03:40 06 Dezember 2020
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    Die Staatsschuldenkrise in Griechenland hat offenbar zu einer journalistischen Krise bei der ARD- und ZDF-Berichterstattung geführt. Zumindest legt das eine neue Studie nahe, die die Otto Brenner Stiftung unter dem Titel "Die Griechen provozieren!"- Die öffentlich-rechtliche Berichterstattung zur griechischen Staatsschuldenkrise veröffentlicht hat.

    „Ausgewogenheit, Neutralität und Tiefe in der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung sind besonders in Krisenzeiten und bei strittigen Themen wichtig“, meint Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung. Und gerade diese Faktoren schienen die Autoren der Studie Kim Otto, Andreas Köhler und Kristin Baars bei der Untersuchung der medialen Berichterstattung durch ARD und ZDF zum Thema Griechenland vermisst zu haben.

    Mit Äußerungen, wie „Jetzt kommen aber diese Jungs von Syriza und führen Europa am Nasenring durch die Manege (…) Wer so vorgeht, gehört zum Teufel gejagt“ (ARD, „hart aber fair“) hätten die Öffentlich-Rechtlichen statt ausgewogener Berichterstattung eher Meinungsmache betrieben, um ein negatives Griechenlandbild zu erzeugen.

    Uli Gellermann, Filmemacher und Journalist, überrascht das wenig. Die Analyse zur Griechenland-Berichterstattung decke sich mit dem, was er selbst bei anderen strittigen Themen beobachtet habe, sei es die Ukraine-Krise oder Syrien.

    „Bei gesellschaftlichen Fragen haben die Öffentlich-Rechtlichen gerade eine schwere Schlacht zu schlagen: Sie sind regierungszentriert und das ist für den Journalismus der Tod“, sagt er im Interview mit Sputnik-Korrespondentin Ilona Pfeffer.

    Die Schuld an dem unprofessionellen Vorgehen sieht Gellermann allerdings nicht allein bei den Journalisten.

    „Die Öffentlich-Rechtlichen sind eigentlich verpflichtet, pur journalistisch zu berichten, also nachrichtlich zu arbeiten, aber leider kommen sie immer wieder Interessen nach. In diesem Fall war es das Interesse der Bundesregierung, die die Griechen abservieren wollte. Sie brauchte eine Stimmung in der Bundesrepublik, die die Griechen mies machte. So haben sich leider Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen dazu herabgelassen, zu Griechenland eine schlechte Stimmung zu verbreiten, statt ordentlich und sauber zu berichten.“

    Die Maschinerie funktioniere dabei offensichtlich so gut, dass kaum ein Journalist es wage, von dem eingeschlagenen Kurs abzuweichen.

    „Ich habe lange als freier Journalist für die öffentlich-rechtlichen gearbeitet und man weiß natürlich, was man bringen kann. Es gibt also eine Form von Selbstzensur. Man weiß, wenn man bestimmte Dinge bringt, fallen sie entweder in der Redaktionskonferenz durch – machen Sie das drei oder viermal und das ist nicht gut für Sie. Wenn Sie es aber trotzdem versuchen durchzuboxen, dann kann es sein, dass Sie die Karriereleiter nicht nur nicht weiter hochkommen, sondern Sie können auch rausgeschmissen werden. Gerade bei freien Journalisten passiert das immer wieder. Es braucht nicht einmal eine zentrale Stelle, die das Ganze kontrolliert, der deutsche Journalismus hat die Selbstzensur schon eingebaut“, so Gellermann.

    Trotz der Einsicht, die sich vor kurzem bei den Öffentlich-Rechtlichen eingestellt zu haben schien, dass man mit der aktuellen Berichterstattung zunehmend an Glaubwürdigkeit verliere und das Vertrauen der Zuschauer und Hörer wieder gewinnen müsse, wurde die Studie der Otto Brenner Stiftung schlicht als „pauschalierend“ (ARD) und „nicht repräsentativ“ (ZDF) abgetan.

    Auch Gellermann sieht bei den Öffentlich-Rechtlichen keine Besserungsabsicht. Für die nachrichteninteressierten Bürger bleibe damit nur der Schritt zu alternativen Informationsquellen übrig.

    „Es ist sehr bedauerlich, denn guter Journalismus ist ein wesentlicher Bestandteil einer Demokratie. Und dazu gehört eine ordentliche Berichterstattung. Wie man das ändern kann, vermag ich nicht genau zu sagen. Man versucht, eine alternative Öffentlichkeit herzustellen, wo sich Leute Informationen holen, die man in den Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr bekommt.“

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    Tags:
    Demokratie, Zensur, Berichterstattung, Syriza-Partei, Otto Brenner Stiftung, ZDF, ARD, Uli Gellermann, Kristin Baars, Andreas Köhler, Kim Otto, Syrien, Ukraine, Griechenland