01:20 03 Juni 2020
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    Europas Flüchtlingsdeals (141)
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    Vor welchen Schwierigkeiten stehen die Flüchtlinge in den griechischen Lagern bei Minusgraden? Welche Maßnahmen wurden bisher getroffen? Und wie sollte sich Europa verhalten? Michael Räber, Mitgründer der Hilfsorganisation schwizerchrüz, war vor Ort und hat Sputnik einen Einblick gegeben.

    In Griechenland hat der Winter mit voller Stärke eingeschlagen und vor allem diejenigen Flüchtlinge, die in Zeltlagern untergebracht sind, vor große Probleme gestellt. Regierung und NGOs helfen da nur bedingt und zu langsam. Eine Alternative stellt die private Hilfe dar. Dazu gehört auch die Organisation schwizerchrüz, die von Rahel und Michael Räber 2015 ins Leben gerufen wurde. Michael Räber war vor wenigen Tagen im Großraum Thessaloniki und berichtet in einem Sputnik-Interview Valentin Raskatov über die Lage und die Maßnahmen.

    Lage der Flüchtlinge in Griechenland
    © Foto : Achillefs Peklaris
    Lage der Flüchtlinge in Griechenland

    Zu der Lage der Flüchtlinge in Griechenland sagt der Helfer: „Die Situation ist sehr unterschiedlich. Es gibt Lager, die sind in Hallen, die sind inzwischen geheizt. Dort ist es einigermaßen erträglich, was die Kälte betrifft. In dem Zeltlager, das wir betreuen, waren die Menschen noch relativ lange. Wir haben uns früh mit dem Kommandanten unseres Lagers zusammengesetzt und dem ist das dann gelungen im Verlauf des Dezembers Heizluftgebläse zu organisieren. Wir haben uns vor allem mit genügend Winterkleidern eingedeckt und haben noch Heizlüfter und entsprechende Sachen abgegeben, damit die Leute sich warm halten können. Vor sechs Tagen wurden sie dann evakuiert, nachdem der Kälteeinbruch so schlimm war, dass Gefahr an Leib und Leben drohte. In Griechenland halten sich insgesamt 62.000 Flüchtlinge auf. Wir betreuen jetzt noch rund 700 Leute in den Lagern, wo wir tätig sind. Die Situation ist besonders prekär auf den griechischen Inseln, wo die Lager komplett überfüllt sind und entsprechend keine Infrastruktur für den Winter bereitsteht. Und: Es gibt immer noch Obdachlose auf den Straßen von Thessaloniki, sowohl Flüchtende wie auch Griechen.“

    Das Hauptproblem sieht Räber aber nicht in der beißenden Kälte. „Das größte Problem ist die psychische Verfassung der Menschen, die dort warten“, erklärt er. „Sie sind jetzt seit neun bis zehn Monaten in diesen Lagern, sie wissen nicht genau,  wann und wie es weitergeht und das ist enorm bedrückend für sie. Daneben haben sie auch keine Privatsphäre. Das schlichte Überleben ist sichergestellt mit Essen, Wasser und medizinischer Versorgung. Aber es ist ein Minimalstandard, den wir sonst in Europa nicht kannten und auch nicht angetroffen haben.“

    Flüchtlinge in Griechenland
    © Foto : Achillefs Peklaris
    Flüchtlinge in Griechenland

    Zu Protesten kommt es laut Räber nicht. „Wir setzen in unseren Lagern sehr stark auf Community-Building, wir haben ein sehr gutes Verhältnis und in dem Sinn keine Proteste. Wir reden immer wieder mit den Leuten und hören ihnen zu, damit sie ihre Frustrationen loswerden können. Sie müssen sich vorstellen: Die Leute sind seit drei, vier, fünf Jahren auf der Flucht, ihre Kinder gehen nicht in die Schule. Sie sind jetzt in Europa und müssen seit Monaten in diesen Lagern leben und wissen nicht, wann und wie es weitergeht“, so der private Helfer.

    Ob es ein Therapieangebot für besonders psychisch belastete Flüchtlinge gibt? „Es gibt einige Organisationen, die sich der Sache verschrieben haben, das reicht aber nicht für alle Leute, die das Angebot wahrnehmen müssten. Und der Zustand dauert dann ja trotzdem an. Vielleicht sollte man das Problem erst lösen, bevor man den Leuten Therapien verschafft.“

    Flüchtlinge in Griechenland
    © Foto : Achillefs Peklaris
    Flüchtlinge in Griechenland

    Räber sieht in erster Linie Handlungsbedarf bei der EU, um die prekären Zustände zu beenden: „Man muss aus meiner Sicht alle Leute in permanente Strukturen verbringen, in Apartments oder Hotels – nur so kann die Gesundheit der Leute gewährleistet werden. Insgesamt muss Europa jetzt in die Hosen steigen und endlich Griechenland diese Leute abnehmen. Griechenland ist nicht in der Lage, diese Leute adäquat unterzubringen.“

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