06:07 29 Februar 2020
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    Wenn Nietzsche gesagt hat: „Gott ist tot“, muss Rilkes Antwort gewesen sein: Er lebt wieder. In Russland fand Rilke seinen Gott und seine Dichterstimme. Zu den Künstlern Russlands pflegte er zeitlebens innigen Kontakt. Dieses Kapitel des Dichterlebens beleuchtet die Ausstellung „Rilke und Russland“, die seit Mittwoch in Marbach eröffnet ist.

    Rilke und Russland, das ist ein Kapitel für sich. Nicht nur pflegte Rilke, einer der wichtigsten Lyriker des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, Zeit seines Lebens viele Kontakte zu wichtigen russischen Künstlern jener Zeit, er fand auf seiner Reise auch das, was den Menschen jener Zeit verloren gegangen war: Gott.

    „Man muss sich vor Augen führen, dass Ende des 19. Jahrhunderts die religiöse Krise unglaublich stark war. Rilke hatte seinen Gott längst verloren“, erklärt Thomas Schmidt, künstlerischer Leiter der Ausstellung „Rilke und Russland“. „Der junge Rilke ist sicher nicht Nietzsche vollends gefolgt, dass Gott tot sei, aber er hat in der Zeit, kurz bevor er sich nach Russland orientierte, die Christusvisionen geschrieben, einen Gedichtszyklus, wo er unglaublich blasphemisch mit Christus umgeht.“

    Doch dann trifft sich Rilke noch unter religionskritischem Vorzeichen mit Lou Andreas-Salomé und tritt zwei Russlandreisen an, die sein Leben und seine Dichtung verändern. „Er kommt nach Russland, um vieles zu finden: sich selbst und die Dichtung und eine Heimat, vielleicht auch eine Familie, aber vor allem, einen Gott“, bemerkt Schmidt. Doch der Gott Rilkes ist nicht ein persönlicher, liebender und unproblematischer Gott, er ist kein Gott, an den man einfach glauben und zu dem man beten muss. Rilkes Russlandgott ist dunkel und muss vom Dichter unter großem Leiden geformt werden. „Dieser dunkle Gott, der irgendwie dem Lichtgott der katholischen Kirche oder der westlichen Kirche entgegengesetzt ist und der das Attribut dunkel sicher erhält aus dem orthodoxen Kirchenraum und aus den dunklen Ikonen, die damals ausgesprochen dunkel gewesen sind — dieser dunkle Gott ist ein Gegenbild, dass er sich schafft“, erklärt Schmidt. „Es ist ein sehr sinnlicher Gott, den er immer wieder in die Gegenwart zieht, in seine Wirklichkeit zieht und den er dann auch mitnimmt, der sein Gottesbild lange, bis in die Duineser Elegien hinein bestimmt. Er kommt als Gottsucher nach Russland und er will Gott unbedingt finden.“

    Aus Rainer Maria Rilkes „Das Buch vom Mönchischen Leben“:

    Mein Gott ist dunkel und wie ein Gewebe

    von hundert Wurzeln, welche schweigsam trinken.

    Nur, daß ich mich aus seiner Wärme hebe,

    mehr weiß ich nicht, weil alle meine Zweige

    tief unten ruhn und nur im Winde winken.

    Die Ausstellung „Rilke und Russland“ will diese Reisen und Rilkes Korrespondenzen mit russischen Künstlern durch etwa 280 Exponate beleuchten. Dazu gehören Briefe, Bücher, Rilkes Reisegeschirr aus der russischen Zeit, Briefbeilagen, die die Dichterin Marine Zwetajewa und er sich gegenseitig im Rahmen eines dichterischen Briefwechsels geschickt haben sowie der Briefwechsel im Original. Das Buch aus Boris Pasternaks Besitz mit Rilkes Neuen Gedichten. Ein Manuskript von Rilkes einzigem Roman. Aber auch ein Gemälde aus der Tretjakow-Galerie, das Rilke gesehen haben muss, konnte in die Ausstellung einfließen: Eine Studie zu Iwanows Erscheinung Christi. Überhaupt handelt es sich um eine bildreiche Ausstellung. „Die Ausstellung zeigt vor allem, dass Rilkes Faszination für die bildende Kunst und seine Dingpoesie eben nicht bei Rodin und in Frankreich, sondern schon in Russland einsetzen“, sagt Schmidt dazu, „und dass Russland das Land ist, das ihm Zeit seines Lebens Stabilität gegeben hat.“

    Mit der russischen Seite habe man bereits 2014/15 erfolgreich kooperiert, als es um eine Fotoausstellung zu Tschechows Sachalinreise ging. In diesem Kontext sei die Idee zu „Rilke und Russland“ entstanden. Man habe außerdem noch die Schweiz eingebunden, denn diese sei das Land gewesen, in dem Rilke gestorben ist und seine stabilste Zeit verlebt habe. Die Wanderausstellung habe einen „erheblichen Aufwand“ bedeutet, da hier zweimal EU-Außengrenzen passiert werden müssen. Dass die Ausstellung stattfindet ist ein Zeichen vorbildlicher internationaler Zusammenarbeit im Bereich der Kultur.

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    Tags:
    Reise, Leben, Ausstellung, Kultur, Rainer Maria Rilke, Deutschland, Russland