11:00 16 Dezember 2018
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    Kinder in Deutschland

    Kinderarmut spaltet Deutschland – LINKE: "Gefahr für den Erhalt der Demokratie“

    © AFP 2018 / Tobias Schwartz
    Gesellschaft
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    Fast zwei Millionen Kinder wachsen heute in Deutschland in Familien auf, die von staatlicher Grundsicherung leben, heißt es in einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung. Pro Jahr werden es immer mehr. Für die Gesellschaft hierzulande eine verheerende Entwicklung, so die LINKE-Politikerin Katina Schubert.

    „Arme Kinder haben arme Eltern. Das bedeutet, dass ein immer größer werdender Teil der Gesellschaft ausgegrenzt wird und weniger Chancen hat, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Weil beispielsweise Kultur oder Bildung immer noch sehr stark vom Geldbeutel der Eltern abhängig sind", stellt sie in einem Interview mit Sputnik-Korrespondent Marcel Joppa fest.

    Erst Anfang dieses Jahres hat die Bundesregierung die Regelsätze für Hartz IV angehoben. Pro Kind unter drei Jahren gibt es für Eltern nun 237 Euro im Monat und für 15- bis 18-Jährige 306 Euro im Monat. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Regelsätze damit um drei Euro für die unter Dreijährigen und vier Euro für die 15- bis 18-Jährigen gestiegen. Laut Katina Schubert eine Farce:

    "Die Anhebung der Hartz-IV-Sätze nützt Menschen mit Kindern wenig. Denn natürlich wird das Kindergeld wiederum auf den Hartz-IV-Bezug angerechnet. Es kann nicht sein, dass Menschen mit Kindergeldbezügen weniger Hartz-IV bekommen."

    In keiner anderen deutschen Stadt leben mehr arme Kinder und Jugendliche als in Berlin. Fast jeder dritte Berliner unter 18 Jahren lebt hier mit seiner Familie von Sozialleistungen. In den vergangenen vier Jahren ging die Armutsquote zwar leicht zurück — von 33,7 auf 32,2 Prozent. Tatsächlich nahm die Zahl armer Kinder und Jugendlicher aber zu, weil insgesamt mehr Kinder in der Hauptstadt leben. Schubert sieht dringenden Handlungsbedarf:

    "Das stellt die Stadt natürlich vor besondere Herausforderungen. Wir müssen dafür sorgen, dass Kinder aus armen Elternhäusern trotzdem einen Schulabschluss machen können, dass sie ohne Stigmatisierung Zugang zum Bildungs- und Teilhabegesetz bekommen. Sie müssen an Klassenfahrten und Freizeitaktivitäten teilnehmen können. Dazu müssen die Schulen, die Bildungseinrichtungen und die Kitas entsprechend strukturiert werden."

    Überdurchschnittlich von Armut betroffen sind Jungen und Mädchen in Familien mit einem alleinerziehenden Elternteil oder mit mehr als zwei Kindern. Von allen Kindern in staatlicher Grundsicherung lebte im vergangenen Jahr jedes zweite bei einem alleinerziehenden Elternteil und etwa jedes dritte in Familien mit drei und mehr Kindern. Katina Schubert sieht deshalb die Bundesregierung, aber auch die Landesregierungen in der Pflicht:

    "Wir müssen auf beiden Ebenen handeln. Die Bundesregierung muss natürlich die Hartz-IV-Sätze erhöhen, der Hartz-IV-Bezug darf nicht mehr auf das Kindergeld angerechnet werden, es muss auch eine Kindergrundsicherung eingeführt werden. Die Aufgabe der Landesregierung ist es, die Bedarfsprüfung für Kitas und Horte abzuschaffen, damit wir wegkommen von Diskriminierung und Stigmatisierung. Auch müssen wir mittelfristig zu kostenlosem Schulessen für alle kommen."

    In neun von 16 Bundesländern ist der Anteil von Kindern in staatlicher Grundsicherung zwischen 2011 und 2015 gestiegen. Im Westen stieg die Kinderarmut der Studie zufolge von 12,4 Prozent im Jahr 2011 auf 13,2 Prozent im Jahr 2015. In Ostdeutschland sei die Quote laut Forschern im gleichen Zeitraum zwar von 24 auf 21,6 Prozent gesunken, bleibe damit aber auf hohem Niveau. Ein Entkommen aus der Armutsfalle sei weiterhin sehr schwer, so Schubert: 

    "Grundsätzlich sind Eltern für ihre Kinder natürlich verantwortlich, das ist keine Frage. Es ist die Aufgabe der Eltern, den Kindern einen bestmöglichen Start in ein eigenständiges Leben zu organisieren. Allerdings haben Eltern, die oftmals lange in prekären Verhältnissen gelebt haben, nicht immer die Chance dazu. Deshalb ist es so wichtig, dass den Kindern eigenständige Wege geöffnet werden, aus der Armutsfalle zu entkommen."

    Sorgen bereitet den Forschern der Bertelsmann Stiftung, dass eine Mehrheit der betroffenen Kinder über längere Zeit in der Armut feststeckt. Auch zeige die Auswertung mehrerer Studien der vergangenen Jahrzehnte, dass arme Kinder sozial isolierter aufwachsen, gesundheitliche Nachteile haben und häufiger Probleme auf ihrem Bildungsweg haben als Altersgenossen, deren Eltern keine finanziellen Sorgen haben. LINKE-Politikerin Katina Schubert sieht darüber hinaus noch ein weiteres Problem, dass Deutschland bald drohen könnte:

    „Auch andere Parteien müssen aufwachen und sehen, dass Kinderarmut auch ein Problem für den Erhalt unserer Demokratie ist. Wenn immer mehr Menschen von unserer Gesellschaft abgehängt werden, ausgegrenzt sind, dann ist auch ein Teil der Gesellschaft für sie nicht mehr zugänglich. Und diese Ausgrenzung führt dazu, dass sich diese Leute von der Demokratie und unserem Gesellschaftssystem abwenden.“

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    Tags:
    Kinder, Deutschland