11:04 14 August 2020
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    Die Entwicklung von Technologien hat zu einer neuen Form von Verbrechen im Internet und in den sozialen Netzwerken geführt: Das sogenannte Grooming stellt eine neue Methode der Erpressung und Gewalt gegenüber Minderjährigen dar. Was das genau ist und wie man Fälle rechtzeitig erkennt, hat Sputnik recherchiert.

    Die Form der Online-Verbrechen kann bekanntlich den emotionalen Zustand eines Opfers bedeutend beeinflussen und sogar tragische Folgen haben – Mord, sexuelle Gewalt und Menschenhandel.

    Allgemein könne Grooming als „virtuelle sexuelle Gewalt gegenüber Kinder und Jugendlichen“ bezeichnet werden, so Anwalt Hernán Navarro, Leiter der zivilen Assoziation „Grooming Argentina“.

    „Es sind verschiedene Methoden, die ein Pädophiler – Groomer – nutzt, um das Vertrauen von Kindern in einem virtuellen Umfeld zu gewinnen, indem eigene sexuelle Ziele verfolgt werden. Sie wollen Materialien, ein Foto oder Video bekommen, um dann damit die Opfer zu erpressen“, so Navarro im Interview mit Sputnik Mundo.

    Der Prozess bestehe aus vier Etappen. Zunächst nehme der Böswillige Kontakt mit dem Minderjährigen auf. Dann beginne er, dessen Vertrauen zu gewinnen. Anschließend beginne die Etappe des „sozialen Engineering“, wie dies Experten nennen, also eine „detaillierte Analyse der Bevorzugungen und Interessen“ des Opfers. Zu diesem Zeitpunkt erhalte der Täter letztlich Materialien, die zur weiteren Erpressung mithilfe von digitalen Technologien und den sozialen Netzwerken verwendet würden.

    Dann beginne – im schlimmsten Fall – die Erpressung mit dem Vorschlag eines „persönlichen Treffens“, wodurch das Risiko von sexueller Gewalt, dem Verschwinden des Opfers bzw. dem Gelangen in den Menschenhandel rapide steige.

    Bei den Tätern gibt es laut Navarro zwei Typen: Der eine verschwinde, nachdem er das Erwünschte bekommen habe, der andere setze das Opfer weiter unter Druck, um neue Materialien zu bekommen. So sei Grooming oft mit Kinderpornografie verbunden, einer „Erscheinung, die bald den Drogenhandel nach ihrer ‚Rentabilität‘ überholen kann“, so der argentinische Anwalt. Erhaltene Materialien könnten später außerdem ins „Deep Web“ für Pädophile gelangen und dort verbreitet werden.

    Laut „Grooming Argentina“ gibt es keine magischen Wege, solche Verbrechen festzustellen und gegen sie zu kämpfen. Der beste Weg ihrer Ausrottung sei schlicht die Vorbeugung. In diesem Sinne sei die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern von grundlegender Bedeutung. Die Organisation setze dabei auf den „Dialog der Kultur“.

    „Das Kind sieht keine Gefahren. Nicht weil es das nicht will, sondern weil es das nicht kann. Auf der anderen Seite gibt es die Welt der Erwachsenen, die es nicht geschafft haben, technologische Neuheiten zu erschließen, besonders im Online-Format“, so Navarro.

    Das Nichtwissen über dieses Thema – nicht nur von Eltern, sondern auch von Erziehern und Polizisten bzw. Justizmitarbeitern – führe dazu, dass sie die Ernsthaftigkeit der Situation nicht begreifen. „Wir können nicht entlarven, was wir nicht kennen“, so der Aktivist. Deswegen sei es äußerst wichtig für Erwachsene, sich diesem Thema bewusst zu werden und mehr darüber zu erfahren.

    Falls ein Kind, besonders im Pubertätsalter, übernervös auf Text-Mitteilungen reagiert bzw. einem Gespräch zu diesem Thema aus dem Weg geht, im Netz bis spät in der Nacht surft,  launisch ist und in der Schule kaum noch Leistung bringt, dann sollten die Eltern wegen eines möglichen Groomings Alarm schlagen, so Navarro.

    „In diesem Sinne ist die Vorbereitung der Erwachsenen sehr wichtig. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Kinder uns, Erwachsenen, technologische Dinge beibringen. Leider tauschten wir die Rollen, weil die Kinder Fertigkeiten, jedoch keine Kenntnisse und Befürchtungen haben, die ihnen Erwachsene beibringen sollen“, so der Leiter der argentinischen Organisation, die als erste in der Region ein Netz aus 200 Freiwilligen sammelte, die Workshops und Kampagnen zur Unterstützung von Grooming-Opfern ins Leben rief.

    Eine totale Kontrolle des Internetzugangs würde das Problem nicht lösen, weil Minderjährige ins Netz von Geräten ihrer Freunde und Bekannten gehen könnten. Man solle deshalb auf „Beobachtung“ und „flexiblen und ständigen Dialog in der Familie“ und Beschränkungen setzen.

    Ein anderes Thema sei das Alter, in dem Minderjährige mit der Nutzung der sozialen Netzwerke beginnen. Bei Facebook würden Accounts erst mit 13 Jahren erlaubt, doch in vielen Fällen würden auch Jüngere bei Nachsicht der Eltern Accounts anlegen. Das Programm der Organisation „Familie im Kontakt“ wolle eine „verantwortungsvolle Digital-Präsenz“ auf allen Ebenen schaffen.

    Angesichts der Neuheit dieser Form der Kriminalität sei sie in vielen Ländern noch nicht festgelegt. In Argentinien wurde Grooming 2013 ins Strafgesetzbuch aufgenommen. Die Strafen variieren dort zwischen sechs Monaten und vier Jahren Haft. Allerdings gebe es viele Doppeldeutungen in der aktuellen Version des Gesetzes, die ihre effektive Anwendung erschweren würden, so die Organisation.

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    Tags:
    Grooming, Sexuelle Gewalt, Minderjährige, Hernán Navarro