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11:35 21 August 2019
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    Proteste vor türkischer Botschaft in Berlin

    Von „Skandal“ bis „Hetze“-Vorwurf: Reaktionen in Deutschland auf Fall Yücel

    © REUTERS / Fabrizio Bensch
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    Das offizielle Berlin fordert von Ankara, den verhafteten türkisch-deutschen Journalisten Deniz Yücel freizulassen. Die Bundesregierung werde „alles in ihrer Macht stehende“ dafür tun, kündigte Kanzlerin Angela Merkel am 1. März an. Doch der Fall Yücel sorgt in Deutschland auch für unterschiedliche Reaktionen.

    In Deutschland fordern Einige die Freilassung von Yücel und politischen Druck auf die türkische Regierung. Andererseits gibt es Stimmen, die Verständnis für das Vorgehen der Behörden in der Türkei zeigen. Sputnik-Korrespondent Paul Linke sprach für Sputnik mit Vertretern beider Positionen in Deutschland.

    Haluk Yildiz, Vorsitzender der Partei „Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit“ (BIG Partei), findet die Reaktionen in Deutschland überzogen. Die deutsche Berichterstattung zu dem Fall und zur Entwicklung in der Türkei insgesamt bezeichnet er als „sehr tendenziös“ und „sehr einseitig“.

    "Das hat mit Demokratie nichts zu tun!" — Linke besucht Opposition in der Türkei

    Yildiz will aber einen politischen Hintergrund dafür, dass Yücel verhaftet wurde, nicht ausschließen. Der Journalist sei „mehr als kritisch“ gegenüber der türkischen Politik und der Regierung in Ankara eingestellt. Der BIG-Vorsitzende sieht die Verhaftung als mögliche Retourkutsche dafür, wie Yücel seit Jahren berichtete. Das bezeichnet er als verständlich, „auch wenn ich nicht zustimme“. Für Yildiz ist die Berichterstattung in Deutschland über die Vorgänge in der Türkei „mehr als Kritik“. „Das geht schon in Richtung Hetze.“

    Die Türken selbst, zuhause und im Ausland, würden das mehrheitlich anders sehen. Das Echo in Deutschland auf den Fall sei „wie immer sehr übertrieben, wie immer, wenn es um die Türkei und Erdogan geht“. Der BIG-Vorsitzende fragt, wie hierzulande reagiert werden würde, wenn ein Journalist gegen Gesetze verstößt.

    Für Ates Gürpinar, Landessprecher der Linkspartei in Bayern, ist dagegen der Fall klar. Anders als Yildiz ist der Fall für ihn ein politischer. Die Verhaftung Yücels bezeichnet er als Skandal, auf den die Bundesregierung reagieren müsse. Das hält er für notwendig, nicht nur weil der Inhaftierte auch die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Ohne diese gebe es diese große Aufmerksamkeit nicht, vermutet Gürpinar.

    Der Linkspartei-Politiker sieht die deutsche Regierung gegenüber dem Bündnispartner Türkei in der Pflicht. Berlin müsse auf Ankara einwirken. Die Türkei ist laut Gürpinar das Land mit mehr Journalisten im Gefängnis als in China. Mit einem solchen Bündnispartner ist es für ihn zum Beispiel eine „Lüge“ zu behaupten, gemeinsam über die Nato für Demokratie zu kämpfen. Der Fall Yücel soll für die deutsche Außenpolitik Konsequenzen haben, fordert der bayrische Linkspolitiker. Er kündigte gegenüber Sputnik verschiedene Aktionen an, mit denen sich seine Partei für Yücel weiter einsetzen will.

    Es sei nicht politisch motiviert, das der türkisch-deutsche Journalist verhaftet wurde. Das meint dagegen der Generalsekretär der eher Ankara-nahen Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), Bülent Bilgi. „Kein Journalist ist wegen seiner journalistischen Tätigkeit ins Gefängnis gesteckt worden“, betont er. Journalisten stehen für Bilgi nicht über dem Gesetz und sollten auch für begangene Straftaten belangt werden können. Er verweist darauf, dass die Türkei ein Rechtsstaat sei. Die Politik sollte sich aus dem laufenden Verfahren raushalten.

    Der Fall Yücel dürfe nicht politisch instrumentalisiert werden, fordert der UETD-Funktionär. „Es ist eine Entscheidung der Gerichte, weder der Regierung noch des Staatspräsidenten Erdogan.“ Das Echo in Deutschland darauf „hätte ich mir auch im Fall Assange und Snowden gewünscht“, kritisiert Bilgi. Auch er sieht die Berichterstattung deutscher Medien zu dem Fall als überzogen und Yücel eher als Aktivisten an. Und fügt hinzu: „Wenn er unschuldig ist, gehört er nicht ins Gefängnis.“

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    Tags:
    Paul Linke, Deniz Yücel, Türkei, Deutschland