13:12 07 Dezember 2019
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    Japanische Schüler

    Vom Fukushima- zum Mobbing-Opfer: Das Schicksal der „verstrahlten“ Kinder

    © AP Photo / Eugene Hoshiko
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    Mobbing und Diskriminierung statt Mitgefühl und Solidarität – damit sind viele japanische Schüler konfrontiert, die nach der Fukushima-Katastrophe in andere Landesteile evakuiert wurden. Das japanische Bildungsministerium hat die Vorfälle nun zum ersten Mal untersucht. Sputnik geht den Fällen auf den Grund.

    „Radioaktiv“ und „ansteckend“ – mit diesen Worten beschimpfen japanische Kinder ihre Mitschüler, die nach der verheerenden Reaktor-Katastrophe aus der Region Fukushima evakuiert wurden. Das hat das japanische Bildungsministerium jüngst in einer Untersuchung festgestellt. Bildungsminister Mazuno Hirokazu bezeichnete die Situation als inakzeptabel und rief alle Lehrer, Eltern und die Gesellschaft dazu auf, sich nicht damit abzufinden, sondern dem aktiv entgegenzuwirken. Sein Ministerium habe über 200 Fälle von Mobbing aufgedeckt, aber dies sei möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs, sagte der Minister. Denn viele Kinder verheimlichten ihre Probleme. 

    Einige Kinder in der ehemaligen Sowjetunion haben ähnliche Erfahrungen machen müssen – nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986. Kinder, die damals aus den verseuchten Regionen evakuiert worden waren, wurden von ihren Altersgenossen häufig stigmatisiert und gemieden. Sie wurden als „Tschernobyl-Igel“ beschimpft, erinnert sich der weißrussische Journalist Ales Dostanko: „Ich war zwölf, als Umsiedler-Kinder ‚von dort‘, aus den verstrahlten Gebieten, zu uns ins Ferienlager kamen. Wir waren noch zu klein, um zu verstehen, was dieses ‚von dort‘ eigentlich bedeutet. Eines aber haben wir damals verinnerlicht: Radioaktive Strahlung ist etwas Schreckliches“, so Dostanko. 

    „Anfangs haben wir sie gemieden. Wie es zu dem Spitznamen ‚Tschernobyl-Igel‘ kam, weiß ich nicht mehr. Vielleicht steckte dahinter gleichermaßen Mitgefühl und die Angst davor, sich mit Radioaktivität wie mit einem Virus anzustecken. Aber ich weiß noch sehr gut, dass sie überhaupt nicht sauer auf uns waren und sich auch nicht wehrten. Sie waren eher zurückhaltend und verschlossen. Erst mit der Zeit habe ich begriffen, dass sie etwas erlebt und gesehen hatten, wovon wir nicht die leiseste Ahnung hatten.“

    Das japanische Schulwesen ist geradezu getrimmt darauf, was man in Deutschland als bürgerliche Tugenden bezeichnen würde: Ordnung, Fleiß, Sauberkeit, respektvoller Umgang mit der Natur und vor allem Anpassungsvermögen. Doch die Vorstellung, einheitlichen Standards entsprechen zu müssen, setzt sich im Bewusstsein derart fest, dass jede noch so kleine Abweichung von der Norm ein Kind zum Objekt von Hohn und Gespött machen kann.

    „Das betrifft nicht nur Japan“, sagt die Moskauer Schulpsychologin Alla Prokofjewa. „Kindliche Aggression ist ein weitverbreitetes Phänomen. Die richtet sich meistens gegen jene, die nicht so aussehen und sich nicht so verhalten, wie die Mehrheit. Also vor allem Kinder mit auffälliger Entwicklung, Waisen- oder Migrantenkinder. Im besten Fall haben sie einfach keine Freunde, im schlimmsten Fall werden sie gemobbt“, erklärt die Expertin.

    Ein Patentrezept dagegen gebe es nicht, sagt die Psychologin. „Alles hängt vom Charakter des Kindes und der konkreten Situation ab. Aber damit ein Schüler zu einer Klasse dazugehört, muss der Lehrer versuchen zu zeigen, dass es genauso ist wie alle anderen. Mitleid wie zu einem Benachteiligten ist da absolut fehl am Platz. Der Lehrer darf das Kind nicht bemitleiden und auch nicht von anderen Schülern Mitleid verlangen. So ein Kind darf ja nicht heraus-, sondern muss nach Möglichkeit gleichgestellt werden“, rät die Psychologin.

    verlassene Stadt Fukushima heute
    © AP Photo / Hiro Komae
    verlassene Stadt Fukushima heute

    Und der Psychologe Nikolai Rytschkow sieht in so einer Situation vor allem die Eltern in der Pflicht: „Natürlich müssen auch die Schule und die Gesellschaft solchem Verhalten entgegensteuern. Doch die zentrale Aufgabe der Schule ist ja immer noch die Wissensvermittlung, nicht die Erziehung. Die Grundwerte des Kindes legt ja nicht die Schule fest. Hier muss das Verhältnis der Eltern zu ihrem Kind maßgeblich sein. Sie müssen mit dem Kind klar und verständlich reden und ihm deutlich machen, was gut ist und was schlecht, auch im Umgang mit Gleichaltrigen“, so der Psychologe.

    Kindliche Aggression sei der Versuch, Grenzen auszuloten. Solchen Versuchen keine Beachtung zu schenken, könne fatale Folgen haben, warnen die Experten einstimmig.

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    Tags:
    Mobbing, Kinder, Fukushima, Japan