Widgets Magazine
17:03 19 Oktober 2019
SNA Radio
    Schweinkopf auf dem Gelände einer geplanten Moschee

    Mit Schweinefleisch gegen Moschee-Pläne: „Ramadan-Provokation“ in Erfurt

    © Foto : Suleman Malik
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    14811
    Abonnieren

    Unbekannte haben am vorigen Wochenende in Erfurt tote Schweinekadaver auf das Grundstück einer geplanten Moschee verteilt. Die muslimische Gemeinde verurteilt den Anschlag. Der Staatsschutz ermittelt. Stadt bezeichnete Tat im Fastenmonat als „provozierend“. Die AfD nennt allerdings Hamster als Grund für möglichen Baustopp.

    Die bisher noch unbekannten Täter waren laut Polizei am vergangenen Wochenende in das Gelände der geplanten Moschee der islamischen Ahmadiyya-Gemeinde in Erfurt-Marbach eingebrochen und haben Schweineköpfe, Innereien und weitere auf Holzpfählen aufgespießte Schweinetierreste auf dem Grundstück hinterlassen. „Das ist ein Angriff auf unser friedliches Miteinander“, sagte Gemeindesprecher Mohammad Suleman Malik gegenüber Sputnik. Der Vorfall zeige das politische Klima in Thüringen.

    „Ein Klima der anti-muslimischen Kritik. Wir dagegen wollen mit unseren Kritikern kommunizieren, einen Dialog führen. Aber natürlich denken wir auch über juristische Maßnahmen nach, wir haben bereits Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Nun ist es Sache der Justiz. Wir antworten mit Geduld und Besonnenheit“, so der Sekretär für Öffentlichkeitsarbeit der Ahmadiyya-Gemeinde Thüringen weiter.

    Der Staatsschutz der Kriminalpolizei Thüringen ermittelt. „Beamte haben bereits die Kadaver und Holzstangen sichergestellt“, sagte Judith Schnupphase-Stahn, Sprecherin der Landespolizeiinspektion Erfurt, gegenüber Sputnik. „Die Spurensicherung wertet nun vor allem die Holzpfähle aus, um tatverdächtige Spuren zu sichern. Im Grunde sind die Ermittlungen jetzt erst angelaufen. Wir suchen derzeit verstärkt nach Zeugen in der Bevölkerung.“ Eine aktuelle Täterspur gebe es noch nicht.

    Im Islam gilt Schweinefleisch als „unrein“, sein Verzehr ist für Muslime verboten. „Aber dennoch ist das Schwein auch ein Tier“, so Malik weiter. „Hier fanden Tiermisshandlungen statt, Tierschutz wurde missachtet. Wir betrachten das mit Sorge.“ Seine Gemeinde sehe keinen gesamtgesellschaftlichen Protest. „Wir denken, dass es eine sehr kleine Randgruppe ist, die solche Taten begeht und damit jegliche Grenzen der zivilrechtlichen Verhaltensnormen überschreitet. Wir finden es traurig, dass sich Menschen auf diese Ebene begeben. Es gehört nicht in unsere Stadt“, betonte der Gemeindesprecher. Auch die Stadtverwaltung verurteilte die Tat. Es sei eine Provokation, mitten im grade angebrochenen islamischen Fastenmonat Ramadan.

    „Nicht nur der Oberbürgermeister, sondern ein breites Bündnis aus Bürgern, Vereinen und Politik der Stadt Erfurt positioniert sich gegen diese Tat“, erklärte eine Sprecherin der Stadt Erfurt im Gespräch mit Sputnik. „Natürlich müssen wir neutral in der Sache bleiben. Aber wir wollen deutlich machen, dass nicht jeder Bürger in Marbach etwas gegen die Moschee hat“, so die Kommunalsprecherin weiter.

    Im Mai 2016 hatte die Ahmadiyya-Gemeinde Pläne für den Neubau einer Moschee im Erfurter Ortsteil Marbach vorgestellt. Bereits seit damals gibt es Proteste gegen den geplanten Bau. Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag, bezeichnete das Projekt als „Teil einer langfristigen Landnahme“ durch Muslime. Moscheen seien „Symbole dieser Landnahme“. „Wir verurteilen, dass Politiker solche öffentlichen Aussagen tätigen“, stellte Malik klar. Damit würden nur Ängste geschürt. „Wir hoffen, dass auch die AfD diese Tat öffentlich verurteilt“, machte der Muslim-Sprecher deutlich. Zumal seine Gemeinde die Moschee über Spenden und Mitgliederbeiträge finanziere und dabei keine staatlichen Gelder erhalte.

    „Wir finden die Aktion mit den Schweinen geschmacklos und pietätlos“, erklärte die religionspolitische Sprecherin der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag, Corinna Herold, auf Sputnik-Anfrage. „Wir wählen grundsätzlich immer andere Mittel der politischen Auseinandersetzung. Solche Mittel gehören nicht zum politischen Repertoire von uns. Wir distanzieren uns von Gewalt.“ Die AfD wolle sich laut der Landespolitikerin an keiner Spekulation beteiligen über mögliche Täter. „Ich kann nur die Frage stellen: Wem nützt es? Den Gegnern des Bauvorhabens nutzt diese Aktion jedenfalls nicht.“ Sie erinnerte an die jeden Montagabend durchgeführten Demonstrationen vor dem Grundstück der muslimischen Gemeinde, an denen Bürger aus dem Ortsteil und Erfurt teilnehmen, um gegen den Bau der Moschee zu protestieren.

    Malik erinnerte an frühere Aktionen gegen die geplante Moschee. „Es war ja nicht der erste Anschlag auf unser Gelände, auf dem wir unsere Moschee bauen wollen“, sagte er. Eine Bürger-Gruppierung stellte aus Protest gegen die Moschee erst im März zwei Holzkreuze auf neben dem geplanten Bauplatz des Ahmadiyya-Gotteshauses. Später griffen die Grundstückseigentümer durch und ließen die Kreuze abbauen. „Laut unseren Erkenntnissen wurden die Kreuze damals jedoch nicht von Erfurtern angebracht, sondern Kräfte von außerhalb hatten die Kreuze justiert“, sagte die Sprecherin der Stadt Erfurt zu dem Vorfall. Zuvor pfiffen im Juni 2016 Protestierende auf einer Veranstaltung Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) aus, als dieser den Bau der Moschee unterstützte. „Wir lassen uns dadurch nicht abhalten und bauen unsere Moschee dennoch“, machte Malik klar. 

    Laut ihm liege der Bauantrag für den Bau der neuen Moschee aktuell in Prüfung bei den Baubehörden. Sobald die baurechtlichen Angelegenheiten geklärt seien, könne das Bauvorhaben wohl frühestens Anfang 2018 starten. Laut der AfD Thüringen sei der Bau fraglich. Denn es gebe auf diesem Gelände nachweislich Hamster. Eine Umweltbehörde beschäftige sich aktuell mit der Hamster-Frage. „Bevor diese Frage nicht geklärt ist, ruht der Bau“, behauptete AfD-Frau Herold.

    Alexander Boos

    Die Interviews zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Moschee-Verein Fussilet verboten - Großeinsatz der Polizei in Berlin
    Nach Terroranschlag von Berlin: Behörden schließen Fussilet-Moschee
    Deutsche Polizei sucht nach „Hand Ankaras“ in Moscheen
    Nur Abschottung und Antidemokratie in deutschen Moscheen gepredigt – Recherche
    Tags:
    Islamophobie, Moschee, Angriff, Xenophobie, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Erfurt, Sachsen, Deutschland