02:40 23 November 2017
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    „Lückenpresse“: Narrativ statt objektiv – Wie Medien Meinungen manipulieren

    © REUTERS/ Axel Schmidt
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    In seinem neuen Buch "Lückenpresse", blickt Ulrich Teusch auf die hiesigen Mainstreammedien. „Der Journalismus, wie wir ihn kannten, wird bald der Vergangenheit angehören", sagt der Publizist im Interview.

    Mit dem Begriff Lückenpresse will Professor Ulrich Teusch, Politikwissenschaftler, Journalist und Träger des „Roman-Herzog-Medienpreises“, auf den in Deutschland inzwischen sehr verbreiteten und polemisch eingesetzten Begriff „Lügenpresse“ anspielen. Wie er in einem Interview mit Sputnik-Korrespondent Bolle Selke erklärt – und womit er sich in seinem Buch auseinandersetzt — sind plumpe Lügen nicht das Problem der Medien. Das eigentliche Problem sei die Lücke. Er sieht da drei Entwicklungen bei den heutigen Mainstreammedien am Werk:

    — Bestimmte relevante und wichtige Nachrichten werden unterdrückt;

    — Nachrichten werden in unterschiedlicher Weise gewichtet. Bestimmte Nachrichten werden gepusht, andere werden unten gehalten;

    — Bestimmte Nachrichten werden oft tendenziös bewertet. Sie werden also in irgendeiner Weise eingebettet oder mit einem Spin versehen, wenn sie als problematisch gelten. Bei anderen Nachrichten ist das nicht der Fall, diese werden einfach so gesendet oder gedruckt.

    Generell beobachtet der freie Publizist immer häufiger, dass bei bestimmten Themen mit zweierlei Maß gemessen werde. Er erläutert weiterhin:

    „Diese verschiedenen Aspekte hängen zusammen, verstärken sich wechselseitig und können sich dann bei bestimmten Themen, wie etwa der Russland-Berichterstattung oder der Griechenland-Berichterstattung, zu regelrechten Narrativen ausweiten.“

    Narrative sind laut Teusch große, journalistische Erklärungs- und Deutungsmuster, die dann für den Mainstream verbindlich werden. Das erleichtere es natürlich, die neu einlaufenden Meldungen in dieses Narrativ einzuordnen. Wenn sie dann zum Narrativ passen, hätten sie gute Chancen, die Schleuse zu passieren. Passen sie aber nicht zum Narrativ, drohe ihnen die Gefahr, dass sie aussortiert werden.

    Narrative hält Teusch für journalistisch außerordentlich fragwürdig: 

    „Wenn sich Narrative erstmal etabliert haben, ist es dann auch sehr einfach, dass von Zeit zu Zeit ein bisschen zu steigern, also etwa eine kleine Kampagne zu machen oder das zu regelrechter Propaganda ausarten zu lassen. Das ist meine Hauptkritik an dem medialen Mainstream, der in Deutschland und anderen Ländern existiert."

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    © Sputnik/ Илья Питалев
    Es gebe natürlich Segmente im Mainstream, die er von dieser Kritik ausnehme, räumt der Autor ein:

    „Ich unterscheide da zwischen dem Mainstream innerhalb des Mainstreams und dem Mainstream außerhalb des Mainstreams. Dieses innere Segment ist dominant. Das ist also der politik-, staats-, wirtschaftsnahe, oft plakative und tendenziöse Journalismus, den ich kritisiere. Aber es gibt immer auch — bei uns in Deutschland häufig der öffentlich-rechtliche Rundfunk — einen andern Journalismus."

    Ulrich Teusch erklärt in seinem Buch, dass die Narrative strukturell verankert und interessengeleitet sind. Das heißt, es gehe dabei nicht um Zufälle:

    „Wir leben in einer Zeit mit Krisen, mit Konflikten, mit vielen Kriegen. Die gesellschaftlichen Fliehkräfte und die Polarisierung nehmen zu. Die Frage ist natürlich dann: Wie verhält sich der mediale Mainstream?“

    Da kommen dann, so Teusch, die Besitz- und Kontrollverhältnisse ins Spiel. In den USA gab es Anfang der Achtziger Jahre noch 50 Unternehmen, die sich den Medienmarkt teilten. Heute seien es noch ganze sechs, stellt er fest. Diese großen transnationalen Unternehmen seien  wiederum nicht so sauber von ihrem Umfeld abgegrenzt. Es gebe da Verflechtungen etwa mit der Rüstungsindustrie oder mit großen Unternehmen, die auch im Dienste der NSA beispielsweise Massenüberwachungsprogramme machen. Insofern sei es naiv zu glauben, dass diese Verflechtungen nicht auf die Berichterstattung einwirkten würden.

    Auch bei der Russland-Berichterstattung beobachtet Teusch sicher, dass es ein Narrativ gibt:

    „Das Narrativ ist sehr wirksam geworden mit der Eskalation in der Ukraine, aber es war sicherlich auch schon vorher so, dass das meiste, was aus Russland berichtet wurde mit einem negativen Vorzeichen versehen wurde. Das hat also einen längeren Vorlauf. Ich verwende da in dem Buch den Begriff Präpropaganda, also einen Vorlauf, an den man dann, als der Konflikt mit Russland über die Ukraine eskaliert ist, locker anknüpfen konnte.“

    Es musste also niemandem mehr groß erklären, wer die Guten und wer die Bösen waren. Als Bespiel nennt Teusch hier den Mord von Oppositionspolitiker Boris Nemzow. Da wurde, so der Journalist, tagelang und ohne irgendeinen Beweis von allen Medien suggeriert, dass der Kreml dahinter stecken müsse. Günther Jauch fragte in seiner Talkshow, ob Russland nun auf dem Weg in die Diktatur sei. Wenige Wochen später wurde in der Ukraine ein Kritiker des neuen Kiewer Regimes erschossen — das habe aber in Deutschland überhaupt keine Aufregung verursacht und ist von vielen Medien noch nicht einmal gemeldet worden.

    Ulrich Teusch, Lückenpresse – Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannte. Westend Verlag, 224 Seiten, 18 Euro

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    Tags:
    Propaganda, Boris Nemzow, Ulrich Teusch, Ukraine
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