20:53 17 Oktober 2017
SNA Radio
    moderner Newsroom (Symbolbild)

    Fake- und Fallschirm-Journalismus: Wie Internet den klassischen Journalismus tötet

    © AP Photo/ Bebeto Matthews
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    2633303

    Ist der Journalismus, wie wir ihn kannten, vom Aussterben bedroht? Lassen die modernen Arbeitsbedingungen der schnelllebigen digitalen Welt keinen Raum mehr für echte Recherche? Der Schweizer Journalist Roman Berger sieht die faktenbasierte, ausgewogene Berichterstattung in Gefahr.

    Als ehemaligem Korrespondenten des Tages-Anzeigers in Moskau und Washington sind Roman Berger die Herausforderungen bestens bekannt, die die Arbeit im Ausland mit sich bringt. Für eine hochwertige Berichterstattung müssen zum Einen genügend Korrespondenten vor Ort sein, zum Anderen sollten sie möglichst dauerhaft am Einsatzort bleiben und nicht extra eingeflogen werden, wenn in der betreffenden Region etwas passiert, sagt der gebürtige Schweizer. Diese Vorgehensweise werde heutzutage aber kaum noch gewählt.

    „Eine Möglichkeit ist, dass man Korrespondenten einfliegt und wie Fallschirmspringer über dem Konfliktgebiet abwirft. Doch diese Fallschirmspringer-Journalisten kennen weder Sprache noch Region. Das Resultat ist dann eine schlechte Berichterstattung.“

    Kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion habe er damals, im November 1991, seine Stelle als Moskau-Korrespondent angetreten. Was gerade noch ein Land war, wurde dann innerhalb kürzester Zeit zu 15 Ländern und jede Region, vom Baltikum über den Kaukasus bis Zentralasien, hatte ihre eigenen spezifischen Eigenschaften. Aus Bergers Sicht hätten die westlichen Medien, die aus diesem Raum berichteten, die Anzahl ihrer Korrespondenten aufstocken sollen, doch das Gegenteil war der Fall.

    „Mit jedem Jahr wurden es weniger westliche Korrespondenten in Moskau. Der Westen glaubte, der Kalte Krieg sei gewonnen. Zugleich waren Auslandskorrespondenten sehr teuer und die westlichen Medien haben beschlossen, dass man auch ohne Auslandskorrespondenten auskommen kann.“

    Auch bei den Konflikten der jüngeren Zeit, wie dem zwischen Georgien und Russland oder dem aktuellen Konflikt in der Ukraine, habe die Berichterstattung darunter gelitten, dass man keine Korrespondenten vor Ort hatte, die sich mit den Besonderheiten des jeweiligen Landes auskannten.

    „Ich war oft in der Ukraine, und habe die Berichterstattung genau beobachtet. Nach Ausbruch des Konfliktes wurden Journalisten eingeflogen, die keine Ahnung von dem Land hatten. Die Korrespondenten haben das Land nicht verstanden und darum gab es viele Falschmeldungen.“

    Die westliche Presse hätte Moskaus Sicht miteinbeziehen müssen, so Berger. Dass dies nicht geschehen sei, sei für ihn der größte Fehler gewesen. Ähnlich wie der SPIEGEL haben auch andere westliche Medien stattdessen Wladimir Putin für alles verantwortlich gemacht.

    „Ich erinnere mich an einen Titel: ‚Wir müssen Putin stoppen‘. Diese personalisierte, auf Putin bezogene Berichterstattung war ein großer Fehler. Hinzu kommt, dass man ganz selten andere Positionen einbringt, z.B. russische Experten zu Wort kommen lässt, um dem Leser zu verstehen zu geben, dass die Welt aus der Sicht Moskaus anders aussieht.“

    Auch auf der anderen Seite des Atlantiks gebe es Probleme bei den Medien, die Tendenzen im Land rechtzeitig zu erkennen und richtig zu deuten. So hätten führende Zeitungen, wie New York Times, Washington Post und Los Angeles Times, bis zuletzt nicht an den Wahlsieg von Donald Trump geglaubt und seien davon regelrecht überrumpelt worden.

    „Hinterher haben sie selbstkritisch eingeräumt: Wir kennen das Land zwischen den Küsten offenbar nicht. Diese Zeitungen sind an den Küsten situiert, das Land, was gemeint ist, nennt man das sogenannte Fly Over Country. Und genau in diesen Staaten, die man nur überfliegt und nicht richtig kennt, hat Trump Mehrheiten bekommen.“

    Dass es zu dieser Fehleinschätzung gekommen sei, liegt nach Einschätzung von Roman Berger auch daran, dass hunderte von lokalen und regionalen Zeitungen in den sogenannten Fly Over States haben schließen müssen und es zu einem Informationsvakuum gekommen ist.

    Ein objektiver Journalismus, der unterschiedliche Standpunkte zu einem Problem vorsieht, existiere in den USA mittlerweile kaum noch, so Berger:

    „Es gab einmal die Regulierung, dass die Medien beide Seiten zu Wort kommen lassen müssen. Das hat Ronald Reagan aufgehoben und jetzt kann z.B. Fox News Meinungen in die Welt setzen, die nicht mehr auf Fakten beruhen.“

    Auch die Arbeitsbedingungen in den modernen News Rooms hätten sich verändert.  Während die Zeitungsjournalisten früher eine Ausgabe in 24 Stunden produziert haben, sei seit der Zusammenlegung von Print und Online der Druck auf die Journalisten erheblich gestiegen.

    „Ich sehe, wie sehr die Journalisten unter Druck sind, dass sie 3, 4, 5 Storys am Tag raushauen müssen, um ihr Pensum zu erfüllen. Meine ehemalige Zeitung lockt jetzt sogar mit Boni für Storys, die viele Klicks haben. Das ist natürlich eine verhängnisvolle Tendenz. Der Journalist fühlt sich unter Druck, möglichst rasch möglichst sexy Storys zu produzieren, die viel Aufsehen erregen.“

    Hinzu komme, dass aufgrund von Monopolisten, wie Microsoft, Amazon, Facebook und Google, der Wettbewerb im Internet nicht mehr richtig stattfinde und die Entwicklung immer weiter in Richtung eines feudalen Systems gehe.

    „Ich möchte kein Kulturpessimist sein. Ich betrachte das Internet als eine tolle Technologie, die den Journalismus stärken kann.  Jeder Journalist kann heute quasi sein eigener Verleger werden – er kann eine Internetseite eröffnen und es braucht auch nicht viel Geld. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Technologie wichtiger wird als der Journalismus.“

    Der Journalismus werde wohl trotzdem überleben, so Roman Berger. Jedoch bestehe die Gefahr, dass nur noch eine Minderheit, die bewusst Zeit und Geld investiert, um sich zu informieren, davon wird profitieren können.

    Bericht: Ilona Pfeffer

    Zum Thema:

    Startschuss für USA: Facebook kämpft jetzt offiziell gegen Fake-News
    Fake-News-Prozess - Flüchtling verliert vor Gericht gegen Facebook
    Russische Spezialeinheiten in Nordafrika? – Moskau spricht von Fake-News
    Härter gegen Sünder: RT formiert seinen Kampf gegen Fake-News
    Tags:
    Fake-News, Pressefreiheit, Prognose, Kommentar, Journalist, Google, Amazon, Deutschland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren