21:26 21 September 2017
SNA Radio
    Ein Schild in einer Straße des Brüsseler Stadtteils Molenbeek

    Seit Brüsseler Terror: Was Belgien unternahm, und was nicht – Bericht aus Molenbeek

    © AP Photo/ Geoffroy Van der Hasselt
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    5644021

    Belgien im Kleinen hat Probleme wie Europa im Großen. Das zeigt auch die Sicherheitslage nach den Terroranschlägen von Brüssel. Der sozial engagierte Professor und Pastor Johan Leman aus dem Stadtteil Molenbeek, der damals wegen seines hohen Migrationsanteils in den Fokus von Medien und Ermittlern geriet, sprach mit Sputnik über die Entwicklungen.

    "Ich denke, es hat sich was verändert in dem letzten Jahr.“ So schätzte Professor Dr. Johan Leman, Pater und Präsident der belgischen Non-Profit Organisation „Foyer“, gegenüber Sputnik die aktuelle Situation im Brüsseler Vorort Molenbeek ein, wo er sich aktiv engangiert. Von dort sollen einige der Attentäter der Anschläge von Brüssel am 22. März 2016 gekommen sein.

    Jetzt gebe es „zum Beispiel ein wenig mehr Polizei, mehr Kontrolle über die Vereinigungen und so“. „Die ergriffenen Maßnahmen waren aber top down, also von oben nach unten verordnet. Die Maßnahmen, die die Autoritäten gewählt haben, waren eher repressiv.“ Die Menschen in Molenbeek hätten nicht erst auf die Behörden gewartet und selbst Initiative gezeigt, so Leman im Gespräch mit Sputnik-Korrespondent Bolle Selke. „Es hat sich also etwas verändert, ja."

    Die Polizisten, die neu nach Molenbeek gekommen seien, kämen aber von außerhalb, „für bestimmte Aktionen oder Interventionen“. „Sie sind aber nicht wirklich komplett in die Gemeinschaft hier integriert“, beschrieb der engagierte Pater ein Problem. „Das hilft ein bisschen, aber es ist nicht genug. Wir brauchen in Molenbeek Polizei, die wirklich integriert ist und die die Einwohner kennt und umgekehrt. Das ist aber nicht die Wirklichkeit hier."

    Molenbeek: No-Go-Area für Journalisten? Reporterin in Live-Sendung angegriffen

    Molenbeek sei immer noch die Gemeinde, die proportional die wenigsten Polizisten in Brüssel habe, stellte Leman fest. Zugleich sei der Vorort der belgischen Hauptstadt eine "Gate-City", eine Gemeinde, wo die neuen Migranten ankommen würden. „Die Erfolgreichen verlassen Molenbeek aber dann wieder. Das ist das Problem.“ Zurück bleibe eine „soziale Monokultur“, „eine Monokultur der Erfolglosen, nicht in dem Sinne, dass es zum Beispiel nur Marokkaner gibt."

    Er schätzte das Potenzial von radikalen Muslimen in dem Ort auf etwa 150 Personen und fügte hinzu: „Diese werden nicht alle gut genug kontrolliert.“ Eine Rolle spiele dabei „der geschwächte belgische Staat“. „Es gibt zu viele Institutionen hier in Belgien. Wenn es keine Probleme gibt, dann ist das interessant, dann ist das sehr demokratisch. Wenn es aber ein Problem gibt, dann macht das die Lösungen sehr schwierig, weil alle Institutionen sich dann verstehen müssen. Sie sind aber politisch nicht immer auf derselben Linie und das macht das Ganze kompliziert. Ja, Belgien ist ein wenig ein kompliziertes Land, wie Europa im Kleinen. All die Probleme von Europa findet man auch in Brüssel und das macht es sehr kompliziert."

    Zum Thema:

    Frankreich hat über 100 Terror-Brutstätten wie Brüssels Molenbeek - Stadt-Minister
    Molenbeek feuert Bruder des Hauptverdächtigen der Pariser Anschläge
    Belgien: Messerangriff in Molenbeek ist kein Terroranschlag
    Arm und ohne Aussichten: Migrantenbezirk Molenbeek „ideal für Radikale“ - Experten
    Tags:
    Johan Leman, Molenbeek, Belgien
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren