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23:21 16 Juli 2019
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    Flüchtlinge in Altena im Sauerland

    „Am Anfang hatten wir auch Angst“: Altena nimmt mehr Flüchtlinge auf als es muss

    © Foto : Stadtverwaltung Altena
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    Die Stadt Altena im Sauerland hat mehr Flüchtlinge aufgenommen als sie eigentlich musste. Der Bürgermeister der Stadt Andreas Hollstein (CDU) sieht darin eine Chance für seine Stadt, die mit Abwanderung und Leerständen zu kämpfen hat. Ein Jahr nach dem Zuzug der Flüchtlinge zieht der Bürgermeister nun Bilanz.

    Zur Begründung für die Mehraufnahme von Flüchtlingen sagt Andreas Hollstein in einem Sputnik-Interview:

    „Wir haben damals gesehen, dass an den Grenzen Millionen Menschen aus den Bürgerkriegsgebieten des arabischen Raumes warteten. Diese Menschen hatten die Hoffnung, bei uns Frieden und eine Aufnahme zu finden. Außerdem habe ich gesehen, dass viele Kommunen bedingt durch Wohnungsnot nicht die Möglichkeit dazu hatten diese Menschen aufzunehmen.“

    Flüchtlinge in Altena im Sauerland
    © Foto : Stadtverwaltung Altena
    Flüchtlinge in Altena im Sauerland

    „Wir haben damals gesehen, dass an den Grenzen Millionen Menschen warteten, aus humanitären Gründen gerade aus den Bürgerkriegsgebieten des arabischen Raumes, hier die Hoffnung hatten auf Frieden und eine Aufnahme. Außerdem habe ich auch gesehen, dass viele Kommunen durch Wohnungsnot die Möglichkeit nicht hatten.“

    Da es genug verfügbaren Wohnraum gab, bat man darum, vor allem Familien aufnehmen zu dürfen. Nicht ganz uneigennützig, wie Hollstein sagt:

    „Natürlich hatten wir den Hintergedanken, dass wir einige der Flüchtlinge dann auch dauerhaft als Mitbürger in unserer Kommune verankern können.“

    Um die Integration voran zu treiben, habe man jeder Familie ehrenamtliche Helfer zur Seite gestellt. Hollstein betont: „Wir bringen die Familien in normalem Wohnraum unter, bei uns gibt es also keine Asylbewerberheime, sondern Notwohnungen, die in normalen Wohnungen eingerichtet werden.“

    Die Erfahrungen mit den Flüchtlingen waren positiv. Der Bürgermeister sagt dazu: „Wir reden über 100 Menschen, die wir zusätzlich aufgenommen haben, darunter zu 80 Prozent Familien und zu 20 Prozent Alleinreisende, die aber teilweise dann auch ihre Familien nachholen können. Wir haben zum Jahresende in Altena etwa 350 Menschen gehabt, die als Flüchtlinge zu uns gekommen sind. Das war die Höchstzahl. Jetzt, ein Jahr später, kann man sagen, dass da wichtige erste Schritte gelaufen sind.“

    Der Spracherwerb sei voran gebracht worden, indem man direkt bei Ankunft der Flüchtlinge Sprachkurse zur Verfügung stellt. Erst einmal von ehrenamtlichen Lehrern, dann aber auch durch staatliche Angebote flankiert.

    „Wir haben versucht, die Menschen direkt in Arbeit zu bringen“, so Hollstein. „Haben direkt auch acht oder neun Menschen in den ersten Arbeitsmarkt integrieren können. Die Aufgabe der Integration ist sicher eine, wo man realistisch sagen muss, drei bis fünf Jahre je nach sprachlichen Fähigkeiten braucht man, denn der Spracherwerb steht erstmal im Vordergrund.“

    Woher der Bürgermeister von Altena die vielen freiwilligen Helfer bekommen hat, beantwortet er so:

    „Wir hatten schon vorher das Potenzial von Freiwilligen für intergenerative Projekte, etwa “Jung hilft alt — alt hilft jung“ genutzt und das auch mit der Bertelsmann-Stiftung als Pilotprojekt aufgebaut. Das heißt, es gab schon Strukturen.“

    Heute engagieren sich konkret in der Flüchtlingshilfe etwa 100 bis 120 Menschen ehrenamtlich.

    Hollstein betont: „Wir haben unsere staatlichen Aufgaben, aber für alles, was Herz und Vermittlung zur Nachbarschaft angeht, das können Ehrenamtler eben viel besser.“

    Als Beispiel erklärt er, dass es eben einerseits um den menschlichen Zuspruch für die Flüchtlinge gehe, aber andererseits eben auch um ganz konkrete Hilfestellungen bei Ämterbesuchen oder aber wenn es Probleme mit der Nachbarschaft gebe.

    „Das ist ja auch der Vorteil beim Ehrenamt. Mit dem Herzen gemacht und nicht nur mit der Geldbörse. Weil wenn wir jetzt eine Familie in ein Vier-Parteien-Haus bringen und die sprechen kein Wort Deutsch und da sind Vorurteile da, dann kann man natürlich viel einfacher agieren, wenn so ein Pate sagt: „Na, wo ist denn das Problem?“ Und dann wird gesagt: „Ja, die bringen ihren Müll nicht raus!“ In so einem Fall kann man dann einfach miteinander sprechen und vermitteln, bevor es eskaliert.“

    Man habe auf die Verzahnung von Haupt- und Ehrenamt gesetzt, fügt der Bürgermeister hinzu.

    Doch nicht alle Menschen in Altena waren zuerst positiv gestimmt. Es gab auch Proteste und viele Vorurteile, räumt er ein.

    „Ich glaube nicht, dass wir ganz anders sind als andere Städte, da gibt es auch Menschen, die da eine ganz andere Vorstellung davon haben. Die große Mehrheit der Bevölkerung nimmt das offen auf und hatte natürlich am Anfang auch Ängste, z.B. was ist mit der Kriminalität? Wir können heute sagen, die Kriminalität ist überhaupt nicht gestiegen, die ist sogar zurückgegangenen. Vorurteile sind immer Vorurteile, weil sie am Anfang da sind, sich aber dann auch abbauen — und das hat sich bei uns auch gezeigt.“

    Ein Jahr später sei Ruhe in die Diskussion gekommen und man gehe viel nüchterner und nicht mehr so angstbesetzt an das Thema heran, betont Hollstein. Die Ängste vor Überforderung, vor dem Teilen-müssen oder vor sozialer Abstufung hätte man erst einmal überwinden können.

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