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15:32 21 September 2019
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    Die Denkmäler sollten selbst während der Blockade bewahrt werden. Das Denkmal von Peter I. („Der eherne Reiter“) auf dem Platz der Dekabristen.

    „Horchposten 1941“ in Russland: Der Deutschen Trauer und Scham erleben

    © Sputnik / Izrail Ozerskiy
    Gesellschaft
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    Der Eroberungskrieg Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion ist laut Sergej Buntman, stellvertretender Chefredakteur des Radiosenders „Echo Moskwy“ und Mitgestalter der interaktiven Klanginstallation „Horchposten 1941“ die größte menschliche Tragödie der Deutschen und Russen. Das Stück wird gerade in Moskau und St. Petersburg ausgestellt.

    Blockade von Leningrad: 872 Tage in der Hölle
    © Sputnik / Izrail Ozerskiy
    „Das von Deutschen dargestellte Kunstwerk macht authentische russische und deutsche Texte akustisch erlebbar und eröffnet den Krieg für deutsche und russische Besucher aus dem Blickwinkel des jeweiligen ehemaligen Feindes. Wir möchten, dass unsere Zeitgenossen diese Tragödie innerlich nachempfinden. Es kommt darauf an, das ganze Spektrum der wirklichen Stimmungen auf beiden Seiten zu erschließen“, so Buntman.

    Eine Sache sei es, Befehle umzusetzen, „wobei Einem klar wird – nicht nur den Nürnberger Richtern – sondern auch uns, dass die Ausreden,Ich habe Befehle ausgeführt, ich bin Soldat‘ nichts wert sind. Denn Keitels eigene Befehle haben den repressiven Teil der deutschen Besatzung schöpferisch weiterentwickelt.“

    Andreas von Westphalen (links) und Jochen Langner (Mitte) im Gespräch mit einem Besucher
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Andreas von Westphalen (links) und Jochen Langner (Mitte) im Gespräch mit einem Besucher

    Auf der anderen Seite seien es gerade die sowjetischen Soldaten gewesen, meint der Medienmacher, „die als Befreier in Deutschland einziehen und man sollte meinen, alles muss rein und schön bis ans Ende bleiben. Doch es kommt zu Gewalt und Plünderung. Wie konnten die Befreier bloß so tief fallen? Nun schreiben sowjetische Offiziere in ihren Tagebüchern, wie sie diesen Wahnsinn zu verhindern und zu stoppen versuchen. Man spürt dabei ihr grenzenloses Bedauern, dass ihre Soldaten an das lichte Idealbild eines Befreiers nicht heranreichen. Die Rachsucht ist verständlich. Es geht aber nicht immer nur um dieses Gefühl. Da machen sich gemeine menschliche Triebe allmählich breit.“

    Dialog über Geschichte und Gegenwart

    Ausstellung zur Blockade Leningrads
    © Foto : Goethe-Institut St. Petersburg / Valery Smirnov
    Für Jochen Langner, gemeinsam mit Andreas von Westphalen verantwortlich für Konzept, Textauswahl und Regie der Installation, war es schwer, mit seinem Vater, der in sowjetischen Gefangenschaft war, über das von ihm im Krieg Erlebte zu sprechen. „Ich war mit einem Schweigen konfrontiert“, sagte er im Sputnik-Interview. „Da der Dialog zwischen Deutschland und Russland heutzutage aufgrund der politischen Lage schwierig ist, wollen wir über diesen Krieg reden, um über die Gegenwart und unsere Beziehungen auch anzufangen zu sprechen, weil dieser Krieg unsere gegenseitigen Beziehungen immer noch beeinflusst.“

    Wenn man in Russland mit den Menschen spreche, fährt Langner fort, brauche man nur an der Alltagskrume in jeder Familie ein bisschen zu kratzen, „dann sickert Blut, und das ist sowohl bei Russen als auch bei Deutschen so. Die Geschichte hat Auswirkungen auf die Gegenwart in dem Sinne, wie man sie deutet und wie man darüber Bescheid wissen möchte.“

    Der Regisseur führt aus: „Wir wollen Geschichte mit Geschichten erzählen und den Menschen sagen:,Interessier dich für die Geschichte, interessier dich nicht nur für den Dialog zwischen den Menschen der Gegenwart, sondern interessier dich auch für den Dialog mit den Generationen. Wir können eine Menge lernen, um vielleicht ein paar Fehler nicht zu machen und so unsere Gegenwart zu gestalten.“

    „Horchposten 1941“
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    „Horchposten 1941“

    Die Frage „Wie nur?“

    Man sitzt auf Stühlen in einem Raum und hört Dokumente und Texte von Zeitzeugen des Krieges, von deutschen und russischen Schauspielern eingesprochen. Diese Zeitzeugen erzählen, was sie erlitten, erlebten und taten. Der Raum ist in fünf Zonen aufgeteilt: das sowjetische und das deutsche Hinterland, die Front von beiden Seiten und im Zentrum die Blockade Leningrads. Man kann sich frei durch den Raum bewegen und den jeweiligen Abschnitt sowie die Sprache wählen. Im deutschen Hinterland beispielsweise kann man die Ausarbeitung des Generalplans „Ost“ verfolgen, im sowjetischen Hinterland den Horror der deutschen Belagerung Leningrads aus der Perspektive der eingeschlossenen Menschen wahrnehmen.

    Hubert Knirsch, Leiter der politischen Abteilung der deutschen Botschaft in Moskau, kommentiert: „Für uns Deutsche ist es ein Grund zur Scham, zum Innehalten, und ein Grund für die ewige Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass Menschen unseres Volkes etwas so Schreckliches tun konnten. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und an dieses schreckliche Geschehen ist für uns Deutsche, für unser Selbstverständnis wichtig, genauso für die Russen, diesen nachdenklichen, gesprächsbereiten, freundschaftlich aufgeschlossenen Mitmenschen.“

    Dem fügt Jens Hildebrandt, stellvertretender Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Moskau, die maßgeblich zum Projekt beigetragen hat, zu: „Aus deutscher Perspektive war es besonders schwierig, sich manche Passagen anzuhören.“ Er meint die berühmten Zeilen aus dem Tagebuch der zwölfjährigen Tanja Sawitschewa während der Blockade Leningrads: „Alle sind gestorben. Nur Tanja ist noch am Leben.“

    „Scham entsteht dann, wenn man sich vergegenwärtigt, wie viel Menschenverachtung und Vernichtungswillen deutsche Soldaten aufgebracht haben, um Städte wie Warschau, Kiew oder Minsk in Schutt und Asche zu legen. Man schämt sich, wenn man erfährt, dass die gezielte Ermordung der Zivilgesellschaft durch Hunger von den deutschen Belagerern angeordnet wurde und zu einer Million Toten in Leningrad führte“, so Hildebrandt.

    Er schäme sich, wenn ihm gewahr werde, „wie viele Deutsche sich am Vernichtungsfeldzug in Osteuropa beteiligt haben und nach 1945 am Mythos der sauberen Wehrmacht festhielten. Der Zweite Weltkrieg hat vielleicht im Gedächtnis der Ostdeutschen eine etwas tiefere Verankerung. Dort wurde über Leningrad gesprochen. Im westdeutschen Gedächtnis ist es eine Blindstelle.“

    Für den Historiker sei es eine Schande, dass „wir in den 90er Jahren über die Luftangriffe auf Deutschlands Städte geredet haben, aber komplett ausgeblendet haben, dass der deutsche Terrorkrieg einen grausamen Höhepunkt in der Belagerung von Leningrad fand.“

    Nach Moskau, St. Petersburg und Wolgograd kommt die Installation auch noch ins Berliner Willi-Brandt-Haus, die Parteizentrale der SPD. Sie wird auch im NS-Dokumentationszentrum in München und Hamburg zu sehen und erleben sein.

    Außerdem wird „Horchposten 1941“ am 13. Mai von Deutschlandfunk, Radio Echo Moskwy und dem Westdeutschen Rundfunk gleichzeitig als Hörspiel ausgestrahlt.

    Nikolaj Jolkin

    Der komplette Beitrag mit Ausschnitten aus der Installation zum Nachhören:

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    Tags:
    Der Zweite Weltkrieg, UdSSR, Deutschland