17:58 28 März 2017
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    Reiche leben in Deutschland länger als Arme die Unterschiede nehmen weiter zu

    © Flickr/ Dennis Skley
    Gesellschaft
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    Die Lebenserwartung in Deutschland hängt weiter deutlich vom sozialen Status ab. Darauf haben Sozialforscher beim Kongress „Armut und Gesundheit“ in Berlin hingewiesen. Zu den Ursachen zählen neben der Wohlstandsverteilung schlechtere Beschäftigungsverhältnisse. Es muss „mehr Wut ins System“, um etwas zu verbessern, so ein Sozialpsychologe.

    Wie sich Armut und soziale Ungleichheit auf die Gesundheit auswirken, das machte das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) auf dem zweitägigen Kongress (16. und 17. März) deutlich: „Männer und Frauen mit einem Einkommen unterhalb der Armutsrisikogrenze haben im Vergleich zu den hohen Einkommensbeziehern eine um 11 bzw. 8 Jahre geringe mittlere Lebenserwartung bei Geburt.“ Arme Menschen hätten ein zwei- bis dreifach höheres Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall und für chronische Krankheiten wie Diabetes, ebenso für psychische Erkrankungen, erklärte RKI-Mitarbeiter Dr. Thomas Lampert zu Kongressbeginn. Die Forscher verzeichneten auch, dass sozial Benachteiligte im Alter in der „Alltagsgestaltung beeinträchtigt“ seien und weniger soziale Kontakte hätten.

    Die erwähnte Armutsgrenze wird derzeit mit 942 Euro monatlich für einen Ein-Personen-Haushalt und für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern mit 1978 Euro angegeben. Lampert betonte, „dass sich keine Anhaltspunkte dafür finden, dass sich die sozialen Unterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung verringert haben könnten.“ Er fügte hinzu: „Im Gegenteil muss in einigen Bereichen von einer Ausweitung der Unterschiede ausgegangen werden.“

    Arbeitsbedingungen und unsichere Jobs verringern Lebenserwartung

    Lampert zählte zu den Ursachen dafür, dass Reiche länger leben als Arme, unter anderem die Wohlstandsverteilung und die Unterschiede im Lebensstandard sowie die soziale Absicherung und die Lebensverhältnisse. „Eine wichtige Rolle spielen daneben die schlechteren Arbeitsbedingungen und die höheren körperlichen wie psychosozialen Belastungen der niedrigen Statusgruppen, die auch im Zusammenhang mit aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, z. B. der Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse, zu sehen sind.“ Aber auch das Gesundheitsverhalten der Betroffenen gehöre dazu, ebenso die Ernährung oder ob Angebote von Prävention und Gesundheitsförderung genutzt würden.

    Die Lebensverhältnisse in Deutschland seien weiter auseinander gedriftet, erklärte Lampert gegenüber Sputnik, warum die Unterschiede zugenommen haben. Inzwischen sei ein Siebtel der Bevölkerung von Armut bedroht, „sogar jedes fünfte Kind ist von Armut bedroht.“ Diese große Ungleichheit spiegle sich in der Gesundheit und Lebenserwartung wieder. Das geschehe „trotz wachsender Wirtschaft“, stellte zu Kongressbeginn Prof. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, fest. Die Armut habe den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung erreicht. Darauf hat der Verband unlängst mit seinem aktuellen Armutsbericht aufmerksam gemacht.

    Für den Rosenbrock, Experte für Gesundheitspolitik, ist klar, dass die soziale Lage darüber entscheide, ob zum Beispiel das deutsche Präventionsgesetz helfen könne, die gesundheitliche Situation sozial Benachteiligter zu verbessern. „Wie der international renommierte Sozialepidemiologe Richard Wilkinson auch auf diesem Kongress betont, ist nicht nur die individuelle Position auf der sozialen Stufenleiter für die Gesundheitschancen entscheidend, sondern auch die Länge dieser Leiter, also die Einkommensspreizung.“ Um die bestehende Ungleichheit zu vermindern seien „vor allem Konzepte der relativen (und nicht nur der absoluten) Armut zielführend und erforderlich“.

    Veränderungen brauchen andere politische Machtverhältnisse

    „Es gibt eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit“, stellte der Sozialpsychologe Thomas Altgeld in der Abschlussveranstaltung des Kongresses fest. Gerechtigkeitsfragen seien in Deutschland lange nicht diskutiert worden. Es müssten endlich Grundsatzfragen gestellt werden, wenn es um die gesundheitlichen Folgen von Armut geht, forderte der Psychologe: „Wie viel muss wann umverteilt werden? Welche Leistungen müssen anders organisiert werden? Was in diesem Land muss anders werden?“

    Die Antworten könnten schnell gegeben werden, aber sie umzusetzen dürfte nicht so einfach werden. Darauf machte unter anderem Almuth Hartwig-Tiedt, Staatssekretärin im Arbeits- und Sozialministerium des Landes Brandenburg, in der Veranstaltung aufmerksam. Lösungen zu finden habe „auch immer was mit Interessen und Machtverhältnissen zu tun“, sagte die Politikerin nicht ganz überraschend, kommt sie doch aus der Partei Die Linke. Es sei auch eine Frage von Umverteilung: So müsse das öffentliche Gesundheitssystem durch mehr Geld gestärkt werden, „denn das ist die Basis, um tatsächlich Chancengleichheit an vielen Stellen hinzubekommen“. Für Veränderungen „brauche ich natürlich ein anderes Machtverhältnis im Bundestag und eine andere Steuerpolitik und eine andere Finanzpolitik“, so die Politikerin. Sie kritisierte die Prioritäten in der politischen Debatte: „Wir reden über Polizisten, wir reden über Sicherheit. … Wer redet denn über das Thema Gesundheit? Wer redet denn über das Thema Armut?“

    „Es fehlen Wut und Energie, um etwas zu verändern“

    Zum Kongress „Armut und Gesundheit“ am 16. und 17. März in Berlin war bereits zum 22. Mal eingeladen worden. Rund 2.500 Fachleute, Interessierte und Vertreter von Sozialorganisationen beteiligten sich in diesem Jahr an den 121 Workshops zu den verschiedenen Aspekten des Kongressthemas. Doch nicht nur der Psychologe Altgeld zeigte sich bei der Abschlussveranstaltung unzufrieden, dass immer noch viel diskutiert wird, aber sich nichts verändert, wie er gegenüber Sputnik betonte.

    Das war auch spürbar an den Reaktionen aus dem Publikum, wenn zum Beispiel Altgeld oder die Staatssekretärin Hartwig-Tiedt politische Veränderungen anmahnten. Da wurden nicht nur ein Ende des Zwei-Klassen-Gesundheitssystems und „eine Krankenkasse für alle“ gefordert. Immer wieder wurde der Umgang mit Bedürftigen beklagt und auch die gesetzlichen Krankenkassen kritisiert, dass sie sich nur um die Gesunden bemühten. Als Altgeld feststellte, „es fehlt so ein bisschen die Wut und es fehlt die Energie“, sich für Veränderungen einzusetzen, erhielt er deutlichen Beifall. Er warnte die Teilnehmenden davor, immer nur „in der eignen Soße“ zu schwimmen, und forderte sie auf, „nach außen zu gehen“. „Es liegt ein Skandal vor, was wir hier diskutieren – aber das kommt in der Öffentlichkeit gar nicht mehr an.“ Der Psychologe forderte, „mehr Wut ins System zu bringen“, um der Politik klarzumachen, dass sich etwas ändern muss – und erhielt auch dafür deutlichen Beifall.

    Tilo Gräser

     

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    Tags:
    Lebenserwartung, Reiche, Arme, Thomas Altgeld, Thomas Lampert, Deutschland
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    Alle Kommentare

    • irrenhaus _
      Leider wählt das Protestpotenzial dennoch wider ihre eigenen Interessen rechts denn links.
      Obwohl dort die Verelendungsprozesse weiter vorangetrieben werden, das soziale Netz noch mehr beschliffen wird.
    • Germane
      Dann sollten die Reichen abgeschafft werden !
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      palmakunkel
      Nichts Neues! Verhallt wieder ungehört. Alles den Parteien überlassen, ist wohl nicht der Weisheit letzter Schluss.
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      billyvor
      "Wenn Du arm bist, musst Du früher sterben".
      Das ist absolut keine neue Erkenntnis; zutreffend ist sie ohnehin.
      Und das nicht lediglich, wenn man ohnehin schon durch die sozialen Lebensumstände benachteiligt ist.

      Einer der bekanntesten Fälle ist wohl, wie vor rd. 15 Jahren ein "exzentrischer deutscher Fürst" innerhalb kürzester Zeit gleich zwei Herztransplantationen erhielt. Otto Normalverbraucher hätte nicht nur Schwierigkeiten gehabt, bei Alkoholproblemen, wie sie der "Fürst" hatte, auch nur ein Herz zu bekommen.
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      HubertusAntwort anbillyvor(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      billyvor, na nimm doch das Beispiel von Rockefeller, X Herztransplantationen 101 Jahr alt. Es ist auch schön anzusehen, wie sie als wandelnde Leichen herumflanieren, jede Menge Angst vorm Sterben, weil ja der Zaster noch da ist und ihn überlebt !
    • Reichsbürger
      ja mehr Wut und ein Ende des Sklavensystems, und auch mit dem Blut der Elite anders wird es niemals gehen.
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      pazi
      das ist überall auf der Welt so.
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      rikasulke
      Sie leben nicht nur länger, aber so viel länger nun auch nicht!
      Undemokratisch und gefährlich ist die "Parallel-Gesellschaft" in der BRD,
      wo die Wohlhabenden sich gesellschaftlich gegenüber der Masse des Volkes
      abschirmen und ihre eigenen Gesetze in Kraft setzen, um sich damit Vorteile
      jeglicher Art zu verschaffen und zu sichern. Dies beginnt mit der Schulbildung
      und endet mit der lebenslänglichen Sicherstellung eines hochbezahlten Arbeits-
      platzes und die Weiterführung in die Politik! Womit der Kreis geschlossen ist!
      Derweil wächst die Kinderarmut und die Altesarmut weiter, bis es kracht!
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      Claus
      Warum werden denn die Schmarotzer in Brüssel/Straßburg, aber auch in Berlin so fürstlich bezahlt?

      Warum werden Beamte bei den Altersbezügen so viel besser gestellt, als der normale Arbeitnehmer?
      Und warum erhält man als Beamter über die Beihilfe überhaupt den Status eines Privatpatienten?

      Das sind in meinen Augen, für diese Kreise Anreize eben keine Veränderung anzustreben (mir/uns geht es ja gut).

      "Mehr Wut im System" ist längst vorhanden.
      Nur spielt sich das überwiegend anonym und im Verborgenen (so z. B. hier und anderswo in der Kommentarfunktion) ab.

      Widerstand wird auch ganz geschickt dadurch vermieden, dass man die Bevölkerungsgruppen ständig gegeneinander aufhetzt und ausspielt.

      Wie alt ist das Zitat von Theodor Körner (23.09.1791 - 26.08.1813)?

      "Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten. Vom Feinde bezahlt, dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk."

      Zwischenzeitlich hatte/sollte sich mal etwas ändern sollen.
      Was dabei rausgekommen ist, wissen wir ja alle.
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