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20:52 18 Oktober 2019
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    Roboter und Algorithmen auf dem Vormarsch – Revolution im Arbeitsrecht notwendig?

    © REUTERS / Fabian Bimmer
    Gesellschaft
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    In Hannover dreht sich die aktuelle Messe vor allem um Robotik. Diese verändert gegenwärtig die Arbeitswelt dramatisch. Darauf macht unter anderem die Arbeitsrechtlerin Gerlind Wisskirchen aufmerksam. Das Arbeitsrecht ist nach ihren Worten immer noch eher ein „Vehikel des 19. Jahrhunderts“, das an die Gegenwart angepasst werden muss.

    Die derzeitige „Hannover Messe“, die als die weltweit wichtigste Industriemesse gilt, steht vom 24. bis 28. April ganz im Zeichen neuer Technologien. Roboter und künstliche Intelligenz könnten eine Menge Jobs in der Zukunft ersetzen – mehr noch als bisher. „Man wird in Zukunft verschiedene Trends sehen, die die Arbeitswelt extrem verändern werden“, sagte dazu die Arbeitsrechtlerin Gerlind Wisskirchen im Gespräch mit Sputnik-Korrespondent Bolle Selke. Sie ist Autorin eines Berichts der Anwaltsvereinigung  International Bar Association (IBA) über Roboter und künstliche Intelligenz.

    „Die Einführung von Robotern ist ja im Industriebereich nichts Neues, das gibt es seit bestimmt 30 Jahren. Aber wir erleben eine neue Generation von Robotern, die künstliche Intelligenz in sich tragen und damit die Möglichkeiten haben, selbst zu lernen. Das wird sich sowohl im Industriebereich, als auch im Dienstleistungsbereich auswirken. Im Industriebereich werden wir in Zukunft Roboter haben, die mit dem Menschen zusammen arbeiten. Das kennt man bisher nicht. Bisher sind Roboter immer nur in getrennten Bereichen tätig und haben bisher einfach nur manuelle Tätigkeit des Menschen ersetzt.“

    Fachkräfte werden von Software ersetzt

    Die Juristin erwartet, dass vor allem in den Dienstleistungsbereichen zunehmend Softwareprogramme und Algorithmen menschliche Tätigkeiten ersetzen können. „Das wird wahrscheinlich auch der größte Umbruch werden.“ Das betreffe nicht nur einfachere Tätigkeiten von ungelernten Arbeitskräften, sondern immer mehr auch die von Sachbearbeitern oder Fachangestellten. Wisskirchen nannte als Beispiele den Bereich der Steuerbehörden und den Bereich von einfachen Verwaltungstätigkeiten. Das zeige sich „im Bankenbereich ganz extrem, oder im Versicherungsbereich, dort werden zahlreiche Jobs abgebaut, die durch Algorithmen ersetzt werden können“. Diese Bereiche seien bisher nicht in dem Maß von Rationalisierungsmaßnahmen betroffen wie klassische Industrietätigkeiten.

    „Gleichzeitig werden wir natürlich auch einen Trend haben, dass neue Jobs entstehen. Im Bereich von Big Data-Analysten oder Programmierern oder auch in Bereichen, die durch die demografische Entwicklung weiterhin durch den Menschen genutzt werden, nämlich im Gesundheitswesen und im Altenpflegebereich.“ Auf diesen Feldern würden Roboter nicht so schnell den Menschen ersetzen, schätzte die Autorin ein. „Wir werden also zwei Trends gleichzeitig haben: einen Niedergang von traditionellen Jobs und einen Aufstieg von neuen Tätigkeitsfeldern. Die Frage ist natürlich, ob diejenigen, die ihre alten Jobs aufgeben müssen, geeignet sind die neuen Tätigkeiten auszuüben."

    Wie sie erklärte, gehen die meisten Studien vom Bruttosozialprodukt  aus und erwarten eine steigende Produktivität. Kritiker hätten allerdings nachgewiesen, dass in den letzten Jahren trotz der eingeführten Softwareprogrammen das Bruttosozialprodukt nicht gestiegen sei. Das führe zu einer Gerechtigkeits- und Verteilungsdebatte, meinte die Arbeitsrechtlerin. „Die Frage ist, was muss ein Gesetzgeber in Zukunft machen, um Wohlstand und möglicherweise auch Arbeit zu verteilen? Sei es Steuern zu erheben auf Roboter, oder eine menschliche Quote in Industriebereichen zu erheben, oder auch das derzeit ja vieldiskutierte Modell eines bedingungslosen Grundeinkommens. Das muss sich ein Gesetzgeber wahrscheinlich mal anschauen und dazu Stellung nehmen."

    Arbeitsrecht hinkt der Digitalisierung hinterher

    Die gegenwärtige Koalition in der Bundesrepublik tue wenig, um der Digitalisierung der Arbeitswelt gerecht zu werden. „Im Moment bewegt sich die reale Wirtschaftswelt in einem Lichttempo nach vorne, während die Gesetzgeber wie eine Schnecke hinterher hinken, so dass der Abstand zwischen dem tatsächlichen Wirtschaftsleben und den gesetzgeberischen Rahmenbedingungen immer größer wird.“ Wisskirchen verwies auf das Thema Arbeitszeit:  Hier sei die Idee der modernen Arbeitswelt „to work from anywhere at any place“ – also von überall und zu jeder Tageszeit zu arbeiten. Das passe aber nicht zu einem Zeitsystem, das elf Stunden Ruhepausen vorschreibe, am Sonntag Arbeit verbiete und am Tag maximal acht Stunden Arbeit zulasse. „Das passt in die heutige Welt mit mobilen Geräten und einer modernen Generation Y überhaupt nicht mehr rein.“

    Auch das Thema Vergütung sei „völlig althergebracht und orientiert sich an der Arbeitszeit, die der Arbeitnehmer am Ort verbringt“. Damit werde Anwesenheit vergütet und nicht Erfolg oder Resultat –„auch das wird sich ändern müssen“, sagte die Autorin. „Wenn Sie dann mal an die sogenannte Gig-Economy denken, die Möglichkeit, dass weltweit Jobs ausgeschrieben werden können und von jedem Ort der Welt auch geleistet werden können. Das passt nicht mehr zu unserer Vorstellung von Abgrenzung: Der eine ist Arbeitnehmer und der andere ist als selbstständig tätig.“

    Wisskirchen schlug vor, Selbstständige unter bestimmten Bedingungen sozial zu schützen. „Das wäre ein viel besseres Anliegen – Spanien hat das zum Beispiel getan –,  zu sagen: Die sozusagen kleinen Selbständigen schützen wir sozialversicherungsrechtlich, indem sie Zugang zu Rente und Krankenversicherung haben.“ Viele arbeitsrechtlichen Fragen, bis hin zur Arbeitnehmervertretung, seien eher „ein Vehikel des 19. als des 20. Jahrhunderts – als eben jeder genau wusste, was sein Betrieb war: nämlich in der Regel die Fabrik, in der man gearbeitet hat“. Auch das passe überhaupt nicht mehr mit der modernen Form des Arbeitens zusammen und stoße ständig an seine Grenzen, stellte die Arbeitsrechtlerin fest. 

    Das Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Arbeitsrechtsreform, Messe, Roboter, Technik, Hannover Messe 2017, Hannover, Deutschland