10:01 13 Dezember 2017
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    “Lehrer zu Freiwild gemacht”: Mobbing, Drogen, Migranten – Risiko-Terrain Schule

    © Flickr/ Metropolico.org
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    Wie sicher sind unsere Schulen? Eine beunruhigende Tendenz, die die aktuelle Forsa-Umfrage beweist: 59 Prozent der befragten Lehrer geben an, dass die Gewalt an Deutschlands Schulen zugenommen habe. Im Zentrum der Studie steht die oft tabuisierte Gewalt von Schülern gegenüber Lehrpersonal. Sputnik hat nachgefragt.

    Jedem dürften gelegentliche Rangeleien mit Klassenkameraden noch aus der Schulzeit in Erinnerung sein und auch massive Beleidigungen und Beschimpfungen einzelner Außenseiter, kurz Mobbing, kamen auch an den besten Schulen vor. Doch wie sieht es mit psychischer und physischer Gewalt gegen Lehrer aus?

    Eine Studie, die das Forsa-Institut im Auftrag des Lehrerverbandes Bildung und Erziehung (VBE) durchgeführt hat, holt das oft stiefmütterlich behandelte Thema an die Oberfläche. Fast 2000 Lehrkräfte wurden bundesweit befragt und mehr als die Hälfte gab an, die Gewalt an Schulen sei in den letzten fünf Jahren spürbar gestiegen.

    Dieser Einschätzung schließt sich der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, an.

    „Aus über 40jähriger Erfahrung kann ich bestätigen, dass sich quantitativ und qualitativ etwas zum Schlechteren verändert hat. Dabei sollte man aber nicht übersehen, dass in den Jahren 1999-2009 über 20 Lehrer durch Amokläufe an Deutschlands Schulen zu Tode gekommen sind. Wir hatten also durchaus schon die brutalsten Formen von Gewalt an den Schulen.“

    Eine Lehrerin, die an einer Berufsschule in Hessen unterrichtet, sagte im Interview mit Sputnik-Korrespondentin Ilona Pfeffer, sie könne keine Steigerung des Gewaltpotentials verzeichnen. Was in den letzten Jahren zugenommen habe, seien andere Dinge, wie beispielsweise Bombendrohungen.

    Allerdings räumt sie ein, dass vor allem verbale Angriffe durchaus zum Lehreralltag gehören.

    „Ich bin schon von einem Schüler bedroht worden. Kollegen wurden ebenfalls verbal angegriffen, z.B. aufgrund ihrer Homosexualität oder Herkunft.“

    Obwohl die Motivation von solchen Attacken von Fall zu Fall verschieden sei, läge die Erklärung für aggressives Verhalten aber oft auch einfach im System, so die Lehrerin.

    „Bei psychischer Gewalt muss man verstehen, dass der Schüler dem Lehrer notentechnisch immer untergeben ist und dass diese Gewalt eine Form ist, sich dagegen zu wehren.“

    Der Präsident des Lehrerverbandes sieht hingegen vor allem die Eltern und die Gesellschaft in der Verantwortung für die Verrohung der Schüler.

    „Nicht alle Familien sind bereit und in der Lage, den Kindern eine Erziehung mitzugeben, die auch Grenzen setzt. Ein Teil der Familien praktiziert zuhause selbst Gewalt und ist dahingehend ein Vorbild. Außerdem spielt eine Rolle, dass in Teilen der Gesellschaft die Autorität von Schulen und Lehrern gelitten hat. Drittens erfährt ein Teil unserer jungen Leute eine Verrohung über den Ausdrucksstil in den sozialen oder, besser gesagt, asozialen Medien.“

    Er bemerke auch zunehmend Fälle, wo sich Eltern am Cybermobbing von Lehrern aktiv beteiligen, so Kraus.

    Das Aggressionsniveau und die Zahl und Art der Übergriffe hänge in erheblichem Maße vom Alter der Schüler und der jeweiligen Schulform ab, fährt Kraus fort.

    „In den Grundschulen ist es nicht so ausgeprägt. Stärker äußert es sich in Schulen, die hauptsächlich von Pubertierenden besucht werden. Dabei geht es aber an den Gymnasien noch vergleichsweise harmloser zu als an Hauptschulen, Gesamtschulen, Mittelschulen usw. Die körperliche Gewalt geht eher von Jungen aus, die verbale Gewalt hingegen von beiden Geschlechtern – da haben sich die Mädchen auf eine eigenartige Weise emanzipiert.“

    Daraus zu schließen, die besonders gewalttätigen Schüler kämen aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien, sei aber nicht richtig, sagt die Lehrerin aus Hessen.

    „Man kann nicht pauschal sagen, das seien Schüler aus sozial schwächeren Familien. Das ist tatsächlich nicht so. Es liegt eher an der psychischen Verfassung des Schülers, diese muss aber nicht unbedingt auf dem sozialen Hintergrund beruhen.“

    Psychische Erkrankungen wie auch Drogenkonsum würden die Hemmeschwelle für Gewalttaten senken und man müsse daher diese Faktoren bedenken, betont sie.

    Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass die Schulen durch die verstärkte Zuwanderung vor neuen Herausforderungen stünden, die sie nicht immer in der Lage seien, zu bewältigen.

    „Ein aktueller Faktor ist das Integrationsthema, weil es da nochmal zu ganz anderen Konflikten kommt. Unterschiedliche Kulturen treffen aufeinander, Frauenbilder sind unterschiedlich, sexuelle Vorlieben werden unterschiedlich toleriert.“

    Oft seien sowohl Schüler als auch Lehrer mit der Integrationsaufgabe schlichtweg überfordert.

    „Diese Schüler haben schon untereinander Probleme, weil sie aus unterschiedlichen Ländern kommen – die müssen sich erstmal untereinander kulturell akzeptieren und tolerieren lernen. Dann das Verhältnis der Lehrperson gegenüber. Haben wir eine Frau vorne stehen oder einen Mann? In vielen Ländern ein Riesenunterschied! Und schließlich im gesamten Schulleben. Wenn der Integrationsanteil innerhalb kurzer Zeit stark zunimmt, schaffen es nicht unbedingt alle Schüler, sich demgegenüber tolerant und offen zu verhalten, weil einfach nicht genügend Vorlauf da war, um es z.B. in Ethik oder Deutsch vor zu entlasten. Man darf auch nicht vergessen, dass sehr viele Schüler auch traumatisiert sind. Da ist ein Lehrer schnell überfordert.“

    In Zukunft müsse man genauer überlegen, wie man die Klassen zusammensetze, so die Lehrerin. Es bringe nichts, eine Schule mit vielen Integrationsklassen zu erweitern, damit die Schülerzahlen stimmen, und im Endeffekt ein vollkommen überfordertes Kollegium zu haben.

    Ein weiteres Ergebnis der aktuellen Forsa-Umfrage war, dass die meisten verbalen oder körperlichen Übergriffe seitens der Schüler von den betroffenen Lehrern entweder ganz verschwiegen oder nicht zur Anzeige gebracht werden.

    „Angst vor Vergeltung mag eine Rolle spielen, dass man sich unter Umständen auch nicht unterstützt fühlt durch die Schulverwaltung oder dass man auch als Weichei vor dem Lehrerkollegium dasteht. Das sind alles Gründe, warum sich Leute nicht outen“, kommentiert Josef Kraus.

    Dennoch dürfe man das Problem nicht unter den Teppich kehren, weil sich sonst die jugendlichen Täter zu weiteren Übergriffen ermuntert fühlten.

    „Ich empfehle allen Kollegen: Wenn man Opfer von Gewalt wird – verbaler Gewalt, Sachbeschädigung oder gar körperlicher Angriffe – sollte man sich nicht scheuen, auch Anzeige zu erstatten. Ich glaube, es ist wichtig für die jungen gewalttätigen Leute, wenn sie wenigstens mal von der Polizei vernommen werden. Das ist oft ein sinnvoller pädagogischer Schock.“

    Aber was kann getan werden, um die Situation zu verbessern und des Problems Gewalt an Schulen auf lange Sicht Herr zu werden? Schule dürfe nicht zum Hochsicherheitstrakt werden, so Kraus. Überwachungskameras und Metalldetektoren, wie mancherorts an amerikanischen Schulen, passten nicht zum pädagogischen Klima. Stattdessen bräuchte man mehr Respekt und Unterstützung für die Lehrer.

    „Ich wünsche mir, dass die Politik nicht müde wird, die Autorität von Schule und dem Lehrerberuf immer wieder ins Gespräch zu bringen. Es waren ja Spitzen des Staates, die über Lehrer und Schulen dumm daher gelabert haben: ‚Die Schule hat versagt‘, ‚Die Lehrer sind faule Säcke‘ usw. Solche Äußerungen machen Lehrer zu Freiwild. Das darf nicht mehr passieren. Ansonsten brauchen wir mehr professionelles Personal, Psychologen. Die Versorgungsrate ist momentan ein Schulpsychologe auf 10.000 bis 12.000 Schüler. Wir brauchen eine engere Zusammenarbeit zwischen Schule und Polizei, z.B. runde Tische gegen Gewalt. Außerdem müssen wir den Schulen den Rücken stärken, wenn sie Sanktionen ergreifen. Sie müssen beispielsweise die Möglichkeit haben, Sozialdienste anzuordnen. Das kann bisher nur ein Jugendrichter.“

    Mehr Unterstützung fände auch die Berufsschullehrerin gut, beispielsweise durch Kurse, die das Selbstbewusstsein und die Durchsetzungsfähigkeit der Lehrkräfte stärken. Kraus dazu:

    „Ich habe an einer Schule einen Kurs in Selbstverteidigung angeboten und war sehr verwundert über die hohe Bereitschaft der Lehrer, an solch einem Kurs teilzunehmen. Und es waren nicht nur die weiblichen, sondern auch die männlichen Lehrer sehr interessiert daran. Dabei geht es nicht darum, sich konkret gegen Schüler zu verteidigen, sondern um die Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit. Wenn ich eine Klasse voller Jungs habe, wo ich mich allein mit der Stimme nicht durchsetzen kann, dann brauche ich ein gewisses Selbstbewusstsein, damit sie mich auch akzeptieren und respektieren.“ 

    Tags:
    Schule, Mobbing
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