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    Trumps Triumph: „Politically Correct“ ist in den USA „out“ - Experte

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    Donald Trump wird US-Präsident (182)
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    „Wir sind wieder im Zeitalter des Populismus angekommen“, meint Professor Hans Ulrich Gumbrecht, mit dem Sputnik über Donald Trumps Triumph sprach. Die ZEIT bezeichnet den Sprach- und Literaturexperten sowie Inhaber des Lehrstuhls Komparatistik an der Uni Stanford als einen der wenigen deutschen Geisteswissenschaftler, die weltweit Gehör finden.

    Herr Professor Gumbrecht, was sagen Sie zum Ausgang der US-Wahl?

    Ich bin erschüttert. Es gibt Wahlen, wo man überrascht ist, dass nicht der Kandidat oder die Kandidatin gewinnt, die man gerne gehabt hätte, aber ich war in den letzten Tagen immer mehr der Überzeugung, das Hillary Clinton gewinnen würde und das Trump eigentlich keine Chance hätte. Angesichts dieser Tatsache bin ich auch erschüttert darüber, in welcher wohlisolierten Blase ich anscheinend lebe. Ich habe tatsächlich in diesen vielen Monaten des langen amerikanischen Wahlkampfs, der ja auch die Primaries einschließt, nur ein Gespräch gehabt, wo mir jemand explizit und etwas verschämt gesagt hat, er würde Trump wählen.

    Da gab es wohl doch noch ein paar mehr Wähler.

    Ja, die sieht man aber halt nicht.

    Christoph Amend, der Chefredakteur des ZEIT-Magazins twitterte heute Morgen: „Angela Merkel ist nun wirklich die Anführerin der freien Welt“. Kann man das so sagen?

    Das ist ein eigenartiger Begriffsgebrauch von „frei“. Man kann natürlich frei sein, wie man das Wort frei verwendet, aber einen Mangel an Freiheiten, die Trump sich nimmt, würde ich ihm nicht vorwerfen. Trump würde ich nicht sofort mit Diktatur assoziieren, da gibt es viele Assoziationen, die man mit Trump besser verbinden kann: Er spricht von seiner Unterstützung als Bewegung, er schwärmt für Putin und so weiter. Das sind aber Phänomene — Putin auch — die von Mehrheiten getragen werden, von denen irgendwelche deutschen Politiker nur träumen können. Das nun gleich ins Abseits der Freiheit zu stellen, scheint mir problematisch. Ich bin mit dem Redakteur der Zeit in jeder Hinsicht einverstanden, dass es erschreckend ist und dass es im Hinblick auf die Zukunft der Menschheit möglicherweise ein sehr problematischer Tag gewesen sein könnte, aber ich käme nicht auf den Gedanken, jetzt als Gegensatz zu Trump die freie Welt aufzumachen. Man könnte sagen, die Welt bestimmter westlicher Werte, an denen vielen von uns liegt, aber das Wort Freiheit als inhaltlichen Gegensatz zu setzen, scheint mir problematisch und etwas "autopilot".

    Was für Assoziationen verbinden Sie sonst noch mit einem Präsidenten Trump?

    Die erste Assoziation ist, dass man sowohl von seiner wirtschaftlichen Karriere — er hat ja wohl drei- oder viermal pleite gemacht — als auch von dem Wahlkampf her vor allen Dingen den Eindruck hat, dass es sich hier um jemanden handelt, der sich die Freiheit nimmt — es sich leisten kann zu nehmen — jedem momentanen Impuls zu folgen und der deswegen eine so große Gefahr ist. Das macht mir bei Trump am meisten Sorgen. Er ist immerhin Commander in Chief der stärksten Militärmacht der Welt und was das auslösen kann, möchte man sich erstmal nicht ausmalen.

    Das, was man in Europa noch für den Konsens hält, sieht Trump als „politically correct“ an. Das sind zum Beispiel Geschlechtergleichheit, neue Formen der Geschlechtlichkeit, eine bestimmte Zurücknahme von Aggressionen, ein bestimmt er Wertekonsens, ein Konsens im Hinblick auf den Wert des Wohlfahrtsstaates, also Dinge, von denen wir westlichen Intellektuelle gedacht haben, sie seien jetzt zu Werten einer Mehrheit geworden.

    Eine zweite Assoziation ist dann, dass die offenbar zumindest in den USA nicht Werte der Mehrheit sind. Das habe ich damit gemeint, als ich gesagt habe, ich lebe offensichtlich in einer Blase. Es gibt also schon Anlass, sich zu fragen, ob die tatsächlich in Europa derart konsensual sind, wie man annimmt, bei Zeit-Lesern gewiss, aber die Zeit-Leser sind halt keine Mehrheit.

    Blicken wir mal kurz auf die Wähler. Trump wurde hauptsächlich von weißen und alten US-Bürgern gewählt. Reicht das denn für einen Wahlsieg?

    Es ist, glaube ich, wichtig, statistisch noch daran zu erinnern, dass die Wahlbeteiligung bei der Präsidentschaftswahl — nicht bei allen Wahlen in den USA — sehr schwache ist, etwas über 50 Prozent. Es sind ganz offenbar auf der einen Seite bei dieser Wahl Leute zum ersten Mal wählen gegangen, die seit Jahrzehnten nicht mehr gewählt haben, weil sie sich ausgeschlossen gefühlt haben. Es hat ganz gewiss auf der potentiell demokratischen Seite sehr viele Wähler gegeben, die nicht gewählt haben, weil sie sich auch für Hillary Clinton nicht begeistern konnten. Ich habe meine Stimme für Clinton auch eher zähneknirschend abgegeben, eben als das kleinere Übel. Viele Leute, gerade solche die sich prononciert für Links halten — die gibt es auch in den USA —, haben ihr diese Stimme nicht gegeben und dadurch Trump sicher auch zur Wahl verholfen.

    Clinton punktet zwar wie erwartet bei den Frauen — allerdings nicht so deutlich, wie ihr Lager gehofft hatte. Wie kann man als Frau einen Kandidaten wählen, über den so Dinge wie das als Pussygate bezeichnete Video veröffentlicht worden sind?

    Es ist schrecklich, das zu sagen, aber wir brechen jetzt ein Tabu, indem Sie es anhören und ich es sage: Es gibt natürlich gewiss auch Frauen, die sowas gerne hören. Die gerne hören, dass sie ein Objekt der Begierde sind und dass es des Milliardärstums verdächtige Männer gibt, die ihnen gerne zwischen die Beine langen wollen. Das ist eben der falsche Konsensus, dass wir annehmen, weil das unsere Werte sind, dass sich alle Frauen diese Werte zu Eigen machen. Das ist aber in der Breite eben nicht der Fall, wie wir das annehmen. Wenn man jetzt plötzlich etwas desillusioniert und realitätsnäher durch den Frankfurter Flughafen läuft und die Selbstpräsentation vieler, in dem Fall, Frauen plötzlich mit anderen Augen wahrnimmt, dann muss ich sagen, denen gefällt das, wenn Trump so redet. Das ist überraschend und das ist schrecklich, aber es ist nicht so, dass Frauen mit einer Ablehnung eines solchen Verhaltens geboren werden, sondern das ist Ergebnis einer Sozialisation. Ich denke die Fehleinschätzung war, zu glauben, dass diese Sozialisation gegen 100 Prozent geht.

    Erst der Brexit, nun Donald Trump — sind wir tatsächlich, wie der Chefredakteur des SPIEGELS Florian Harms kommentiert, im Zeitalter des Populismus angekommen?

    Was heißt da angekommen? Wir wären wieder im Zeitalter des Populismus angekommen. Die erwähnten Faschismen der dreißiger und zwanziger Jahre in Europa, das waren natürlich Bewegungen — Trump nennt sich ja auch Movement — die populistisch waren. Ja, wir befinden uns wieder in einem Zeitalter des Populismus. "Angekommen" ist mir zu hegelianisch oder zu teleologisch gesehen, als hätte es das früher nicht gegeben. Das sind alles, strukturell gesehen, Phänomene, die es historisch gegeben hat. Ob die sich in Europa zu ähnlicher Stärke und mit ähnlichen Konsequenzen entwickeln können, oder schon entwickelt haben, ist schwer voraus zu sagen. Aber Marine Le Pen, der Brexit oder AfD sind natürlich Phänomene die an Trump erinnern. In jedem Fall der Stil mit dem Politik da betrieben wird.  

    Interview: Bolle Selke

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