19:31 12 Dezember 2019
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    Jan Böhmermann

    Und er hat es schon wieder getan – Böhmermann schießt erneut gegen Erdogan

    © AFP 2019 / Britta Pedersen / dpa
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    Streitfall Böhmermann (35)
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    Medien und unzählige Internet-Nutzer haben gespannt auf die so genannte "Pressekonferenz" gewartet, die Jan Böhmermann zur Entscheidung der Mainzer Staatsanwaltschaft über sein Schmähgedicht angekündigt hatte. Das beachtliche Feedback darauf zeigt einmal mehr: Der Einfluss des Satirikers nicht zu unterschätzen. Und er redete, wie gewohnt, Klartext!

    Über 6.500 Mal wurde seine Stellungnahme allein bei Facebook geteilt, das YouTube-Video erreichte nach nicht einmal 24 Stunden über 700.000 Aufrufe. In der Stellungnahme selbst äußerte sich Böhmermann zunächst anerkennend über die Staatsanwaltschaft Mainz. Diese habe, so der Satiriker, nicht den Aufwand gescheut, sich die betreffende Folge des "Neo Magazin Royale" vom 31. März anzuschauen. In dieser Folge hatte Böhmermann das umstrittene Schmähgedicht gegen den türkischen Präsidenten Erdogan vorgetragen. Weiter heißt es in der Stellungnahme:

    „Ich freue mich auch, dass die Staatsanwaltschaft Mainz mein juristischen Proseminar zum Thema "Was ist eigentlich Schmähkritik" in den entsprechenden inhaltlichen und zeitlichen Kontext gestellt hat… und außerdem zu dem Schluss gekommen ist, dass ich — verkürzt gesagt — ein unseriöser Quatschvogel bin, der beruflich Blödsinn macht. Alles andere hätte ich zwar schmeichelhaft, aber auch einigermaßen beunruhigend gefunden." 

    Es gehe im Kern also um einen Witz, so Böhmermann. Den könne man geschmacklos oder völlig angebracht finden, überflüssig oder gelungen. Das Wichtigste sei jedoch die Meinungs- und Kunstfreiheit.

    Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan und Jan Böhmermann
    © AFP 2019 / Sebastian Castaneda - DPA/Britta Pedersen

    Damit spielte Böhmermann bewusst auf die aktuelle Situation in der Türkei an. Und der Moderator wurde noch deutlicher: Im Vergleich zu dem, was kritische Journalisten, Satiriker oder Oppositionelle in der Türkei damals und auch jetzt gerade durchmachten, sei das ganze Theater um die Böhmermann-Affäre schon wieder ein großer, trauriger Witz.

    „Während Sie dieses Video sehen, sitzen in der Türkei Menschen in Haft, ohne Chance auf einen fairen Prozess, müssen ihre Reisepässe abgeben, dürfen das Land nicht verlassen, verlieren ihren Job — weil sie sich kritisch mit ihrem Land auseinandergesetzt haben, öffentlich oder in einem zu großen Kreis ihre Meinung vertreten haben, als erlaubt.“

    Und ein weiterer Aspekt dieser "Staatsaffäre", wie sie von vielen Medien bezeichnet wurde, stört Böhmermann: Deutsche mit türkischen Wurzeln seien zerrissen und verunsichert, telefonierten mit den Familien in der Türkei, hätten Angst davor, am Telefon frei zu sprechen oder öffentlich zu ihrer Meinung zu stehen, weil sie Repressalien für ihre Verwandten in der Türkei oder für sich hier in Deutschland befürchteten. Dies sei, so Böhmermann, scheiße — und darum ginge es.

    Besonders eindeutig formulierte der Moderator dann einen Appell, der wohl direkt und unmittelbar an die Adresse Erdogans gerichtet war:

    „Politik, die diese grundlegenden Werte und Prinzipien — die Meinungs- und Kunstfreiheit — standfest und notfalls offensiv verteidigt, kann jeden noch so geschmacklosen Witz souverän weglachen. Wenn ein Witz eine Staatskrise auslöst, ist das nicht das Problem des Witzes, sondern des Staates.“

    Was Humor sei und was eine Straftat, beurteile zu allererst der professionelle Spaßvogel, in diesem Fall also Böhmermann selbst. Dann als zweites sein Publikum. Und erst wenn es stark unterschiedliche Meinungen gebe, also im allergrößten Notfall, sollten die zuständigen Gerichte und Staatsanwaltschaften entscheiden — sonst niemand.

    Dann forderte Böhmermann seine Internet-Community auf, ihm im Nachgang seiner Stellungnahme Fragen zu senden. Auf die zehn mit den meisten Likes würde er – zu einem nicht genannten Zeitpunkt – eingehen. Die Reaktionen zeigen: Das Interesse an Jan Böhmermann ist immens. Insgesamt wurden bei Facebook und YouTube mehr als 4.500 Kommentare und Fragen gepostet.

    Einige davon waren sicherlich nicht ganz ernst gemeint, wie dieser Facebook-Kommentar einer Userin mit dem Namen Barbara:

    “Hallo Jan, zum Thema ist bereits alles gesagt, aber mich interessiert, ob Frauke Petry eine Erfindung von dir ist? Liebe Grüße von Barbara.“

    Immerhin rund 6500 Likes sammelte dieser Kommentar und schaffte es somit in die Top-Ten der Fragen, die Jan Böhmermann noch beantworten will. Ebenso wie diese hier von einem User mit dem Namen Torsten:

    „Wann wird Jan Böhmermann Urlaub in der Türkei machen, um seine Freiheit zu genießen?“

    Kommentare wie diese gab es viele. Doch neben Fragen, wie ob Böhmermann lieber Pizza oder Döner esse, oder ob er für eine Zimtschnecke lieber Butter oder Margarine verwende, waren auch durchaus ernst gemeinte Fragen zum "Fall Böhmermann" und dem Schmähgedicht in den Kommentaren zu finden. Wie zum Beispiel diese hier von User Jan mit bisher rund 650 Likes:

    „Was hat dich zu Beginn der "Staatsaffäre Böhmermann" am meisten genervt/belastet? Waren es die Artikel der Bild, die Bundeskanzlerin die wahrscheinlich nur einen Ausschnitt gesehen hat und es als "Bewusst verletzend" bezeichnet hat oder etwas ganz anderes?“

    Solche Fragen interessieren nicht nur die Facebook-Nutzer in den Kommentarspalten des Satirikers, das Thema Böhmermann ist deutschlandweit zurück in den Schlagzeilen. Wann der Moderator die angekündigten Antworten zu den noch offenen Fragen liefern will, ist noch unbekannt. Die erneute Aufmerksamkeit um seine Person ist der eigenen Karriere sicherlich auch recht förderlich.

    Die Erleichterung über die für ihn positive Entscheidung der Staatsanwaltschaft Mainz war Böhmermann jedoch deutlich anzumerken. Und so ließ es sich der Moderator — ganz im Sinne der Presse- und Kunstfreiheit — am Ende seiner Stellungnahme auch nicht nehmen, ein doch recht passendes Lied anzustimmen: „Always Look on the Bright Side of Life“ von Monty Python. Es sei ihm gegönnt.

    Marcel Joppa

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