13:50 24 Juni 2019
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    Kinder in Manchester: „Terror brennt sich in Köpfe ein“ – Spiele als Therapie

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    Ein Terroranschlag wie der jüngste in Manchester kann Familien und Gesellschaft „solidarisch stärken“, meint der Kindertherapeut Christian Lüdke. Kinder und Jugendliche, die als Verletzte oder Zuschauer Opfer von Terrorismus werden, können teilweise durch Computerspiele therapiert werden, so der Experte.

    „Wenn Kinder und Jugendliche einen Terroranschlag überleben, dann ist das ein unglaublich schockierendes Erlebnis, das zu starken seelischen und körperlichen Belastungsreaktionen führt“, sagte der Essener Kinder- und Jugendpsychotherapeut Christian Lüdke gegenüber Sputnik. Dafür sei der Terroranschlag in Manchester ein Beispiel. Bei dem Attentat auf ein Pop-Konzert am Montagabend gab es laut Angaben der britischen Behörden mindestens 23 Todesopfer und 59 Schwerverletzte. Unter den Opfern seien viele Kinder und Jugendliche gewesen, hieß es.

    „Die Bilder brennen sich sehr tief in das Bewusstsein und in die Gehirnstrukturen der Kinder ein“, sagte der Trauma-Forscher mit Blick auf die jungen Opfer. „Die ausgeschütteten Stresshormone im Körper können so massiv sein, dass sie sich regelrecht in das Gehirn einbrennen.“ Es sei wichtig, dass Eltern ein stabiles soziales Umfeld bereitstellen, angemessen reagieren, den betroffenen Kindern Stabilität vermitteln und als Bezugspersonen nach solch einem traumatisierenden Vorfall Hoffnung und  Zuversicht vermitteln. „Eltern, die ihre Kinder bei Terrorattacken verlieren, sind in der Regel ein Leben lang untröstlich“, so der Experte.

    Terror führt zu mehr solidarischem Verhalten

    Aber paradoxerweise könnten Terroranschläge Familien und die Gesellschaft als Ganzes näher zusammenbringen. Solche Ereignisse führten oft dazu, dass Menschen sich miteinander solidarisieren. Es gehe um Zusammenhalt, um als „Schicksalsgemeinschaft“ dem Terror zu trotzen. „Terror kann im Idealfall Familien stärken. Man rückt näher zusammen, Probleme und Streitigkeiten treten in den Hintergrund. Ich habe in meiner Arbeit als Therapeut viele Familien erlebt, die nach traumatischen Ereignissen eine sehr positive starke Entwicklung gemacht haben.“ Wichtig sei, schnell wieder in den Alltag zurückzukehren. Dies funktioniere am besten über die Familien, erklärte Lüdke.

    „Das Sicherheitsgefühl der Menschen hat sich durch den Terrorismus verändert. Terror ist nicht etwas, was weit weg passiert. Sondern was jeden Menschen überall und jederzeit treffen kann: Im Urlaub, auf dem Konzert, in der Freizeit.“ Auch deshalb beschäftige sich die Trauma-Forschung seit längerem mit dem Terror und seinen Folgen. Dazu hätten zahlreiche Studien in Israel zu Selbstmordattentaten beigetragen. Wissenschaftliche Untersuchungen hätten ergeben, dass nur sieben Prozent der Bevölkerung eine Therapie nach einem Terroranschlag benötigen. Dem Rest könne teilweise „spielerisch“ geholfen werden. Ein junges Terroropfer müsse sich grade direkt nach einem erlebten Anschlag mit „schönen Dingen und Aktivitäten“ ablenken. Dies könne auch über Computer- und Konsolenspiele funktionieren. 

    Computerspiele als Therapiehilfe

    Besonders in der „Akutphase“, der zeitlichen Phase direkt nach einem erlebten Anschlag, sei dies wichtig.

    „Es gibt eine Studie der britischen Forscherin Emily Holmes aus dem vergangenen Jahr, in der sie viele hunderte Trauma-Betroffene nach Anschlägen untersucht hat. Die Probanden spielten dabei in der Akutphase Computerspiele wie ‚Super Mario‘ oder ‚Tetris‘. Die Studie konnte zeigen, dass sich durch das Spielen die grauenhaften Bilder erst gar nicht ins Gehirn einbrennen können. Das Spielen verhindert, dass Stresshormone im Gehirn zu hirnorganischen Schäden führen können. Das Erledigen einfacher Dinge in der Akutphase ist also eine überaus wertvolle Hilfe. Computerspiele gehören dazu.“

    Der Trauma-Experte plädierte für einen neuen Umgang an Schulen mit Terrorismus und Angst. Das Thema müsse Bildungsinhalt werden. „Schulen müssen Kinder früher dazu ermutigen, offen ihre Gefühle und Ängste auszudrücken. Wir dürfen keine Angst vor der Angst haben. Das ist die beste Prävention gegen Terrorangst.“

    Alexander Boos

    Das Interview zum Nachhören:

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    Trauma, Störung, Therapie, Psychologie, Terroranschlag, Opfer, Manchester, Großbritannien