19:58 10 Dezember 2019
SNA Radio
    Afghanische Migranten - Archivfoto

    Prostitution junger Flüchtlinge: ein Scheinproblem?

    © AFP 2019 / Robert ATANASOVSKI / AFP
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    16543
    Abonnieren

    Die Prostitution junger männlicher Flüchtlinge wird zwar von den Medien thematisiert, die Politik tut aber nichts in der Sache. Die Organisation „Hilfe für Jungs“ sieht darin keine Unstimmigkeit, denn das Phänomen sei weder etwas Ungewöhnliches noch etwas Neues.

    Die Streetworker von Subway, einem Projekt der Organisation Hilfe für Jungs e.V., suchen mehrmals die Woche in Berlin Orte auf, an denen junge Männer der Prostitution nachgehen. Dort klären sie die Männer unter anderem über Gesundheitsschutz und sexuell übertragbare Infektionen auf und geben ihnen Tipps zu Vorkehrungen gegen sexuelle Ausbeutung und Gewalt. Seit 2016 treffen sie dort auch auf junge Flüchtlinge, die sich prostituieren – ein Moment, der von vielen Medien 2016 und 2017 beleuchtet wurde, aber keinen Niederschlag in der Politik gefunden hat. Zu Recht?

    Für Ralf Rötten, Geschäftsführer von Hilfe für Jungs e.V., ist die Prostitution junger Flüchtlinge nur ein Scheinproblem. „Immer sind die Themen Flucht und Sexarbeit miteinander gekoppelt, denn Sexarbeit ist eine der wenigen Möglichkeiten weltweit für geflüchtete Menschen, unkompliziert an Einkommen zu kommen, auch wenn sie wenig die Landessprache sprechen und keine Arbeitserlaubnis haben“, erklärt Rötten.

    Dabei gebe es drei unterschiedliche Motive, die junge Flüchtlinge in die Prostitution führten: „Die eine Motivation ist eine durchweg freiwillige, das Interesse, mit Sexualität Geld zu verdienen. Die zweite Motivation sind junge Männer, deren Asylverfahren entweder abgelehnt worden sind oder die überhaupt keinen Asylantrag gestellt haben und die von daher keine besonderen Leistungsansprüche hier in Berlin haben und/oder von Abschiebung bedroht sind. Und die dritte Gruppe sind junge Männer, die in anderen Städten, meist Kleinstädten, registriert und gemeldet sind, sich dort aber in keiner Weise wohl und angenommen fühlen und sich deshalb hier in Berlin aufhalten und sich damit ihren Lebensaufenthalt finanzieren.“

    Obgleich in islamischen Ländern das Thema Sexualität tabuisiert ist, verlaufe die Aufklärung unproblematisch. Es gebe dieselben Hemmnisse, wie man sie etwa in Gesprächen mit jungen Männern aus besonders katholisch oder orthodox geprägten Ländern kenne.

    Die mediale Beleuchtung des Phänomens sei nicht gerechtfertigt, weiß Rötten aus eigener Erfahrung. Schließlich arbeite man schon seit 25 Jahren mit Flüchtlingen, die der Prostitution nachgehen und im Verlauf des letzten Jahres habe es keine Zunahme der Prostitution bei jungen Flüchtlingen gegeben. Deswegen seien politische Maßnahmen verfehlt:

    „Wir haben im vergangenen Jahr insgesamt während unserer Präventionsarbeit über 5000 Präventionskontakte gehabt“, bemerkt Rötten dazu. „Davon waren 382 Kontakte mit jungen Männern aus arabischen und mittelasiatischen Ländern im Tiergarten.“ Das mache für den Helfer deutlich, dass das „kein brennendes Thema“ sei, sondern „ein ganz normaler Bestandteil von Leben auf der Flucht“.

    Handlungsbedarf aufseiten von Politik und Gesellschaft gebe es aber: „Ein gesellschaftliches Phänomen ist es auf jeden Fall, dass noch immer nicht offen und wertschätzend mit Sexualität und sexuellen Dienstleistungen umgegangen wird“, bemängelt Rötten. „Und ein gesellschaftliches Phänomen ist es auch, dass Menschen über Monate oder gar Jahre in Ungewissheit über ihren Asylstatus gelassen werden.“

    Und wie sieht das von offizieller Seite aus? Eine Sputnik-Anfrage bei den Polizeien von zwölf deutschen Städten ergab: Berlin, Bremen, Hamburg, Frankfurt am Main, Düsseldorf und Köln führen keine solchen Statistiken und können keine Zahlen nennen – die anderen Städte antworteten nicht. Auch das Bezirksamt Mitte, dem das Phänomen erst seit Februar 2017 bekannt sei, habe keine zahlenmäßigen Erhebungen durchgeführt. Allerdings habe man Maßnahmen getroffen, um den jungen Männern aus ihrer Lage zu helfen: Vor Ort werden Zuständigkeiten geprüft, die Unterbringung in Notunterkünfte geregelt sowie Sucht- und Ausstiegsberatungen vermittelt.

    Zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Kabinett will Prostituierte „schützen“ – Sex-Branche rebelliert gegen neues Gesetz
    Berlin zahlt Millionen-Miete für Flüchtlingsunterkunft, obwohl dort niemand lebt
    Kirchenasyl: Flüchtling in Kita-Keller ist Eltern ein Dorn im Auge
    Gutachten: Zuwanderung für Reformen nutzen – „Flüchtlinge sollen Werte annehmen“
    Tags:
    Flüchtlinge, Jugend, Prostitution, Europa, Deutschland