08:45 19 Dezember 2018
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    Thüringer Aktionsbündnis sammelt Spenden für Krankenhäuser in Lugansk

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    Auch in der Ostukraine herrscht gerade harter Winter. Ein Thüringer Aktionsbündnis sammelt Spenden für medizinische Hilfstransporte in die selbsternannte Lugansker Volksrepublik. Initiatorin ist die ukrainischstämmige Dr. Raissa Steinigk, die seit über 40 Jahren in Thüringen lebt. Auch in Deutschland ist die Hilfsbereitschaft groß.

    Frau Steinigk, wie kamen Sie darauf, Ihr Aktionsbündnis "Zukunft des Donbass" zu gründen?

    Autos des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz
    © Sputnik / Irina Grischtschenko

    Ich war viele Jahre in der Ukraine aktiv und sehr oft dort, auch im Donbass. Ich war auch zu Beginn des Maidans in Kiew im Dezember 2013. Als dann nach zwei Jahren endlich die Bombardierungen im Donbass aufhörten, dachte ich, ich muss was tun für die Menschen dort, die für das Schlamassel nicht verantwortlich sind.

    Wie haben Sie dann das Spendenmaterial hier in Deutschland besorgt?

    Mir schienen medizinische Hilfsmittel für die zerbombten Krankenhäuser dort am dringendsten notwendig. Also habe ich alle Kliniken in Thüringen angeschrieben. Einige haben sofort reagiert, andere später. Wir haben dann alles privat organisiert, ohne Hilfe durch den Staat Thüringen. Wir sind eine kleine Gruppe, nur sechs Personen.

    Gewöhnlich gibt es von deutscher Seite nur Hilfslieferungen auf die ukrainische Seite. Wie haben denn die Kliniken reagiert, als Sie sagten, dass Sie quasi für die andere Seite spenden wollen?

    Den Kliniken ging es in erster Linie um die Hilfe. Die ersten zwei Transporte bestanden aus medizinischen Möbeln, z.B. 20 Krankenhausbetten, Verbandsmaterial und Babynahrung. Ich bin selbst auch mit gefahren. Und als ich dann Fotos von der Reise an Arztpraxen und Kliniken geschickt habe, haben uns diese auf ihre Spendenliste gesetzt.

    Wie haben Sie den Transport finanziert?

    Es war schwer, die 4000 Euro pro Transport aufzutreiben. Wir haben viele angeschrieben, die Diakonie, aber auch Privatpersonen. Und es gibt auf www.betterplace-org einen Spendenaufruf. So konnten wir bisher drei Hilfstransporte organisieren.

    Aber sind die Menschen hier nicht überrascht darüber, dass sie den sogenannten Separatisten helfen? Die werden ja hier in den Menschen gewöhnlich alle als Verbrecher dargestellt.

    Nein, sie sind nicht überrascht, weil die Meinung über die Situation in der Ukraine auch hier geteilt ist. Wer sich mit der Thematik genauer beschäftigt, versteht, dass die einfache Bevölkerung nichts damit zu tun hat. Der Konflikt ist auf politischer Ebene entstanden und hat nun so schreckliche Auswirkungen auf die Menschen dort. Wenn man mit den Leuten hier redet und ihnen die Lage erklärt, dann verstehen sie das und wollen uns gern unterstützen und sei es mit 50 oder 100 Euro.

    Auf welchem Weg haben Sie die Hilfstransporte nach Lugansk gebracht?

    Über Weißrussland und Russland.

    Warum sind Sie nicht auf dem offiziellen Weg über die Ukraine nach Lugansk eingereist?

    Das geht nicht, da man mit großer Sicherheit von den Kontrollposten nicht über die Trennlinie gelassen wird. Unsere Spenden könnten beschlagnahmt werden. Deshalb müssen alle Transporte nach Donezk oder Lugansk, auch aus Deutschland, diesen großen Umweg über Rostow, über die Grenze von Russland zum Lugansker Gebiet machen.

    Offiziell ist das allerdings von ukrainischer Seite verboten. Heißt das nicht, dass Sie jetzt in der Ukraine Einreiseverbot haben?

    Das kann sein. Aber es ist einfach so, dass kein deutsches Transportunternehmen bereit ist, Spenden nach Lugansk oder Donezk zu bringen. Das machen in der Regel Logistikfirmen aus Russland, Weißrussland oder dem Baltikum.

    Wie haben Sie die Menschen in Lugansk erlebt?

    Das sind genauso einfache Menschen wie hier. Die Leute sind dort geboren und leben schon ihr ganzes Leben dort. Lugansk hatte ja vor dem Bürgerkrieg noch fast 700.000 Einwohner. Jetzt sind es noch knapp 400.000. Diejenigen, die dort geblieben sind, sind dort verwurzelt. Das sind keine Separatisten, sondern Menschen, die nicht verstehen, warum ihre eigenen Landsleute sie töten wollen.

    Meinen Sie, es wird zu einer Wiedervereinigung mit der Ukraine kommen? Wollen die Menschen das dort?

    Nein, niemand dort will zurück zur Ukraine. Das haben mir alle, in allen Schichten der Bevölkerung, von den Ärzten bis zur Putzfrau, gesagt. Alle sagen, nach diesem Krieg wird es sehr, sehr lange dauern bis es wieder Normalität gibt. Es ist jetzt sehr schwer für die Menschen dort. Davon weiß man nichts hier. Die Renten werden von ukrainischer Seite nicht mehr bezahlt. Seit Dezember wurde nun auch noch das Trinkwasser für ca. 250.000 Menschen in Lugansk von ukrainischer Seite abgestellt. Die Leute leiden sehr, aber sagen trotzdem, nein, noch können wir nicht wieder mit der Ukraine sein.

    Davon weiß man hier allerdings nichts. Wie ist Ihr Eindruck von der Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt in den deutschen Medien?

    Die Berichterstattung ist zum größten Teil falsifiziert oder zumindest klischeebehaftet. Diese Klischees sind schon 2014 entstanden und wurden bis heute kaum geändert. Es gibt nur negative und zum Teil auch widersprüchliche Berichte über diese Region. Die Berichte sind oft auch veraltet. Es hat sich Einiges geändert in drei Jahren. Ausländische Journalisten sind aber, wie ja auch in Syrien, nicht mehr vor Ort. Sie wissen ja auch, dass, wenn sie die Menschen dort offen interviewen würden, würden ihre objektiven Berichte hier in den Medien niemals veröffentlicht werden. Das haben mir auch einige Journalisten selbst bestätigt.

    Frau Steinigk, haben Sie Pläne für einen weiteren Hilfstransport und wie kann man Ihr Aktionsbündnis unterstützen?

    Wir haben momentan wieder viele hervorragende medizinische Geräte, Möbel und Verbandsmaterial bekommen. Wir könnten also bereits im Februar einen neuen Transport schicken ins Lugansker Gebiet, diesmal zum Krankenhaus in Pervomaisk, das sich unmittelbar an der Trennlinie befindet und schlimm bombardiert wurde. Aber noch fehlt uns leider das Geld für den Transport. Wir brauchen dringend 4000 Euro. Also bitte finden Sie uns im Internet unter www.zukunftdonbass.org oder auf der Spendenplattform Better Place.

    Interview: Armin Siebert

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    Tags:
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