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18:41 19 August 2019
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    Salaspils-Memorial

    Wohnhäuser an Stelle eines Nazi-Lagers: Streit um Baupläne in Lettland

    © Sputnik / Sergej Melkonow
    Gesellschaft
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    Auf dem Gelände des einstigen deutschen Lagers für sowjetische Kriegsgegangene im lettischen Salaspils wollen die dortigen Behörden eine Straße bauen lassen, wie Sputnik-Reporter Jewgeni Leschkowski vor Ort berichtet.

    Dem Bericht zufolge hat der Leiter der historischen Gesellschaft Ruthenia, Alexander Rzhavin, in offiziellen Unterlagen der Stadtverwaltung von Salaspils eine interaktive Karte entdeckt, die die Pläne bestätigt, eine Straße durch das Gehölz zu verlegen, wo sich während des Zweiten Weltkriegs eine Abteilung des Kriegsgefangenenlagers Stalag-350 befunden hatte. Nun sollen dort Häuser gebaut werden. 

    Die Verhältnisse im Lager für kriegsgefangene sowjetische Soldaten waren unmenschlich: Die Gefangenen wohnten in Gruben, die sie für sich selbst graben mussten. Am Ort des einstigen Stalag-350 in Salaspils gibt es derzeit ein Denkmal. Das Gehölz mit Gefangenen-Gräbern liegt südwestlich, doch diese wurden, wie der Reporter erläutert, während der Sowjetzeit nicht genau markiert.

    Ludmila Jentkiene, Aktivistin aus Salaspils, kommentierte für Sputnik: „In unserer Stadt wissen viele von den Plänen der Stadtverwaltung. Soviel ich weiß, befindet sich ein großes Stück des einstigen Lagergeländes in Privatbesitz. Wann dieser Status besiegelt wurde, ist nicht mehr zu klären – offenbar in den 1990er Jahren. Auf einem Teil des Geländes laufen inzwischen Vorbereitungsarbeiten, um Häuser zu bauen. Deren Nummern sind auf den Karten verzeichnet.“

    „Ehrlich gesagt, kann ich mir kaum vorstellen, wie die Menschen dann in diesen Häusern leben können. Werden sie nachts ruhig schlafen? Dort, auf den Gebeinen?“, so die Aktivistin.

    Wie der Reporter berichtet, hatte er die Stadtverwaltung um einen Kommentar gebeten, doch sie bestätigte ihm lediglich, dass die Baupläne für das einstige Lagergelände wirklich existieren würden und ihre Umsetzung zum Teil begonnen habe.

    Heimatforscher Vlad Bogov sagte gegenüber Sputnik vor Ort, die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen seien im Sommer 1941 dorthin gebracht worden. Ihre Zahl habe danach stets zugenommen, aber trotzdem seien keine Baracken gebaut worden: Tausende Menschen seien halt einfach hinter Stacheldraht festgehalten worden. 

    Ein Teil der Kriegsgefangenen habe an der Errichtung eines Lagers für Zivilisten teilnehmen müssen. Ein anderer Teil habe Gruben in Rumbula graben müssen, wo die Nazis später 26.000 Juden erschossen. Auch diese Gefangenen selbst seien dann dort erschossen worden, so Bogov.

    Den Bauplan in der Hand, sagte Rzhavin: „Hier soll beispielsweise die Birzes-Straße verlaufen, sie ist mit einer punktierten Linie markiert. Ob sie über die Gräber verläuft oder nicht, ist unklar. Auf dem Lagergelände gibt es viele Einzelgräber. Es ist ungewiss, wie sich die Bauarbeiter verhalten werden, falls sie auf menschliche Gebeine stoßen. Wird man die Arbeiten stoppen, um alles zu exhumieren? Das glaube ich kaum.“

    Wie der Reporter ferner berichtet, sei ein Teil des einstigen Lagergeländes bereits im Jahr 2007 bebaut worden: „Vier Häuser wurden hier sogar direkt auf einem 50 Quadratmeter großen Massengrab errichtet. Beim Ausheben der Baugrube wurden laut den Arbeitern Gebeine entdeckt, die man dann im Stillen in der Nähe wieder vergraben hatte. Die Siedlung ist längst gebaut, dort leben Menschen. Und nun zehn Jahre später, ist beschlossen worden, ein weiteres Stück vom einstigen Lagergelände abzuschneiden.“

    Bogov kommentierte: „Laut Archivangaben gab es in Riga und Salaspils insgesamt rund 15 Stalag-350-Abteilungen. Deshalb ist es äußerst schwierig, die konkrete Zahl der Gefangenen direkt in Salaspils anzugeben. Dies wird nun von der derzeitigen Stadtverwaltung ausgenutzt.“

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    Tags:
    Gebeine, Massengrab, Juden, Nazis, Kriegsgefangene, Lager, Armee, Stalag-350, Ruthenia, Rote Armee, Riga, Salaspils, Lettland, Russland