23:15 21 September 2017
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    Wandbild „Kosmos“ im ehemaligen VEB Robotron-Meßelektronik

    Schluss mit „Kosmos“?: Kampf um Erhalt von DDR-Kunsterbe in Dresden

    © Foto: Ostmodern.org
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    Ein weiteres Stück DDR-Architekturgeschichte verschwindet. Auf dem Gelände der ehemals größten und modernsten Fabrik Dresdens „Robotron-Messelektronik“ sollen 3000 Wohnungen entstehen. Das erste Gebäude ist bereits eine Abrissruine.

    Das in den 1970er Jahren gebaute Werk in Dresden war einst der Stammbetrieb des größten Computer-Herstellers der DDR. Das knapp 100.000 Quadratmeter große einstige Robotron-Areal wurde 2015 an den Investor Immovation aus Kassel verkauft. Der lässt es nun abreißen, um Platz für rund 3000 Eigentums- und Mietwohnungen sowie Gewerbeeinrichtungen zu schaffen.

    Viele der einzigartigen künstlerischen Gestaltungselemente des Areals sind in den letzten Jahren bereits abgerissen worden. Für die verbliebenen Kunstwerke setzen sich unter anderem die Bürgerinitiative „ostmodern.org“ und die Künstlerin Roswitha Oehme-Heintze ein, die einige der wertvollsten Elemente gestaltete. Inzwischen stoßen sie damit auch bei der Stadt und auch bei dem Investor auf offene Ohren.

    Roswitha Oehme-Heintze
    © Foto: Ostmodern.org
    Roswitha Oehme-Heintze

    1980 wurde das Unternehmen VEB Robotron-Messelektronik ein Zulieferer für die sowjetische Raumfahrt. Damals entstand auch das Wandbild „Kosmos“ der 1939 geborenen Dresdner Künstlerin Roswitha Oehme-Heintze. 

    „Das Wandbild "Kosmos" ist 1982 entstanden in einer politisch prekären Zeit. Ich wollte den erhaltenswerten Planeten Erde in den Vordergrund stellen. In diesem Zusammenhang sind auch die beiden Bleiglasfenster "Krieg" und "Frieden" entstanden, mit symbolisch aufsteigenden und absteigenden Vögeln. Damals gab es diese Meldung von Atomwaffentests in den USA, dass brennende Vögel vom Himmel stürzen. Das hat mich inspiriert.“, so Roswitha Oehme-Heintze.

    Hergestellt wurde das 2 x 6 Meter große Kunstwerk auf Keramikfliesen der berühmten Meißner Manufaktur. Das war damals keine Selbstverständlichkeit, wie die Meisterschülerin an der Hochschule für Bildende Künste Dresden erzählt:

    „Ungefähr ein Vierteljahr bin ich fast täglich zwischen Dresden und Meißen gependelt, wo die Keramikplatten bemalt und gebrannt wurden. Das waren ganz besondere, gerade Platten, die damals schwierig, nur über Berlin, aufzutreiben waren.“

    Mosaik „Kosmos“ von Roswitha Oehme-Heintze
    © Foto: Ostmodern.org
    Mosaik „Kosmos“ von Roswitha Oehme-Heintze

    Frau Oehme-Heintze hat sich nun an das Generalkonsulat der Russischen Föderation in Leipzig gewandt. Ihre Beweggründe erklärt die Künstlerin folgendermaßen:

    „Mich haben bei dem Wandbild "Kosmos" auch die Friedensbemühungen der Sowjetunion zu der damaligen Zeit beeinflusst. Der rote Stern in dem Bild steht symbolisch dafür. So würde ich mir jetzt wünschen, dass Russland einen geeigneten Platz findet, wo dieses Wandbild wieder vielen Menschen zugänglich wäre und nicht wie jetzt versteckt ist auf einer Baustelle.“

    Konkret schwebt der Künstlerin vor, dass Ihr Kosmos-Wandbild auf dem neu eröffneten russischen Weltraumbahnhof Wostotschny einen Platz findet. Die Antwort des Generalkonsuls hierzu steht noch aus.

    Sollte dies nicht gelingen, würde die Künstlerin sich wünschen „…dass das Wandbild wieder im Zentrum Dresdens einen Platz findet, vielleicht auch in dem neuen Wohngebiet auf dem Robotron-Gelände.“

    Das Netzwerk ostmodern.org setzt sich seit Jahren für den Erhalt von DDR-Architektur in Dresden und Ostdeutschland ein und dokumentiert das Verschwinden, aber auch die positiven Beispiele geretteter Werke auf seinem Facebook-Kanal sowie weiteren Online-Portalen. Beim Robotron-Gelände appellierten sie an den Investor, die drei jeweils 20 Meter hohen Bleiglasmosaike aus dem fast abgerissenen Bau „Atrium I“ zu retten. Da dies wohl ohne Beschädigung nicht möglich gewesen wäre, beschränkte sich der Investor auf den Ausbau von zwei Teilsegmenten, die dem Lapidarium des städtischen Denkmalamtes übergeben wurden. Ebenso zwei kleinere, künstlerisch wertvolle Bleiglasfenster von Roswitha Oehme-Heintze, die schon vor Jahren abmontiert wurden und so lange eingelagert waren.

    Was nun mit diesen Fenstern, die zunächst restauriert werden müssten, geschieht, ist bisher unklar.

    Die Initiative ostmodern möchte, dass die Kunstwerke in der Stadt verbleiben, möglichst in einem öffentlich sichtbaren Bereich.

    „Wir würden uns freuen, wenn an dem Standort an den neuen Gebäuden Teile wiederverwendet werden. Allerdings ist der neue Besitzer nicht offen dafür.“, erklärt Marco Dziallas von ostmodern.

    Lars Bergmann, Vorstand des Käufers, der Immovation AG, betont dagegen erst einmal den Erhalt der Kunstwerke: „Mit unserer freiwilligen Aktion wollen wir zeigen, dass uns nicht nur der wirtschaftliche Vorteil interessiert, wie es Investoren häufig vorgeworfen wird“.

    Werk in Dresden
    © Foto: Ostmodern.org
    Werk in Dresden

    Auch die Stadt Dresden würdigt das Engagement, wie Bernhard Sterra, Abteilungsleiter Denkmalschutz den Dresdner Neuen Nachrichten erklärte:

    „Das Angebot der Immovation, einen eigenen Ausbauversuch zu starten, war uns sehr willkommen. Mit den ausgebauten Fensterelementen ist es gelungen, weitere künstlerisch gestaltete Teile des Robotron-Gebäudes zu erhalten“. 

    Nachdem das erste Robotron-Gebäude bereits fast abgerissen ist, wurden vor dem jetzt beginnenden Abriss des ehemaligen Rechenzentrums, wo früher der Großrechner R300 stand,  die farbigen Aluminium-Platten an der Gebäude-Fassade gesichert. Diese künstlerisch gestalteten Aluminiumelemente prägten jahrzehntelang das Stadtbild und sind vielen Dresdnern vertraut. Für die Rettung der Platten hat sich ein privater Investor gefunden. Nach Informationen der Firma Immovation plane der Käufer – der noch nicht genannt werden wolle – den Aufbau der Fassade im Rahmen einer geplanten Freizeitanlage in Sachsen ab dem zweiten Halbjahr 2017.

    Rechenzentrum
    © Foto: Ostmodern.org
    Rechenzentrum

    Ostmodern hat den Abbau der Aluminiumelemente Anfang August dokumentiert und den Aspekt begrüßt, dass sie so erst einmal vor der Verschrottung bewahrt wurden. Den Abriss des gesamten Robotron-Werkes bedauert die Initiative jedoch. Die jungen Aktivisten hoffen jedoch auf den Erhalt eines Teils:

    Marco Dziallas: „Mit dem neu aufkommenden Bauboom in Dresden wird momentan viel abgerissen.  Bei dem Robotron-Komplex liegt uns  die ehemalige Kantine, am Herzen. Für deren Erhalt wollen wir uns einsetzen, unter anderem um zukünftige Generationen daran zu erinnern, dass hier einmal der Grundstein für das sogenannte Silicon Saxony, also Sachsen als Standort der Mikroelektronik, gelegt wurde.“

    Die Robotron-Gebäude sind nicht denkmalgeschützt, wie auch der neue Investor bestätigt. Lars Bergmann, Vorstand der Immovation AG: „Die Gebäude des ehemaligen Robotron-Areals stehen nicht unter Denkmalschutz, doch wir sind für Ideen offen, die eine Erhaltung von baulichen Elementen der DDR-Architektur zum Ziel haben.“

    Ostmodern sieht eine mangelnde Würdigung von DDR-Architektur durch das Landesdenkmalamt.

    Marco Dziallas: „Wir haben den Eindruck, dass die Landesbehörde in Sachsen der Ostmoderne gegenüber nicht sehr aufgeschlossen ist. Viele Bauten sind schon verschwunden. Auf der zentralen Prager Straße wurde das "Centrum Warenhaus" mit der einzigartigen Aluminiumfassade abgerissen. Das war damals auch der Gründungsgrund für unser Netzwerk ostmodern.org. Heutzutage spielen vor allem wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Da kann auch ein Denkmalschutzstatus mal eben schnell aberkannt werden.“

    Robotron Atrium mit Bleiglasfenster
    © Foto: Ostmodern.org
    Robotron Atrium mit Bleiglasfenster

    Auch die Künstlerin Roswitha Oehme-Heintze sieht die Zerstörung Ihrer DDR-Werke mit Besorgnis:

    „Zehn meiner Glasarbeiten wurden schon zum Teil zerstört und zum Teil eingelagert. Dies waren alles Bleiglasgestaltungen, die zeitlosen Wert haben. Die waren nicht systembezogen auf Honecker oder so. Es war allgemein gültige Kunst. Ich würde mir wünschen, dass so etwas als Denkmal anerkannt wird und meine Werke so mich überleben und erhalten bleiben.“

    Die Diplom-Grafikerin sieht einen unheilvollen Trend im Umgang mit DDR-Kunst und –Architektur:

    „Das massive Verschwinden der kulturellen Zeugen der DDR-Zeit sehen hier immer mehr Menschen mit kritischer Besorgnis. Angesichts der Probleme der Gegenwart gewinnt die DDR-Zeit trotz Kaltem Krieg und Mangelwirtschaft, mit etwas Abstand betrachtet, immer mehr positive Aspekte.“

    Tags:
    VEB Robotron-Meßelektronik, Roswitha Oehme-Heintze, Dresden