01:49 21 September 2017
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    Carla Ortiz in Syrien

    Attac-Professor zum Syrienkrieg: Lieber ein failed state, als ein unabhängiger Staat

    © Foto: Carla Ortiz
    Gesellschaft
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    Das Anti-Globalisierungsnetzwerkes attac hat eine Stellungnahme zum Syrienkrieg zu veröffentlichen, in der sie das Vorgehen der USA und die Berichterstattung im Westen kritisieren. Der Bericht wurde von Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirates von attac verfasst. Einer der Autoren ist Hon.-Prof. Dr. Frieder Otto Wolf von FU Berlin.

    Herr Wolf, warum war es dem wissenschaftlichen Beirat von attac ein Bedürfnis, eine Stellungnahme zum Syrienkrieg zu veröffentlichen?

    Weil es ein langes, tragisches Problem des Umgangs mit dem Nahen und Mittleren Osten gibt. Das geht zurück bis zur Zerlegung des Osmanischen Reichs. Nachdem sich dort in den Fünfziger und Sechziger Jahren einigermaßen stabile Staaten gebildet hatten, haben die USA in den letzten zehn Jahren eine Agenda entwickelt, die von dem Prinzip ausgeht: lieber ein failed state, als ein unabhängiger Staat. Das halte ich für eine katastrophale und auch für Europa unerträgliche Entwicklung.

    Was kritisieren Sie an der Berichterstattung über den Konflikt?

    Man wird der Sache nicht gerecht, wenn man den Konflikt nur aus der Perspektive der gegenwertigen Oppositionskräfte in Syrien beschreibt. Man muss auch die langfristige Entwicklung und die gesellschaftlichen Kräfte dort betrachten. Der Westen hat sich hier mit islamistischen Kräften eingelassen, wie auch schon in Afghanistan und in Libyen, mit denen, wie ich glaube, keine tragfähige Partnerschaft möglich ist.

    Also kann man durchaus historische Parallelen ziehen?

    Leider. Die USA haben anscheinend ein Handlungsmuster entwickelt, dass ich für sehr kontraproduktiv halte, nämlich, dass man einen Staat, bevor er zur anderen Seite wechselt, lieber destabilisiert. Das dürfte sich langfristig auch negativ auf die Entwicklung der USA in der Welt auswirken.

    Ihre Erklärung unterscheidet sich schon von der gängigen Lesart im Großteil der westlichen Presse. Wie kommt das?

    Das ist eine spannende Frage. Dazu müsste man analysieren, wie sich welche Interessen in den Mainstreammedien artikulieren. Da hat sich auch eine Ausrichtung an US-Leitmedien vollzogen. Das beunruhigt mich, wenn hierzulande Pressemacht und Pressekonzentration mit einer sehr einseitigen Orientierung Hand in Hand gehen.

    Auf welche Quellen stützen Sie sich?

    Möglichst berücksichtigen wir natürlich alle verfügbaren Quellen.  Dabei muss man aber natürlich erst deren Glaubwürdigkeit einschätzen. Manche offensichtliche Propagandaquellen sollte man entsprechend verorten.

    Wie kann man sich denn als Normalsterblicher über den Konflikt wahrheitsgetreu informieren?

    Ich fürchte, da muss man auf Nicht-Mainstream-Medien und entsprechende Quellen im Internet zurückgreifen müssen. Denn die Mainstreammedien sind bei diesem Thema offensichtlich propagandistisch vergiftet.

    Es scheint eine Tendenz zu geben, dass man Wahrheiten, die nichts ins westliche Konzept passen, als Verschwörungstheorien darstellt.

    Zum Beispiel. Oder als unveränderte Auffassungen von Leuten, die seit den Sechziger Jahren nichts dazugelernt haben. Bei einer alternativen Perspektive auf die Entwicklung im Nahen Osten und in Syrien spielen diese Argumente keine Rolle, aber werden gern von der Gegenseite vorgeschoben.

    Von einem Krieg und Kriegsverbrechen ist in der Presse auch erst die Rede seit Russland in den Konflikt eingegriffen hat.

    Das ist natürlich empörend. In unserer Stellungnahme haben wir ja auch die Beweislage zu den Giftgasangriffen dargelegt, die wahrscheinlich auf die Türkei zurückzuführen sind, die damit Obama zum Eingreifen zwingen wollten. Das gibt doch sehr zu denken. Man fragt sich, wieso es dazu keinen kritischen Journalismus in den hiesigen Mainstreammedien gibt.

    Dafür wurde von der Befreiung Aleppos besonders dramatisch berichtet. Da gab es Hochglanzvideos über twitter und skype.

    Ja, das war besonders professionelle Propaganda.

    Jetzt berichtet allerdings niemand mehr über Aleppo. Auch über russische Hilfslieferungen wird nicht berichtet. Vermutungen über angebliche Angriffe von UN-Hilfskonvois durch Russland werden dagegen schnell zu Behauptungen gemacht. Spielt hier das alte Blockdenken mit rein?

    Ja, das wird gewissermaßen zur leichteren Durchgängigkeit in der Propaganda genutzt. Man will die Rolle Russlands reduzieren. Staaten, die auch mit Russland eng verbunden sind, sind ihnen offenbar ein Dorn im Auge.

    Heißt das, man wird über die weitere, möglicherweise positive Rolle Russlands in Syrien nicht berichten?

    Ich denke, in dem Maße, wie sich die Situation in Syrien in Richtung eines Waffenstillstandes beruhigen sollte und dafür gibt es ja positive Indizien, in dem Maße wird man auch nicht umhin kommen, über die neue Lage berichten zu müssen.

    Werden die USA weiter aktiv in Syrien eingreifen?

    Das ist ja nun zum Glück nicht an erster Stelle auf der Agenda von Herrn Trump. Daher halte ich das für eher unwahrscheinlich.
    Interview: Armin Siebert

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    Tags:
    Attac, Syrien, USA, Russland