02:14 28 Juni 2017
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    Syrische Kinder aus Aleppo - Archivbild

    Syrien im TV: „Wo kleine Mädchen auftauchen, ist nur noch Propaganda im Spiel“

    © AP Photo/ Hassan Ammar
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    Russland spricht von der Befreiung Aleppos, der Westen von dessen Eroberung. Frühere Terroristen sind plötzlich Aktivisten und Sechsjährige können aus einer zerbombten Stadt twittern. Jörg Becker, Politikprofessor von der Universität Marburg, erklärt den Unterschied zwischen Freund und Feind, Krieg und Frieden in einem polemischen Interview.

    Herr Becker, wenn man die deutschen Zeitungen liest, scheint es, dass in Aleppo Freiheitskämpfer vom Scheusal Assad und den bösen Russen abgeschlachtet wurden.

    Das, was Sie so zugespitzt formulieren, halte ich eher für ein Phänomen des Fernsehens bei uns, insbesondere bei ARD und ZDF. Ich denke, dass es in den Zeitungen eine etwas bessere Berichterstattung über den Syrienkrieg gibt. Leute mit guter Qualität und Muttersprachenkenntnis finden Sie im Fernsehen nicht.

    Im Fernsehen hab ich gesehen, wie sogenannte Aktivisten aus Aleppo berichtet haben. Da haben selbst Sechsjährige getwittert. Schon stark, wie schnell und live das heute direkt und authentisch in unsere Wohnzimmer übertragen wird. 

    In der Kriegsberichtserstattung ist der Missbrauch von Kleinkindern eine üble Form von Kriegsjournalismus. Dort, wo kleine Mädchen auftauchen, ist nur noch Propaganda im Spiel. Dass unsere Medien dieses Spiel mitspielen, ist unerträglich. Das war schon eine der Trickkisten vom Adolf.

    Journalisten konnten sich ja zuletzt nicht mehr nach Aleppo trauen. Trotzdem haben alle ausführlich berichtet. Wo bekommen unsere Medien denn ihre tollen exklusiven Kriegsinfos her?

    Das ist ein Trauerspiel. Ich habe mich die letzten Wochen schriftlich beim Westdeutschen Rundfunk darüber beschwert, dass wir im Fernsehen permanent Nachrichten von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte bekommen. Das ist ein Ein-Mann-Unternehmen mit Sitz in London, die unerträglich einseitig berichten und dafür sogar noch zum Teil von der EU finanziert werden.

    Ich gebe Ihnen noch ein anderes Beispiel. Eine Zeit lang gab es im Netz Nachrichten von der Global Islamic Media Front, einem Ableger von Al Qaida. Inzwischen wurde bekannt, dass diese Videoquelle vom BND in Pullach finanziert wurde. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein bundesdeutscher Nachrichtendienst manipuliert grausame Videos der Al Qaida, die dann hier als authentische Abschreckquelle durch die Medien ziehen.

    In Russland bekommt man ja nur Propaganda zu sehen. Dort wird sogar von einer Befreiung Aleppos gesprochen!

    Das ist ein altes Spiel. Was der eine Eroberung nennt, nennt der andere Befreiung, was der eine Krieg nennt, nennt der andere Frieden. Ich möchte an der Stelle gern Herrn Steingart, den Herausgeber des "Handelsblattes" zitieren:

    "Wer heute Morgen die Zeitungen liest, traut seinen Augen nicht: Über die Bombardierung von Aleppo durch die Truppen von Assad und Putin wird mit Abscheu und Entsetzen berichtet. Der Vormarsch auf die nordirakische Stadt Mossul, ein Gemeinschaftswerk von Kurden, Irakern und westlichen Einheiten kann dagegen nicht schnell genug erfolgen. Ungeduldig erwartet man die ersten Kampfeinsätze in der Innenstadt. Der moderne Mensch weiß offenbar zwischen richtigen und falschen Toten zu unterscheiden. Wenn es Erst- und Zweitwagen gibt, warum soll es dann nicht auch eine Erst- und eine Zweitmoral geben? Letztere lässt sich vor allem sonntags gut tragen.“

    Es ist auffallend zu sehen, wie in den letzten Wochen überhaupt nicht über Mossul, sondern nur über Aleppo berichtet wurde. So konnte im Schatten der Aleppo-Berichterstattung Mossul gut bombardiert werden. Das zeigt die furchtbare Doppelmoral.

    Ich habe in den letzten Monaten eine eigene Recherche durchgeführt, bei der ich eine Datenbank mit ca. 500 deutschsprachigen Zeitungen durchforstet habe. Ich habe untersucht, wie oft der Begriff "syrische Regierung" verwendet und wie oft von "syrischem Regime" geschrieben wurde. Der Begriff "syrisches Regime", der ja nun ein klassischer Delegitimationsbegriff ist, taucht zum ersten Mal 2011 während des sogenannten Arabischen Frühlings auf. Vorher gab es den nicht. Spannend war auch zu sehen, wann die Verwendung dieses Begriffs sprunghaft anstieg, nämlich, als es zu den ersten russischen Luftangriffen 2015/2016 kam. So ein Ausdruck war wichtig in der antirussischen Berichterstattung.

    Herr Becker, bei allem Respekt, aber Assad ist doch nun wirklich ein grausamer Diktator, der vom gesamten syrischen Volk gehasst wird, oder?

    Erstens, stimmt das so nicht und zweitens halte ich mich in diesem Punkt schlicht ans Völkerrecht, indem ich argumentiere, egal, wie die Innenpolitik oder die Menschenrechtssituation in einem Land aussieht, diese Regierung ist gewählt, völkerrechtlich legitimiert und bei der UNO vertreten. Bei 190 Ländern weltweit muss ich damit leben, dass eine Reihe von Regierungen dabei sind, die meinen Demokratiekriterien nicht entsprechen, aber trotzdem völkerrechtlich anerkannt sind.

    Wenn Assad einmal nicht mehr an der Macht ist, bauen dann die vom Westen unterstützten sogenannten gemäßigten Rebellen eine Demokratie auf?

    Davon ist nicht auszugehen. Nach aller Erfahrung der letzten 15-20 Jahre haben wir es bei vom Westen gewünschten Regime Changes immer nur mit dem Austausch von Führungskräften zu tun, die anschließend keine demokratischen Strukturen aufbauen. Schauen Sie sich Libyen an oder die sogenannten bunten Revolutionen in Osteuropa und Zentralasien. Schauen Sie nach Georgien oder Kirgisien. Die Ukraine ist das Paradebeispiel. Hier geht es nur darum, östliche mit westlich gerichteten Eliten auszutauschen. Die grundsätzlichen Probleme sind geblieben.

    Kommen wir noch einmal auf Syrien zu sprechen. Jetzt wurde zum ersten Mal eine Waffenruhe ausgehandelt, ausgerechnet von Russland, dem Iran und der Türkei.  Erstaunlicherweise begrüßt das sogar die UN, obwohl sie vorher Russland Kriegsverbrechen vorwarfen, allerdings ohne Beweise vorzulegen.

    Ich halte diesen sich jetzt ankündigenden Friedensprozess auch für ungeheuer begrüßenswert. Das wäre ein weltweites positives Signal, dass Friedensgespräche gelingen können ohne Beteiligung des westlichen Hegemons. Alle, die etwas von Politik verstehen, müssen das anerkennen. Dies geschieht ja auch nicht in Konkurrenz zu den USA, sondern parallel dazu.

    Aber die UN sprach auch von Kriegsverbrechen. Davon ist allerdings erst seit dem Eingreifen Russlands die Rede. Hat denn die von den USA geführte Koalition in den vier Jahren zuvor nur gute Bomben eingesetzt?

    Wie ich schon vorhin mit dem Zitat des Chefs des Handelsblattes deutlich machen wollte, das ist die westliche Doppelmoral. Das ist schlimm, aber nichts Neues. Das sind bekannte Mechanismen. Der Feind wird auf einmal zum Freund und der Freund zum Feind. Der Russe macht plötzlich Kriegsverbrechen, während dasselbe bei den Amerikanern noch Befreiungsaktionen waren.

    Herr Becker, wie kann ich mir denn überhaupt noch ein Bild über Syrien verschaffen, dass der Wahrheit nahe kommt?

    Das Internet bietet hier durchaus verschiedene alternative Medien. Außerdem empfehle ich, auch ausländische Medien zu lesen. So kann man sich durchaus einen Überblick verschaffen über diesen furchtbaren Bürgerkrieg, der längst zum Spielball der großen Politik geworden ist.


    Interview: Armin Siebert

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    Tags:
    Lügenpresse, Medien, Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), Aleppo