01:28 18 November 2018
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    Der russische Revolutionär und Anführer des russischen Proletariats Wladimir Lenin

    Oktoberrevolution: Lenin hätte auch ohne deutsche Hilfe gesiegt - Historiker

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    Revolutionenjahr 1917 (8)
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    Eines der bestgehüteten Geheimnisse war lange, dass Lenin bei der Machtübernahme in Russland logistisch und finanziell von Deutschland unterstützt wurde. Hätte es wohlmöglich ohne deutsche Hilfe keine Oktoberrevolution und keine Sowjetunion gegeben?

    Das geht dann doch zu weit, meint Professor für Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin Jörg Baberowski.

    Herr Baberowski, vielen ist nicht bewusst, dass Deutschland die Oktoberrevolution quasi mitfinanziert hat. Welche gemeinsamen Interessen verbanden Lenin und den deutschen Kaiser?

    Lenin hatte ein großes Interesse daran, von der Schweiz sehr schnell nach Russland zu kommen, nachdem in Petersburg die Februarrevolution ausgebrochen war und er in Zürich festsaß. Er konnte das nur tun, indem er durch Feindesland fuhr – durch Deutschland. Und die Deutschen hatten ein sehr großes Interesse daran, jemanden nach Russland zu bringen, der die politischen Verhältnisse dort destabilisieren und Russland aus dem Krieg herausführen würde. Ideologisch aber hatten sich die beiden Seiten nicht so viel zu sagen.

    Es ging also darum, das Zarenreich als Feind von innen zu zersetzen?

    Das Zarenreich bestand ja nicht mehr, sondern die provisorische Regierung. Diese hatte den Bündnispartnern versprochen, den Krieg fortzusetzen. Diese provisorische Regierung sollte durch Lenin destabilisiert werden, indem er dort Unruhe stiftete. Wenig später hat die deutsche Reichsregierung auch erklärt, dass Lenin nach Plan arbeite und die Situation eskalieren lasse.

    Wie hat denn Deutschland geholfen, Lenin aus seinem Schweizer Exil nach Russland schmuggeln?

    Die erste Kontaktanbahnung war Ende 1916. 1917 wurden die Kontakte intensiviert. Die Reise wurde komplett von der deutschen Seite organisiert. Dabei hatte Lenin darauf bestanden, dass der Waggon – deshalb wurde dieser plombiert – extraterritoriales Gebiet sein sollte. Um nicht dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, er sei durch Feindesland gefahren, wurde verabredet, dass Lenin sich quasi auf neutralem Gebiet befindet und diesen Wagon nicht verlässt. So konnte Lenin in Russland erklären, er sei gar nicht in einem deutschen Waggon nach Russland gefahren.

    Die Route ging über den Schwarzwald, Stuttgart, dann über Frankfurt nach Berlin und von Berlin aus nach Saßnitz auf Rügen. Von dort aus ging es mit dem Schiff nach Schweden. Passkontrollen gab es nur an der Schweizer Grenze und dann nochmal an der schwedischen nach der Überfahrt. Von Schweden aus fuhr Lenin mit dem Zug in den hohen Norden. Von dort aus fuhr er bis nach Helsinki und von dort aus zum finnischen Bahnhof nach Petrograd.

    Dabei wusste der russische Geheimdienst, worum es ging. Es wurde sogar erwogen, Lenin als Vaterlandsverräter und Unruhestifter verhaften zu lassen. Aber der Arbeiter- und Soldatenrat garantierte Lenins Sicherheit.

    Wieviel Geld ist denn von Deutschland geflossen?

    Als Lenin im plombierten Waggon saß, begann die eigentliche finanzielle Unterstützung. Die deutsche Reichsregierung bezahlte die Durchfahrt. Und über Parvus Helphand, der ein Vertrauter Trotzkis war, bekam Lenin und seine Gruppe Geld. Dieses Geld sollten sie einsetzen, um Propaganda in Russland zu machen. Als Lenin noch in der Schweiz war, ist kein Geld geflossen. Geld floss erst, als entschieden wurde, dass Lenin nach Russland zurückgebracht wird.

    Man weiß, dass Lenin Geld für Propagandazwecke bekommen hat, aber es ist nicht genau erwiesen, wieviel das war und wie lang das ging. Irgendwann hatte die deutsche Reichsregierung auch gar kein Interesse mehr daran, Lenin zu unterstützen, weil er zu einem Sicherheitsrisiko für Deutschland selbst geworden war. 

    Noch einmal zu den Beweggründen Deutschlands den Bolschewiki zu helfen: schon damals ging es Deutschland ja quasi auch um Separatismus, nichtrussische Randgebiete von Kernrussland zu trennen, oder?

    Das kam erst später ins Spiel, nämlich als Lenin an der Macht war. Damals machte die Reichsregierung die Expansion nach Osten zu einem Programm. Das war in der Reichsregierung übrigens umstritten, weil die Inkorporation großer Gebiete bedeutete, dass die Truppen nicht abgezogen und nach Westen verlegt werden konnten. Dass die Reichsregierung den Separatismus der Ukrainer und der Baltischen Republiken für ihre eigenen Zwecke nutzen konnte, entwickelt sich aus der Situation heraus.

    Deutschland hatte ja dann auch mit dem Frieden von Brest-Litowsk eine Menge erreicht.

    Man kann sagen, dass das ein Pyrrhussieg war. Lenin war klug genug, den Deutschen zu geben, was sie haben wollten, um im März 1918 sein Regime zu retten. Die Deutschen konnten zwar die Ukraine besetzen und bekamen damit die Kornkammer des ehemaligen Zarenreichs in ihre Gewalt. Sie versuchten dann, diese Kornkammer für deutsche Zwecke auszuplündern. Aber durch die Besetzung dieses Riesenterritoriums wurden große Truppenkontingente gebunden. Und die Deutschen wurden Teil des russischen Bürgerkrieges.

    Herr Baberowski, ist es übertrieben zu sagen, dass es ohne deutsche Unterstützung keine Oktoberrevolution, keine Sowjetunion, keinen Staatskommunismus gegeben hätte?

    Lenin hätte auch auf andere Weise nach Russland kommen können, auf dem Seeweg zum Beispiel. Er wäre später eingetroffen. Aber seine Genossen waren ja schon in Petrograd. Lenin war aber die allerwichtigste Figur. Ohne Lenin hätte es die Oktoberrevolution nicht gegeben, weil seine Genossen – insbesondere Stalin – an diesem Putsch gar nicht interessiert waren. Sie hätten lieber eine sozialistische Allparteienregierung gesehen. Früher oder später wäre Lenin ohnehin nach Russland zurückgekehrt. Es wäre also übertrieben, das zu sagen.

    Immerhin gab es ja Probleme in Russland: Kriegsmüdigkeit, schlechte wirtschaftliche Lage. Und die Bolschewiki gewannen an Zustimmung, weil sie als einzige Gruppe unter den revolutionären Parteien gegen den Krieg und für die sofortige Verteilung des Landes an die Bauern waren, während andere Sozialisten und die Liberalen meinten, dass darüber nur eine verfassungsgebende Versammlung entscheiden könnte. Und in dieser Radikalisierung im Sommer 1917 kamen die Bolschewiki am Ende an die Macht. Diese Situation hätte es auch ohne deutsche Hilfe gegeben.

    Interview: Armin Siebert

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    Jörg Baberowski, Wladimir Lenin, Josef Stalin, Deutschland, Russland