08:53 19 Dezember 2018
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    Chefarzt und Krankenschwestern des Krankenhauses Pervomaisk beim Empfang der Hilfslieferungen

    Deutsche Hilfe für den Donbass – der Politik ist das Thema zu heiß

    © Foto : Iwana Steinigk
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    Am 4. Mai schickt das Thüringer Aktionsbündnis "Zukunft Donbass" einen weiteren Hilfstransport in die nichtanerkannte Volksrepublik Lugansk. Diesmal wird Sanitärtechnik für ein Krankenhaus geliefert. Da die Ukraine bisher die Unterstützung dieser Transporte verweigerte, müssen die Organisatoren über Russland in das umkämpfte Gebiet reisen.

    Das Aktionsbündnis "Zukunft Donbass" aus Thüringen unterstützt seit über einem Jahr Menschen in Not direkt im Donbass, wie Sputnik berichtete:

    Den Initiatoren geht es darum, den Menschen in dieser Krisenregion Hilfe zukommen zu lassen und ihnen damit das Überleben möglich und erträglich zu machen.

    Besonders Krankenhäuser sind aufgrund des anhaltenden Krieges im Donbass, in dem auch tausende Zivilisten verletzt und getötet wurden, überlastet, durch Beschuss beschädigt und durch die Wirtschaftsblockade schlecht ausgestattet. Krankenhäuser waren und sind oft Ziel vorsätzlicher Zerstörung durch die ukrainische Seite.

    Eines der noch nicht renovierten Patientenzimmer im Krankenhaus Pervomaisk
    © Foto : Iwana Steinigk
    Eines der noch nicht renovierten Patientenzimmer im Krankenhaus Pervomaisk

    Eine der Initiatorinnen der Hilfslieferungen, Iwana Steinigk, war im April in Lugansk und hat dort mit Ärzten und Bürgern gesprochen, um sich ein Bild zu machen über die Lage vor Ort:

    „Die Menschen leiden natürlich unter den Folgen des Krieges und der Blockade. Aber die Lebensmittelgeschäfte haben wieder geöffnet, die Schulen sind in Betrieb, die Krankenhäuser werden renoviert. Man sieht durchaus kleine Fortschritte vor Ort, dass wieder aufgebaut wird. Einige Krankenhäuser wurden mit Hilfe russischer Hilfsgelder saniert. Die Einschusslöcher der Raketenwerfer wurden beseitigt. Aber es gibt nur ganz wenige medizinische Geräte und die Patientenzimmer sind schlecht ausgestattet.“

    Das Thüringer Aktionsbündnis konzentriert seine Hilfe auf die Städte Pervomaisk und Nowosvetlowka in der selbsternannten Volksrepublik Lugansk. Die beiden Orte nahe der Demarkationslinie wurden zu ca. 45 Prozent zerstört.  Am 4.Mai schicken die Thüringer wieder einen LKW mit Krankenhausbetten, Mobiliar für Patientenzimmer, Infusionsgeräten, EKGs und Rollstühlen nach Lugansk. Diese Geräte bekommen Sie aus abgeschriebenen Restbeständen Thüringer Krankenhäuser. Der aufwendige Transport wird durch rein private Spendengelder finanziert. Trotz völliger Transparenz von Seiten der Organisatoren und regelmäßiger Anschreiben hat das Aktionsbündnis bisher keine Unterstützung von Seiten der deutschen Politik erfahren. Iwana Steinigk erklärt sich dies so:

    „Ich habe den Eindruck, dass der deutschen Politik das Thema zu heiß ist. Da kam bisher keine Unterstützung. Wenn man die Pressekonferenz in Sotschi und die völlig unterschiedlichen Standpunkte von Frau Merkel und Herrn Putin gehört hat zum Konflikt in der Ostukraine und dessen Ursachen, wird deutlich, dass die deutsche Sicht sich komplett vom russischen Narrativ unterscheidet.“

    Die Lieferung der Hilfsgüter erfolgt über Russland. Offiziell ist so eine Einreise in die abtrünnigen Gebiete laut ukrainischem Gesetz illegal. Dafür wurde das Aktionsbündnis bereits verwarnt, obwohl sie sich mehrmals um einen offizielle Genehmigung der Ukraine bemüht haben:

    „Wir wurden kontaktiert vom Außenministerium der Bundesrepublik Deutschland und in einem Gespräch darüber informiert, dass es illegal ist, was wir da tun. Daraufhin haben wir jetzt noch einmal offizielle Anfragen nach Kiew geschrieben, wo wir uns und unsere Arbeit vorstellen. Das hatten wir allerdings auch schon getan, bevor wir vor über einem Jahr mit den Transporten begonnen haben und keine Antwort bekommen. Jetzt warten wir auch wieder auf eine Antwort, wie wir auf legale Weise diese Hilfsgüter in die Volksrepublik Lugansk schicken können. Wir können uns das allerdings nur schwer vorstellen, da das Gebiet ja inzwischen von ukrainischer Seite komplett blockiert wird.“, so Frau Steinigk im Interview für sputniknews.

    mit Hilfslieferungen ausgestattetes Patientenzimmer im Krankenhaus Pervomaisk
    © Foto : Iwana Steinigk
    mit Hilfslieferungen ausgestattetes Patientenzimmer im Krankenhaus Pervomaisk

    Nachdem erst der Handel eingestellt wurde, hat die Ukraine inzwischen auch die Stromversorgung des Lugansker Gebietes gekappt. Dadurch verschärft sich nicht nur die Situation der Menschen, die dort leben, sondern dies hat durchaus auch politische Konsequenzen, meint Frau Steinigk:

    „Wenn man die Gebiete völlig abtrennt von der Strom, Gas- und Wasserversorgung, drängt man die Menschen ja auch immer mehr in Richtung Russland. Ich glaube, diese Taktik ist durchaus beabsichtigt.“

    Eine Reintegration des Donbass scheint inzwischen auch von ukrainischer Seite nicht mehr gewollt zu sein. Im Moment dürfte die Ukraine auch nicht in der Lage zu sein, die entstandenen Schäden zu reparieren und den Wiederaufbau zu finanzieren. So bleibt der Status der Menschen in diesen Gebieten nach wie vor in der Schwebe und auch im Herzen entfernen sich die Einwohner der selbsternannten Volksrepubliken immer mehr von der Ukraine, wie Frau Steinigk im Gespräch mit den Luganskern empfand:

    „Der überwiegende Teil der Menschen, mit denen ich in Lugansk gesprochen habe, kann es sich nur schwer vorstellen, in die Ukraine zurückintegriert zu werden. Nicht nur auf praktischer, sondern auch auf emotionaler Ebene wäre es für die Menschen kompliziert, zurückzukehren in ein Land, das sie beschossen hat.“

    Informationen zum Aktionsbündnis "Zukunft Donbass" finden Sie unter www.zukunftdonbass.org.

    Spenden können Sie hier: www.betterplace.org

    Armin Siebert

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    Tags:
    Ärzte, Krankenhäuser, Wirtschaftsblockade, Blockade, Humanitäre Hilfsgüter, Medizin, Thüringer Aktionsbündnis, Thüringen, Donbass, Deutschland, Ukraine