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    Deutsch-Tunesier: „Die Leute kommen nicht hierher, weil sie gerne im Schnee stehen“

    © AFP 2019 / Faouzi Dridi
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    Sogenannte Gefährder und abgelehnte Asylbewerber müssen schnell in ihre Heimatländer abgeschoben werden, fordern Politiker. Nur haben diese Staaten viel größere Probleme. Das zeigt sich am Beispiel Tunesien: Tausende Dchihadisten kehren in das Land zurück. Einen Großteil der Schuld an dem Dilemma trägt die EU selbst.

    Ein Schild an der Gedächtniskirche „Berlin ist im Herzen getroffen“
    © REUTERS / Hannibal Hanschke
    Sputnik hat mit Raouf Khammassi über die Probleme der Mahgreb-Staaten am Beispiel Tunesien gesprochen. Khammassi ist Präsident der deutsch-tunesischen Gesellschaft und Staatsangehöriger beider Länder. Er ist im Vorstand der tunesischen Regierungspartei Nidaa Tounes.

    Während Deutschland will, dass Länder wie Tunesien Gefährder und abgelehnte Asylbewerber schnell wieder zurücknehmen, haben diese wesentlich größere Sorgen. Experten vermuten, dass allein 5000 junge Tunesier in Syrien, dem Irak oder in Mali  in den Dschihad gezogen sind. Wenn diese nach Tunesien zurückkehren, habe das Land ein Problem, erklärt Khammassi. „Wir haben weder die materiellen Möglichkeiten noch die Spezialisten, die diese Menschen bewachen können“, vermutet er.

    Dann zeigt er die Relationen auf:

    „Ich will nur an die RAF-Terroristen erinnern. Da hat man in Stuttgart-Stammheim ein ganzes Gefängnis gebaut – für eine Handvoll Leute. Bei uns werden Tausende zurückgeschickt. Stellen sie sich einmal vor, es gelingt denen auszubrechen. Das ist keine einfache Geschichte“, gesteht der Politiker.

    Allerdings stehle sich Tunesien nicht aus der Verantwortung, betont er und fordert eine internationale  Zusammenarbeit. „Schon vor Jahren haben alle gewusst, dass diese Menschen über die Türkei in den Dschihad ziehen. Allerdings habe ich das große Entsetzen damals nicht gehört.“ Gegenseitige Schuldzuweisungen spielten nur den Terroristen in die Hände.

    Khammassi macht einen Lösungsvorschlag, zum Umgang mit den radikalisierten Rückkehrern. Dabei bringt er den Internationalen Menschenrechtsgerichtshof in Den Haag ins Spiel: „Warum verfahren wir mit denjenigen, die Menschen die Köpfe abhacken und dann ein Selfie dazu posten, nicht genauso? Ein internationaler Gerichtshof entscheidet. Die Verurteilten werden dann in den Ländern in Haft genommen, die dazu in der Lage sind.“

    Welche das sein sollen, sagt der Deutsch-Tunesier nicht. Aber er betont, dass in Syrien nicht nur Tunesier kämpften, sondern auch französische und deutsche Staatsbürger. Khammassi sieht ein internationales Problem, das auch international angegangen werden muss. 

    Der entscheidende Punkt liegt für den Politiker in Wirtschaft – in der Diskrepanz zwischen dem armen Afrika und dem reichen Europa. Freihandelsabkommen lassen die Schere weiter auseinander driften. „Die EU trifft mit gleich starken Handelspartnern Vereinbarungen“, sagt Khammassi. Diese restriktive Politik ist kein Vorteil für die nordafrikanischen Staaten. Das habe fatale Folgen etwa für die Agrarwirtschaft. „Wir haben enorme Schwierigkeiten, zu exportieren“, mahnt Khammassi.

    Darum könne die tunesische Wirtschaft nicht wachsen. So entstehen keine neuen Arbeitsplätze. Dazu komme die begrenzte Investitionsbereitschaft europäischer Länder in Tunesien. Eine Verbesserung sollte die „Internationale Konferenz Tunisia 2020“ in Tunesien bringen. Über 1000 lokale und internationale Firmennahmen an dem Treffen Ende November teil. „Wir waren voller Hoffnung“, sagt Khammassi. „Man hat fast von einem Marshall-Plan gesprochen.“ Aber das müsse ein Marshall-Plan nicht nur für Tunesien, sondern für viele Länder in Afrika sein. „Im Sinne der europäischen Wirtschafts-, Sicherheits- und Außenpolitik“, betont der Mitte-Links-Politiker. Die afrikanischen Länder seien offen für Verhandlungen.

    Dann hebt Khammassi noch einmal hervor: „Sobald jemand die Möglichkeit hat, sich selbst zu ernähren und eine Familie zu gründen, weiß ich nicht, warum er irgendwo hingehen sollte, wo er alleine ist, zum Teil auf der Straße lebt in einer Region, in der er sich normalerweise überhaupt nicht wohl fühlt.“

    Die wirtschaftliche Öffnung gen Afrika hätte spürbare Folgen für beide Seiten. Neue Jobs, Schulen, eine verbesserte Infrastruktur bedeuten eine bessere Lebensqualität in Tunesien. Das führe dazu, dass die Nordafrikaner auch in Nordafrika blieben. „Die Leute kommen nicht nach Deutschland, um bei 20 Grad minus im Schnee zu stehen“, erklärt der Deutsch-Tunesier.

    „Das ist nicht deren Leben und nicht deren Kultur. Sie wollen jeden Tag die Sonne sehen und sie wollen bei ihren Familien und Freunden in der Heimat bleiben!“

    Auf der anderen Seite verdeutlicht Khammassi die Folgen der wirtschaftlichen Ungleichheit: „Armut kann alles schaffen: Terrorismus, Extremismus, Not.“ Es sei die Armut, die Menschen dazu drängt auszuwandern. Er ist überzeugt: „Sobald das Problem Armut reduziert wird, hätten es die Rattenfänger viel schwerer, Menschen zu radikalisieren.“

    Dann betrachtet er die EU: „Die Staaten geben so viel Geld aus, um den Terrorismus zu bekämpfen und die Attentate zu verhindern. Wenn ich höre, 30 Leute braucht man, um Herrn Amri rund um die Uhr zu bewachen.“ Dieses Geld könne man besser in die Entwicklung Afrikas stecken, die Ursachen für Terrorismus, Islamismus und die Flucht würden damit effektiver bekämpft.

    Das komplette Interview mit Khammassi finden Sie hier:

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    Themen:
    Europas Flüchtlingsdeals (141)
    Tags:
    Rote Armee Fraktion (RAF), Raouf Khammassi, Deutschland, Tunesien