01:47 14 Dezember 2017
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    Die originale Bildunterschrift lautet „Mit Gewalt aus Bunkern hervorgeholt“.  Aufstand im Warschauer Ghetto – Fotografie von Jürgen Stroop. Aus dem Stroop-Bericht von 1943 an Heinrich Himmler von Mai 1943.

    Zehntausende Gerettete: Die wahre Geschichte des bolivischen "Oskar Schindler"

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    Ein Bergbau-Magnat aus Bolivien hat im Zweiten Weltkrieg zehntausenden Juden das Leben gerettet. Jahrzehnte lang wusste niemand davon. Doch Mitarbeiter seines Konzerns haben die Geschichte nun in mühevoller Kleinarbeit rekonstruiert. Darüber spricht der Leiter des Firmenarchivs in einem Sputnik-Interview.

    15 Jahre haben die Konzernmitarbeiter gebraucht, um die Geschichte von Mauricio Hochschild aus vielen kleinen Fragmenten zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen. Das Ergebnis dieser akribischen Ermittlungen: Der Chef des bolivianischen Bergbau-Konzerns Comibol war so etwas wie ein zweiter Schindler.

    Steven Spielberg hat mit seinem Epos „Schindlers Liste“ die Geschichte des deutschen Fabrikanten Oskar Schindler weltberühmt gemacht. Der deutsche Unternehmer hatte in den Jahren des Zweiten Weltkriegs tausenden Juden in Polen das Leben gerettet. Dass ein anderer Unternehmer zur gleichen Zeit jenseits des Atlantiks seinen Konzern dazu nutzte, abertausende Juden vor dem Holocaust zu bewahren, ist erst vor kurzem bekannt geworden.

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    Zuvor war die Geschichte mehrere Jahrzehnte lang im Unternehmensarchiv von Comibol versteckt gewesen. Die Akten hätten sich meterhoch im Hinterhof eines Lagers gestapelt: „Wir haben alle offiziellen Vorkehrungen getroffen, um die Dokumente zu erhalten, ohne von deren Inhalt auch nur etwas geahnt zu haben“, sagt der Leiter des Comibol-Archivs, Edgar Ramírez. Würde man die untersuchten Akten aneinanderreihen, würde sich eine Papierschlange von 40 Kilometern Länge ergeben. Die Geschichte von Mauricio Hochschild sei ein Teil davon. „Das sind Aktenfetzen, die nicht nur vom Unternehmenserfolg, sondern auch von der Einwanderung europäischer Juden in die Länder Südamerikas berichten“, sagt Ramírez.

    40 Mitarbeiter haben die Akten 15 Jahre lang erforscht. Im April sollen die Unterlagen zum UNESCO-Weltdokumentenerbe erklärt werden. Dafür arbeite das Team derzeit daran, die Akten zu rekonstruieren, zu ordnen und zu digitalisieren.

    „Einige dieser Unterlagen sind für die ganze Welt von großem Interesse. Sie zeigen, dass Hochschild aus ganz Europa Einwanderer nach Südamerika brachte: aus Deutschland, Frankreich und Italien. Er brachte ganze Familien hin, Männer, Frauen, Kinder“, so Ramírez. Das Engagement des Unternehmers habe offensichtlich mit einem antifaschistischen Netzwerk im Zusammenhang gestanden. Wie der „bolivianische Schindler“ – so werde Hochschild inzwischen genannt – vernetzt gewesen sei, müsse man noch herausfinden.

    Ein Brief der jüdischen Kinder, in dem sie nach der Hilfe von Hochschild - den bolivianischen Schindler - suchen
    © Foto: Archivo Corporación Minera de Bolivia
    Ein Brief der jüdischen Kinder, in dem sie nach der Hilfe von Hochschild - "den bolivianischen Schindler" - suchen

    Inzwischen stehe aber fest, dass der Konzerninhaber einige Hektar Land in der bolivianischen Yungas gekauft und dort zwei Vereine gegründet habe: Die bolivianische Kolonisatoren-Gesellschaft und die Gesellschaft zum Schutz israelischer Migranten. Dort hätten die Einwanderer „Starthilfe“ bekommen: Erst seien sie beim Bergbau-Konzern in Lohn und Brot gekommen, dann hätten sie sich in die örtliche Gesellschaft integriert, erklärt der Archivchef.

    „Wir haben sie alle gefunden, die Ingenieure, die Buchhalter, die einfachen Arbeiter, die Schneider und Schuhmacher, die Fotografen, einfach alle. Herr Hochschild ist von allen drei Bergbau-Tycoons Boliviens als der grausamste in die Geschichte eingegangen. Doch ich glaube, das war nur ein Bluff, eine Deckung sozusagen, damit er seine Arbeit fortsetzen und Menschen in Europa vor dem Faschismus retten konnte“, so Ramírez.

    Zwischen zehn und 15 Tausend Menschen konnten nach Einschätzung des Archivleiters und seines Teams dank Hochschilds Bemühungen nach Lateinamerika fliehen. Das sei ein weiterer Hinweis darauf, dass der „bolivianische Schindler“ mit einem weltweit agierenden antifaschistischen Netzwerk verbunden gewesen sei: „Das ist die einzige Erklärung, die wir momentan dafür haben, dass er so viele Menschen aus Europa hinüberbringen konnte. Das waren ja keine zehn, keine hundert Menschen. Außerdem herrschte Krieg, die Menschen wurden verfolgt und hatten teils gar keine Papiere“, sagt Ramírez. Dabei müsse man berücksichtigen, dass ein Teil des Archivs möglicherweise zerstört worden sei. Die Zahl der Geretteten könne also weitaus höher sein.

    Mauricio Hochschild, der „bolivianische Schindler“
    © Foto: Archivo Corporación Minera de Bolivia
    Mauricio Hochschild, der „bolivianische Schindler“

    Ob Hochschild deshalb eine größere Rolle in der Weltgeschichte zukommt als Oskar Schindler, wollte Ramírez nicht beurteilen: „Es ist besser, solche Vergleiche nicht anzustellen. Schindler hatte tausend Juden direkt aus dem Höllenschlund gerettet. Mitten in den damaligen Ereignissen war das sicherlich schwerer. Ich glaube, beide haben heldenhaft gehandelt, beide verdienen Bewunderung“, so der Archivchef.

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    Tags:
    Juden, Holocaust, Edgar Ramírez, Oskar Schindler, Mauricio Hochschild, Bolivien
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