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15:08 17 Oktober 2019
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    NPD-Demo in Berlin (Archivbild)

    War Studie zu „Rechten im Osten“ ein Fake? – Forscher: „Haltloser Vorwurf“

    © AFP 2019 / Odd Andersen
    Gesellschaft
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    Zeitungen erheben Vorwürfe gegen die neue Studie „Rechtsextremismus in Ostdeutschland“, erarbeitet im Auftrag der Ost-Bundesbeauftragten. Die Studie beinhalte „erfundene Personen“, so die Behauptungen. Wissenschaftler der Studie bestreiten das und sprechen von einer „Medien-Kampagne“ gegen sie. Experte bewertete die Studie als „absolut angemessen“.

    Der Vorwurf, das Institut für Demokratieforschung an der Universität Göttingen hätte für die Studie Personen „frei erfunden“, sei ein haltloser und durch keine Fakten gedeckt, erklärte Sozialwissenschaftler Michael Lühmann vom Institut auf Sputnik-Nachfrage. Er ist Mitglied im Team, das unter Leitung des Politikwissenschaftlers Franz Walter die Studie im Auftrag der Bundesbeauftragten für die neuen Bundesländer erstellt hatte. Das Institut werde die Studie nun überarbeiten und die „missverständlichen“ Kennzeichnungen anonymer Personen darin korrigieren. „Diese Änderung wird bald einsehbar sein, um den haltlosen Unterstellungen den Wind aus den Segeln zu nehmen“, sagte Lühmann im Sputnik-Gespräch.

    Kritik basiert auf einem einzigen Artikel der Welt

    „Es ist bisher ein einziger Medienvorwurf, formuliert von einem einzelnen Journalisten, der wider besseren Wissens Dinge behauptet, die so einfach nicht stimmen“, sagte Lühmann weiter. Laut ihm gehe die öffentliche Kritik an der Untersuchung allein auf einen einzigen Online-Artikel der Welt zurück. Der Beitrag nahm für seine Kritik den Umstand zur Grundlage, dass die befragten Personen manchmal mit vollem Klarnamen, manchmal nur mit dem Familiennamen in der Studie zitiert werden. „Wir haben die Anonymisierung dadurch kenntlich gemacht, dass wir die befragten Interviewpartner nur mit ‚Herr‘ und ‚Frau‘ angegeben haben. Bei den Befragten, die uns eine volle Freigabe erteilt hatten, haben wir die Person mit vollem Namen und Funktion in der Studie benannt“, schilderte der Rechtsextremismus-Forscher.

    Bezugnehmend auf den Beitrag in der Welt schrieb der Tagesspiegel später ebenso:

    „Problem ist offenbar vor allem die Zitierweise bei einigen der Experten sowie bei anderen Akteuren, die für die Studie interviewt wurden.“

    Konzept von anonymen Namen nicht verstanden?

    Das Zitieren anonymer Quellen sei laut Lühmann notwendig, wenn Forscher im rechtsextremen Milieu recherchieren.

    „Wir haben den Journalisten Herrn Leubecher von der Welt ganz klar erklärt, wie in unserer Studie Anonymisierung und Verfremdung von befragten Personen abgelaufen sind. Eben weil sie in einem gefährlichen politischen Umfeld agieren, müssen wir sie anonym zitieren.“

    Es sei eine gängige wissenschaftliche Methode, dass Quellen geschützt und deren Identität nicht preisgegeben werden. Auch im Journalismus sei diese Vorgehensweise bekannt. „Als ‚Nestbeschmutzer‘, die mit Wissenschaftlern über Rechtsextremismus reden, können diese Personen durchaus lebensgefährlichen Ärger mit der rechtsradikalen Szene in ihren Heimatorten bekommen. Der Erfurter Stadtteil Herrenberg beispielsweise ist ein sehr kleinräumiger Raum, wo viele Leute nur unter großer Angst mit uns gesprochen haben. Auch das sind Ergebnisse unserer Studie.“ Das Institut habe zu allen durchgeführten Interviews Tonbandaufnahmen und dokumentierte Transkripte.

    „Kampagne“ der Journalisten gegen die Wissenschaftler?

    Der Wissenschaftler wiederholte im Sputnik-Interview das Statement der Welt-Redaktion gegenüber dem Göttinger Institut: „Die Redaktion bleibt bei der Behauptung, unsere Studie beinhalte wissenschaftliche Fehler. Das weisen wir entschieden zurück.“ Er verwies auch auf die Presseerklärung seines Instituts. „Wir verwahren uns entschieden gegen die von Herrn Leubecher angestrengte Kampagne gegen die Autoren der Studie und möchten bei allen Gesprächspartnern unser Bedauern ausdrücken, dass Sie mit Ihren Äußerungen so in die Öffentlichkeit gezerrt werden.“, heißt es in dieser. Das unterstrich auch die Pressemitteilung der zuständigen Bundesbeauftragten für Ostdeutschland. „Ich sehe keinen Grund für Zweifel an Inhalt und Methodik der Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung. Und ich bleibe dabei: Ursachenforschung ist wichtig und unentbehrlich“, wurde die Bundesbeauftragte, Iris Gleicke (SPD), zitiert.

    Marcel Leubecher, der Redakteur der Welt, ließ unsere Sputnik-Anfrage unbeantwortet. Auch der Tagesspiegel-Autor war für eine Stellungnahme gegenüber Sputnik nicht zu erreichen. Die Politik-Redaktion der Berliner Tageszeitung wollte keinen Kommentar zu der Angelegenheit abgeben.

    Experte: „Überschriften der Zeitungen sind irreführend“

    Dr. Oliver Decker, Rechtsextremismus-Experte am Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung in Leipzig, hatte auf Sputnik-Anfrage die Studie bereits vor einigen Tagen als Experte begutachtet. Er nannte die Studie damals bereits „wissenschaftlich einwandfrei“. Für eine qualitative Erhebung sei die Arbeit der „Göttinger Kollegen sehr angemessen“ gewesen. Der Leipziger Wissenschaftler kommentierte auf Anfrage auch die aktuellen medialen Vorwürfe gegen die Studie: „Die Überschrift des Welt-Beitrags behauptet etwas, was der Artikel nicht einlösen kann. Dass auch der Tagesspiegel in der Überschrift von ‚Fehlern‘ schreibt, ist meines Erachtens durch die anschließende Nachricht ebenso wenig gedeckt. Als Wissenschaftler kann ich das nur mit Sorge beobachten.“ Der Rechtsextremismus-Forscher habe den Eindruck, dass eine nach wissenschaftlichen Standards ordentlich durchgeführte Studie „diskreditiert“ werden solle.

    Alexander Boos

    Das Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Forscher, Experte, Antwort, Vorwurf, Kritik, Studie, Rechtsextremismus, Die Welt, Deutschland