12:44 21 Januar 2020
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    Wenn in Deutschland die vorhandene „Sehnsucht nach Gerechtigkeit“ unbeantwortet bleibt, kommt es nicht mehr nur zur Wahl von Protestparteien. Davor warnt der Sozialpsychologe Thomas Altgeld. Er befürchtet in Folge der Wut derjenigen, die sich ungerecht behandelt fühlen, auch eine Zunahme der Gewalt wie in den USA.

    „Wir leisten uns in Deutschland, einem relativ reichen Land, systematische Armut“, kritisierte der Sozialpsychologe Thomas Altgeld aus Hannover am 17. März in der Abschlussveranstaltung des zweitägigen 22. Kongresses „Armut und Gesundheit“ in Berlin. Er bezeichnete es als Skandal, „dass wir in so einem reichen Land Landstriche haben, wo 30 Prozent der Kinder in Armut aufwachsen“. Zu den Folgen solcher Zustände gehörten zunehmende Kriminalität, Morde, Gefängnisaufenthalte und sinkende Lebenserwartung von armen Menschen.

    Er hoffe, dass mehr soziale Gerechtigkeit in Folge der Bundestagswahl 2017 durchgesetzt werde, so der Psychologe und Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen. Im Gespräch mit Sputnik bezeichnete er es ebenfalls als Skandal, dass über die Zusammenhänge von Armut und Gesundheit genug bekannt sei, aber nichts verändert werde. „Wir diskutieren alle Jahre wieder über die gesundheitlichen Folgen von Armutslagen. Wir machen aber nichts grundsätzlich Neues!“

    „Neue Verteilungsgerechtigkeit ist notwendig“

    Der politische Wille fehle, endlich an der Armuts- und Reichtumssituation in diesem Land etwas zu verändern. „Die Entwicklung in den letzten 20 Jahren, dass die Reichen immer reicher und die Armen eher ärmer werden, das hat gesundheitliche Folgen.“ Es reiche nicht aus, nur „im Kleinen“ etwas zu tun, etwa durch Projekte für sozial benachteiligte Kinder in einer Kita.

    Für den Psychologen ist klar: „Eigentlich brauchen wir eine neue Verteilungsgerechtigkeit. Wir müssen tatsächlich über Abstufung in der Gesellschaft reden. Und wir müssen darüber reden, wie kann so ein reiches Land diesen Reichtum gerechter verteilen und dann auch einen gesundheitlichen Nutzen daraus ziehen.“

    Bildungschancen  als Einstieg zu mehr Gerechtigkeit

    Bei der Diskussion, was gegen Armut helfe, wird oft betont, dass Bildung das wichtigste Mittel sei. Altgeld meinte dazu: „Investitionen in Bildung wären ein ganz zentraler Erfolgsfaktor für mehr Gesundheit und auch für mehr Aufstiegschancen für bestimmte gesellschaftliche Gruppen.“ Es müsse mehr getan werden, auch im frühkindlichen Bereich, damit „soziale Benachteiligung sich gar nicht verfestigt“. Der Psychologe kritisierte, dass Deutschland als eines der wenigen Staaten „noch dreigliedrige Schulsysteme unterschiedlichster Art“ habe.

    Für Altgeld wären „Investitionen in Bildungsgerechtigkeit“ aber nur der Anfang im Kampf gegen Armut: „Ich glaube, es wäre eine zentrale Variable, auf die man sich vielleicht auch einigen könnte, die Chancen nachwachsender Generationen erstmal in den Blick zu nehmen.“ Sich darüber zu einigen, „dass Kinder eine zentrale Ressource für dieses Land sind und dass die gerechter aufwachsen sollen“, sieht er als „politischen Einstieg“ zu Veränderungen.


    Gefühl der Ungerechtigkeit führt zu Protestwahl

    Zum Ende des Kongresses machte Altgeld auf die „Sehnsucht nach Gerechtigkeit“ in Deutschland aufmerksam. Die zeige sich durch zwei gesellschaftliche Symptome, erklärte er im Gespräch: „Einmal in diesen Wut-Wahlen,  an den Protestparteien aller Art – und die AfD ist ja nur das neueste Phänomen. Da wird tatsächlich auch Wut kanalisiert, weil man sich in irgendeiner Weise nicht mehr gesehen und gerecht behandelt fühlt.“ Dass „viel Sehnsucht in diesem Land“ ist, sieht er zum anderen darin, dass mit Martin Schulz „ein unbekannter Europa-Politiker innerhalb von zwei Monaten die SPD-Werte nach oben treibt.“ Er glaubt, „wenn es Politiker gibt, die den Gerechtigkeitsbegriff neu definieren können, dann hat man auch wieder Chancen, in diesem Land etwas zu verändern.“ 

    Die realen Chancen für reale Veränderungen in absehbarer Zeit seien eine Frage von politischen Mehrheiten, so der Psychologe. Dem Thema soziale Gerechtigkeit könne sich derzeit niemand entziehen – „selbst die, die nicht dafür sind, werden sich positionieren müssen“. Für ihn ist es „ein vielversprechender erster Schritt, dass jetzt wieder darüber diskutiert wird und dass es nicht hingenommen wird, dass wir so eine ungerechte Gesellschaft sind.“ Er sei gespannt auf die ersten Ergebnisse.

    Die seien aber nicht ohne „mehr Mut für Wut“ zu erreichen. Für Altgeld geht es dabei nicht um Gewalt, sondern darum, präzise Forderungen zu stellen, nach dem Motto „ Steter Tropfen höhlt den Stein!“ „Also zu sagen, das kostet die sozial benachteiligten Menschen zehn Lebensjahre – das kann man gar nicht laut genug sagen!“, betonte er.  Es sei mehr notwendig als „nur so diffuse kleinteilige Interessenvertretung in sehr unterschiedlichen Bereichen, obwohl die an sich sehr berechtigt ist.“

    Was passiert, wenn nichts passiert?

    Die Warnung des Sozialpsychologen: „Wenn nichts passiert, werden sich die Lebensverhältnisse in diesem Land weiter auseinander entwickeln. Und es werden sich bestimmte Teile der Bevölkerung auch radikalisieren. Die werden nicht auf Dauer damit zufrieden sein, nur AfD zu wählen.“  Altgeld befürchtet, dass die Gewalt hierzulande zunimmt, wenn die Sehnsucht nach sozialer  Gerechtigkeit unbeantwortet bleibt. Es könne zu mehr Gewalt gegen Minderheiten als  Ausdruck der Wut kommen.

    Und: „Wenn da nichts passiert, wird es mehr Gewalt und mehr Entwicklungen wie in den USA geben. Da sehen wir, wo es hinläuft, wenn man sich die Art der Morde zum Beispiel ansieht. In den USA gibt es  400 Morde pro 100.000 Einwohner, in einer egalitären Gesellschaft wie Japan sind es 40. Und wir sind momentan etwa bei 80. Wir werden dann andere Zahlen in Kauf nehmen müssen.“


    Tilo Gräser

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    Tags:
    Armut, Deutschland