15:56 27 Juni 2017
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    Radfahrer in Europa

    Ausbeutung auf dem Fahrrad: Lieferdienste unter Beschuss Beschäftigte wehren sich

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    Gegen prekäre Arbeitsbedingungen haben Fahrradkuriere am Donnerstag in Berlin auf den Straßen, auf denen sie sonst ausliefern, demonstriert. Unternehmen wie Foodora oder Deliveroo beuten ihre Mitarbeiter aus und interessieren sich nicht für sie, so die Kritik unter anderem von der Initiative #deliverunion.

    Bei strahlendem Sonnenschein trafen sich in Berlin-Kreuzberg etwa 100 für die Lieferdienstleister Deliveroo und Foodora Tätige sowie Gewerkschaftsvertreter, um auf die schlechten Bedingungen in der Kurierbranche hinzuweisen. Die Fahrrad-Demo wurde von der Polizei durch Berliner Innenstadt begleitet. Gegenüber Sputnik beklagten die Fahrer die schlechte Bezahlung und einen hohen Druck. Der Fahrradkurier Calvin schilderte die Situation für viele: „Manche von uns arbeiten viel zu wenig, … wir müssen für all unsere Materialien und Reparaturkosten selber aufkommen. Wir arbeiten draußen im Regen, im Schnee, in der Kälte jetzt in der Sonne. Es ist megaanstrengend! Wir kriegen nicht genug und von uns wird viel zu viel gefordert.“

    Trotz der eher schlechten Bedingungen für die Beschäftigten gibt es eine hohe Nachfrage für diese Arbeitsstellen. Die beiden expandierenden Lieferdienstleister Foodora und Deliveroo, sogenannte Start up-Unternehmen, beschäftigen Informationen zufolge allein in Berlin rund 1000 Kuriere. Für die Unternehmen scheint es lukrativer zu sein, mehr Fahrer einzustellen als benötigt, um auch die Arbeit flexibler verteilen zu können. Doch dadurch ergeben sich Nachteile für die Beschäftigten. So findet bei den Angestellten ein regelrechter „Verschleiß der Arbeitskräfte“ statt, wie zum Beispiel Leo, Fahrer bei Foodora, beklagt:

    „Wir haben eine ziemlich schnelle Kündigungssituation bei uns. Die Leute werden teilweise ziemlich schnell herausgekantet. Es ist kein gesundes Umfeld. Man fühlt sich bedroht, man wird klein gehalten. Ich wünsche mir, dass ich von meinem Arbeitgeber mehr als Arbeiter gesehen werde und nicht als austauschbarer Hobbyfahrer. Ich wünsche mir mehr Sicherheit und Planungssicherheit, was Schichten angeht. Da wird eingestellt, obwohl wir viel zu viele Fahrer haben.“

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    © Sputnik.
    Protest der Lieferboten in Berlin

    Die Beschäftigungsvoraussetzungen bei den beiden Start-Ups seien nur ein Fahrrad, ein internetfähiges Smartphone, aber auch ein Internetanschluss. „Die Kosten müssen die Fahrer selbst tragen“, beklagt eine Foodora-Mitarbeiterin, die namentlich nicht genannt werden will. „Neulich haben wir eine neue Handy-App bekommen. Diese war nur für Android 4.2 und höher geeignet. Alle, die ein älteres Handy hatten mussten sich ein Neues anschaffen damit sie weiter bei Foodora arbeiten können. Das sind solche Sachen, wo man merkt, dass Foodora auf die einzelnen Mitarbeiter keinen Wert legt.“

    Vor drei Wochen wurde die Kampagne #deliverunion in Berlin gestartet. Die selbstorganisierte Kurierfahrer-Gewerkschaft hatten mit der Hilfe der Gewerkschaft „Freie Arbeiterinnen und Arbeiter Union“ (FAU) den Unternehmen drei Wochen Zeit gegeben, einen Gesprächstermin auszumachen. Das sei nicht geschehen", erklärt Clemens Meltzer, Pressesekretär der FAU Berlin. Es gebe Stellungnahmen der Unternehmen zu den Forderungen, aber noch keinen Gesprächstermin. „Jetzt machen wir eine Kundgebung, um einerseits mit anderen Fahrern in Kontakt zu kommen, um Öffentlichkeit herzustellen, aber auch um den Unternehmen zu sagen: Wir sind noch da! Unsere Forderungen bleiben!“ Das Problem sei, dass die Fahrer es mit einer sehr prekären Arbeit zu tun haben und gerademal 14 Cent mehr als den Mindestlohn pro Stunde bekämen. Von der #deliverunion-Kampagne erhofft sich der Gewerkschaftler, Veränderungsprozesse anstoßen zu können.

    Die Ursprünge der #deliverunion-Kampagne liegen in Großbritannien. In London organisierten Deliveroo-Fahrer einen Streik und wehrten sich erfolgreich gegen die niedrigen Löhne und gegen das Problem der Scheinselbstständigkeit, was in England ein großes Thema ist. Auch in Mailand und Turin kämpften die Fahrerinnen und Fahrer erfolgreich für höhere Löhne beim Berliner Start up-Unternehmen Foodora mit selbstorganisierten Streiks und Protestaktionen. Die Arbeitskämpfe in Großbritannien, aber auch in Norditalien seien ein Vorbild für die FAU Berlin. Bisher hätten sich die Arbeitgeber allerding kooperativ gezeigt: „Vor Allem, was die Kostenübernahme von Arbeitsmitteln betrifft.“ Da  hätten die Unternehmen Besserungen versprochen, so der FAU-Sprecher Meltzer.

    Paul Linke

    Das Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Lieferservice, Boote, Protest, Streik, Berlin, Deutschland
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