oder Nudeln im heimischen Wandschrank ist sicher nichts auszusetzen, ebenso wenig an einem batteriebetriebenem Radio und einigen Kerzen. Aber Panik muss an dieser Stelle sicher nicht ausbrechen. Zeigen wir den Angstmacher-Medien den Mittelfing… pardon, die rote Karte und widmen wir uns wieder wichtigeren Themen – denn davon gibt es wahrlich genug.

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    Tags:
    Hamsterkauf, Polizei, Deutschland
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